Lockern, tracken oder ausmerzen?

Australien steht still: Gute Zahlen, schlechte Bilanzen

Julica Jungehülsing Eine gelb-rote Lifesaver-Flagge weht vor dem weitgehend menschenleeren Strand von Bondi Beach in Sydneys Osten

New South Wales, Australien, 27. April 2020, Julica Jungehülsing

Australien trifft die Corona-Pandemie vor allem wirtschaftlich. Fachleute rechnen mit der größten Finanzkrise seit den 1930ern. Unterdessen sinken Infektionszahlen und Todesfälle, die Regierung wirbt trotzdem im Halbstundentakt in TV und Radio für eine freiwillige Tracking-App, die natürlich nicht Tracking App heißt. Und einige Virologen und Politiker reden davon, das Virus eliminieren zu können.

Die Corona-Kurven in Australien sehen inzwischen so aus, als würden sich die 25 Millionen Bewohner des sogenannten "Lucky Country" glimpflich durch die Krise manövrieren – auf jeden Fall was Infektionen und Todesopfer angeht: 12 neue Infektionen gab es in den letzten 24 Stunden, insgesamt haben sich 6.720 Menschen in den acht Bundesstaaten und Territorien mit dem Coronavirus infiziert, 83 Menschen starben an Covid-19, 5.586 sind wieder gesund. (Stand 27.4.2020). Das entspricht ungefähr den Zahlen Berlins. Gut 450.000 Australier wurden getestet (weil sie Symptome hatten oder aus dem Ausland zurückkehrten), 1.5 Prozent mit positivem Ergebnis.

All das wurde nicht ohne Anstrengung erreicht: Ausgangssperren, Strände verbarrikadiert, Schülerinnen zu Hause, Restaurants dicht, Unis geschlossen, auf der Couch arbeiten, allerdings dank der Netzüberlastung mit Internetgeschwindigkeiten wie zu Dial-up-Zeiten (niemand telefoniert mehr, jede Absprache wird gezoomt. Queensland, Westaustralien, das Northern Territory und Tasmanien schlossen gar ihre Grenzen, Vor die Tür darf theoretisch nach wie vor nur, wer muss, Sport treibt oder einkauft, wobei die verschiedenen Bundesstaaten Verstöße unterschiedlich streng ahnden.Im Meer schwimmen und surfen – für 75 Prozent aller Australier eine tägliche Selbstverständlichkeit - wurde vor allem an den Küsten der Großstädte verboten. Golfen ist seltsamerweise erlaubt: solange man sich im Buggy nicht auf die Pelle rückt.

Im Hintergrund geistert auf dem Inselkontinent aber auch die Vision der "kompletten Ausmerzung des Virus" durch die Medien. So sagte Kirsty Short, Virologin der University of Queensland dem Sender ABC, Australiens niedrige Fallzahlen der letzten zwei Wochen legten nahe, dass eine Ausmerzung des Virus denkbar sei. Der WHO zufolge ist dieser Zustand erreicht, wenn es vier Wochen lang keine einzige Infektion gab – das Pendant zu zwei Inkubations-Phasen. Dr. Short zufolge ist diese Strategie allerdings nur realistisch, wenn die Grenzen für “unbegrenzte Zeit” geschlossen bleiben. Wie attraktiv diese Lösung ist, ist eine andere Frage.

Nachbar Neuseeland - das ähnlich früh aber deutlich härtere Ausgangsbeschränkungen einführte - spielt als bisher einzige westliche Nation öffentlich mit dem Gedanken, das Virus komplett zu eliminieren. “Wir haben die Gelegenheit etwas zu tun, dass noch kein anderes Land erreicht hat - Eliminierung des Virus”, sagte Jacinda Ardern vergangene Woche in Wellington. Dann schob sie die Warnung nach, die Beschränkungen dürften daher nicht zu früh gelockert werden. Würde beiden Südhalbkugel-Nationen die Ausmerzung gelingen, könnten sie sich immerhin noch gegenseitig besuchen – derweil der Rest der Welt draußen bleibt. Auch das nicht wirklich ein Idealziel.

Australiens Wohlstand gründet sich nicht aufs Meer - aber auch: das Reef, die Strände, das Wetter - Tourimus ist neben den Rohstoffen wie Kohle, Eisenerz und Gas eine enorm wichtige Einkommensquelle des Landes. Während in den Kohlebergwerken weiter gebuddelt wird, auch mit Ausnahmeregelungen und social distancing, ist die komplette Ferienindustrie über Nacht in den Corona-Schlaf gesunken. 2018–19 war der Sektor 60,8 Milliarden australische Dollar wert, 666.000 Australier sind direkt im Tourismus beschäftigt. Nun stehen in den seit 90 Jahren beispiellosen Schlangen vor den Arbeitsämtern stehen zum ersten Mal auch: Reisebürobesitzerinnen, Tauchlehrer, Zimmermädchen. 130 Milliarden Dollar staatlicher Unterstützung genannt "jobseeker" sollen helfen, ihnen und den hunderttausenden Arbeitslosen aus der Gastronomie, die in Australien traditionell keine festen Verträge haben, sondern als "permantent casuals" arbeiten. Nur dank staatlicher Hilfspakete für Arbeitgeber wird die Arbeitslosenquote dieses Jahr Prognosen zufolge nicht bei 15 sondern um 10 Prozent liegen. Das sind im Landesschnitt immer noch doppelt so viele wie seit Jahren.

Ein Schild verwehrt den Zugang zu einem Skatepark in Crescent Head, New South Wales -  Spielplätze, Skateparks und Outdoor-Gyms sind in dem australischen Bundesstaat nach wie vor geschlossen.
Spielplätze, Skateparks und Outdoor-Gyms sind in New South Wales nach wie vor geschlossen.
Julica Jungehülsing

Australiens zweitgrößte Fluggesellschaft hat diese Woche Insolvenz angemeldet. Zuvor hatte Virgin Australia vergeblich versucht, sich Staatshilfen in Höhe von 1,4 Milliarden Australischen Dollar (815 Millionen Euro), zu sichern – vermutlich auch, weil die Airline seit Jahren vor allem Verluste einfliegt: 2019 waren es 349 Millionen AUS-$. Die Insolvenzverwalter wollen nun neue Investoren finden, angeblich soll das in acht Wochen glücken. Für die Kunden macht Virgins Exodus derzeit keinen großen Unterschied: Fast alle Flüge sind gestrichen, was für den Inlandverkehr in etwa so ist, als würde in Deutschland die Bahn stillgelegt, Nationalcarrier Qantas hält nur ein absolutes Minimum an Verbindungen zwischen den wichtigsten Städten aufrecht.

Für alle Kunden spürbar – nicht nur für Virgins etwa 9.000 Angestellte – würde die Situation, wenn die Gesellschaft nicht wiederbelebt werden kann. Zwar gibt es noch einige kleine Regionallinien, aber auf den meisten Strecken flöge Qantas künftig ohne echte Konkurrenz innerhalb des riesigen Kontinents und könnte die Preise als Monopolist bestimmen.

Eine Maschine der Virgin Australia in Brisbane, die derzeit vor allem ein Parkplatz für Flugzeuge ist
Die Virgin Australia Basis in Brisbane - derzeit vor allem ein Flugzeugparkplatz

Und seit diesem Wochenende können wir in Australien eine App auf unsere Smartphones laden. Sie heisst CovidSafe und wurde nach dem Vorbild der App gestaltet sein, die in Singapur (mit mäßigem Erfolg) benutzt wird. CovidSafe registriert, wer wann wen getroffen hat, der Covid-19 hat und soll helfen Verbreitung des Virus nachzuvollziehen. Location-Daten werden nicht gespeichert. Nur wenn 40 Prozent der Australier sie installieren, predigen Gesundheitsbehörden und Regierung, dürfen wir eines fernen Tages wieder in Melbourne ins Konzert, oder zur Oma nach Brisbane oder in der Kneipe am Strand ein Bier trinken. Oder zur Arbeit gehen. Vier Stunden nachdem sie am Sonntagabend veröffenticht wurde, hatten 1 Million Australier sie auf ihre Telefone geladen.

"Wenn Sie diese App herunterladen, helfen sie ein Leben zu retten"

Scott Morrison, Premierminister von Australien

Australiens berühmtester Strand Bondi in Sydney ist wie einige der Nachbarstrände - zur Probe - wieder geöffnet worden: Schwimmen und Surfen erlaubt, wenngleich zu festgelegten Zeiten, rumlungern verboten. Eine halbe Stadt zittert, ob das mit dem nötigen Abstand gelingt. Bondi ist eines der am dichtesten besiedelten Viertel der 5-Millionen-Einwohner-Stadt, und ein Corona-Hotspot.

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