Tiwi-Islands:

eine Reise zu den Aboriginals am Top End Australiens

Katja Trippel

Die Tiwi-Islands in der Timorsee sind selbst für australische Verhältnisse abgelegen. Umso interessanter ist ihre Kultur, sind ihre Geschichten – trotz und wegen deutscher Missionare. Wir erzählen ein paar davon für reisearme Zeiten

Ein Beitrag von Katja Trippel aus dem Online-Magazin AustralienStories, 14. Juni 2020

„Top End Wedding“ war der Kinoerfolg des Jahres 2019 in Australien. Er erzählt die chaotischen Hochzeitsvorbereitungen der jungen Lauren, die vor dem eigenen Ja-Wort noch schnell die Ehe ihrer Eltern retten will – und dafür ihrer Mutter nachreist, die sich eine Art Ehe-Auszeit-Walkabout durchs Northern Territory gönnt. Natürlich kommt es last-minute-mäßig zum Happy End: Auf Tiwi-Island, der Heimatinsel von Laurens Mutter, versöhnt sich die Familie vor der Dorfkirche, und sämtliche Gäste, egal ob weiß oder Aboriginal, weinen Tränen der Rührung. Klingt kitschig, ist kitschig. Doch egal – der Films hat der Inselgruppe, die 80 Kilometer nördlich von Darwin in der Timorsee liegt, im vergangenen Jahr einen echten Popularitätsschub verschafft.

Bislang waren die Tiwis, wenn überhaupt, bei Kunstkennern oder "Footie"-Fans bekannt. Denn einige der renommiertesten Aboriginal-Künstler stammen von hier, genau wie legendäre Torjäger der australischen Rugby-Variante: Die 3200 Insulaner haben mehrere Teams und eine eigene Liga, die jedes Jahr im März – außer im Corona-Jahr 2020 – mit 3000 Zuschauern vom ganzen Kontinent ihr Grand Final ausrichtet. Klassische Touristen kamen hingegen nur wenige. Mit „Top End Wedding“ hat sich das gewandelt. Und so folgt hier eine bilderreiche Vorschau für alle Daheimgebliebenen – und für die Zeit, wenn die Reise übers Top End hinaus wieder möglich ist.

Der Blick aus der Luft ist sicher der eindrucksvollere: Wie zwei große grüne Flecken drücken sich die beiden Hauptinseln im tiefen Blau der Timorsee aneinander, umsprenkelt von neun Mini-Eilanden. In ihrem Innern mäandern mehrere Flüsse durch tropischen Regenwald, den Rest bedeckt mehr oder weniger trockener Eukalyptus-Busch, umrahmt von Sandstränden. Zusammen sind Melville und Bathurst Island, wo mehr als drei Viertel der Einwohner leben, etwa so groß wie Kreta.

Am Strand lungern Krokodile

Die Fähre wiederum schaukelt etwa zweieinhalb Stunden übers Meer, von Darwin nach Wurrumiyanga auf Bathurst Island. Doch rechtzeitig bevor sie anlegt, nimmt der Kapitän die Hoffnung auf ein erfrischendes Bad: „Im Meer und an den Flüssen lauern Salzwasserkrokodile, die deutlich schneller sind als ihr. Daher folgt bitte eurem Guide ins Design-Centre, dort ist der Empfang freundlicher.“

Ein geöffneter Krokodil-Kiefer mit scharfen Zähnen, bereit zum Biss
Achtung: bissiger Strandbewohner – auf den Tiwis keine Seltenheit. Zur Kunst-Variante bitte scrollen
Katja Trippel

200 sichere Meter vom Strand entfernt hat eine Gruppe Künstler, Männer wie Frauen, Teenager wie Grauhaarige, bereits Stühle um eine Feuerstelle gruppiert, um die Gäste mit einer Rauch-Zeremonie zu begrüßen. „Ich könnte jetzt ganz traditionell mit einem Feuerstein das Gras entzünden“, sagt Tourguide Vivian und grinst. „Doch dann säßen wir in einer Stunde immer noch hier. Deshalb nehme ich das Feuerzeug, ist hoffentlich okay?“

Eine jüngere Tiwi-Frau wedelt mit einem Palmblatt jedem in der Runde den Rauch entgegen, während eine ältere rhythmisch mit Clapsticks aufeinanderschlägt. „So vertreiben wir bösen Energien, die jeder von uns in sich trägt.“ Sie erzählen, dass sich die Tiwis seit jeher in verschiedene Familiengruppen aufteilen mit strengen Regeln, wer wen heiraten darf, um Inzucht zu vermeiden. Jede davon hat ihren eigenen Tanz, und die führen sie nun vor: den Hai-Tanz, den Büffel-Tanz, den Tanz des Krokodils und des Pferdes. „Früher bemalten wir unsere Körper dazu mit natürlichen Farbpigmenten. Über die Muster erzählten wir unsere Geschichten und traten mit den Geistern in Kontakt. Heute seht ihr diese Muster auf unseren Kunstwerken.“

Tiwi-Kunst ist besonders, auf Stoff wie mit Holz

Die Tiwi-Künstler im Design-Centre haben sich auf Stoffdruck spezialisiert. Ihre Muster sind Wunderwerke aus geometrischen Linien, Kreisen, Schlangenlinien, zwischen denen auch heimische Tiere auftauchen: Schildkröten, Delfine, Dugongs, Fische. Sie unterscheiden sich deutlich von den klassischen „Dot“-Zeichnungen der Aboriginal-Kunst vom Festland. Aus den Stoffen entstehen Wandgemälde, Tischtücher, Halstücher, sogar Röcke. Wer mag, kann sich mit den Druckvorlagen auch ein eigenes T-Shirt gestalten.

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Stoffkunst aus dem Tiwi Design Centre
Verena Mayer

In der Werkstatt nebenan entstehen Tutunis: mannshohe, kunstvoll geschnitzte, farbenfroh bemalte Holzpfähle, mit denen die Tiwis ihre Verstorbenen ins Jenseits begleiten. „Ein Kreuz bekommen sie auch noch dazu“, erklärt Vivian lächelnd. „Wir sind da flexibel. Wir mischen unsere eigene Kultur mit dem Katholizismus, den uns die Missionare gebracht haben.“

Aboriginal artist at Jilamara Arts and Craft Association.<br /><br />Jilamara Arts and Craft Association is located at Milikapiti, on the shores of Snake Bay with glorious views of the Arafura Sea, and is home to 500 Tiwi. Jilamara artists produce innovative and contemporary works based on traditional body painting designs, using natural ochres found on the island. Large carvings, including Pukumani Poles are a feature of their work as well as the use of the traditional painting tool; kayimwagakimi, the traditional Tiwi painting 'comb'.
Künstler der Tiwis – bitte weiterscrollen
© Tourism NT/Felix Baker 2018
Jilamara Arts and Craft Association is located at Milikapiti, on the shores of Snake Bay with glorious views of the Arafura Sea, and is home to 500 Tiwi.<br /><br />Jilamara artists produce innovative and contemporary works based on traditional body painting designs, using natural ochres found on the island.
Künstler der Tiwis - bitte weiterscrollen
© Tourism NT/Jilamara Arts and Craft Association 2017
Tourguide Vivian bereitet im Atelier eine Schablone für den Stoffdruck vor
Künstler der Tiwis: Vivian im Stoffdruck-Atelier des Design Centers. Bitte weiterscrollen
Verena Mayer
A Aboriginal dancer ahead of the Tiwi Islands Grand Final and Art Sale.<br /><br />Head to Bathurst Island for the epic AFL grand final match for the Tiwi football league, as well as the annual art sale. Footy fans and art goers make the pilgrimage from all over Australia to experience this must-do event.<br /><br />Tiwi Design, located on Bathurst Island, started from a small Catholic Presbytery in 1969. Today, Tiwi Design artists provide diverse works across many mediums, including fine art sculptures and paintings. The ceramic studio produces sculptural pieces that combine traditional
Künstler und Tänzer der Tiwi Islands
© Tourism NT/Shaana McNaught 2015

Wie flexibel die Tiwis in Glaubensfragen sind, zeigt sich auch in der weißen Holzkirche, in der Filmheldin Lauren beim „Top End Wedding“ ihr Ja-Wort gibt. Das Gebäude aus dem Jahr 1930 steht auf Stelzen, rein kommt man über ein steiles Treppchen. Drinnen zieren bunte Tiwi-Muster die Wände und das Kreuz, statt den üblichen Heiligen wachen Tiere über den Altar: ein Schmetterling, ein Rochen, ein Krokodil, ein Pelikan. Und nicht eine weiße Maria hält das Jesuskind, sondern ein bärtiger Tiwi im Lendenschurz, flankiert von zwei eindrucksvollen Speeren.

„Habt ihr so etwas schonmal gesehen?“, fragt Vivian stolz. “Fragen? Bitte, fragt! Wir Tiwis haben andere Traditionen als die Aboriginals vom Festland. Wir dürfen unsere Geschichten mit Fremden teilen, und wir tun es gern!“

Visitors in the Catholic church on Bathurst Island
Altarraum der Katholischen Kirche auf Bathurst Island
© Tourism NT/Shaana McNaught 2016
The Catholic church on Bathurst Island during a Tiwi Tours day trip.<br /><br />Tiwi Tours specialise in exclusive Aboriginal cultural tours on Bathurst Island and provide travellers with the unique opportunity to explore a modern day Aboriginal community, where you can learn about art, bush tucker and the history and culture of the Tiwi people.and contemporary elements that never fail to surprise.
Original Holzkirche von 1930 - und Filmschauplatz beim "Top End Wedding"
© Tourism NT/Shaana McNaught 2016

Die Tiwis legen Wert darauf, eine eigene Gruppe unter den indigenen Australiern zu bilden. Über viele Tausend Jahre hatten sie wenig Kontakt mit dem Festland im Süden, trieben vielmehr Seehandel mit dem nördlichen Sulawesi. Weder Boomerangs noch Didgeridoos waren en vogue. Auch der erste Kontakt mit Weißen erfolgte vergleichsweise spät. 1705 kamen Holländer vorbei, die einen Tiwi erschossen und wieder verschwanden. Über 100 Jahre später tauchten Briten auf, die es aber im tropisch heißen Klima nicht lange aushielten.

Der deutsche "Entdecker" klaut Heiligtümer

1906 stattete der deutsche Anthropologe Hermann Klaatsch den Inseln einen Besuch ab und schrieb sichtlich beeindruckt: „Wer den schwarzen Mann vorbeigehen sieht, in seiner aufrechten Haltung, den Kopf mit Federn geschmückt, ein Speer in der rechten Hand, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, einen wilden Gentleman vor Augen zu haben (…).“ Sein Respekt gegenüber den Tiwis hinderte ihn allerdings nicht daran, ihnen mehrere ihrer heiligen Tutunis zu stehlen; wenn auch mit schlechtem Gewissen, wie in seinem Buch „Ergebnisse meiner australischen Reise“ zu lesen ist: „Zum Glück blieb unsere frevelhafte Unternehmung von den Schwarzen unbemerkt.“

Auch Papst Pius XI ließ sich mit Tutunis „beliefern“, um sie 1925 im Vatikan auszustellen. Sein Helfershelfer war der elsässische Priester Franz Xaver Gsell, der 1911 nach Bathurst Island kam – und blieb. Er gründete eine Missionsstation und machte sich daran, die Tiwis zum katholischen Glauben umzuerziehen.

Der deusche Missionar verteilt Alkohol und Tabak

Seine Rolle ist zwiespältig, das macht der Besuch des kleinen Inselmuseums klar. Einerseits intervenierte Gsell massiv in das Familienleben der Tiwis, indem er den Vätern ihre Töchter abschwatzte: Brachten sie die Mädchen in seine Missionsschule, statt sie jung zu verheiraten, wurden die Männer mit Kleidung und Mehl „belohnt“, aber auch mit Tabak und Alkohol, obwohl deren Sucht- und Zerstörungspotential in indigenen Gemeinschaften schon damals wohlbekannt war.

So sehen die Mädchen auf schwarz-weiß-Fotos, die im Museum hängen, mit ihren Kleidchen und Pagenschnitten auch alles andere als glücklich aus. Gsell fand seinen Spitznamen „Bischof mit 150 Ehefrauen“ aber offenbar so witzig, dass er seiner Autobiographie diesen Titel gab.

Das Foto zeigt kleine Tiwi-Mädchen im weißen Kleid, die in der Missionarsschule aufwachsen mussten. Sie sehen unglücklich aus.
"Girls 1930 - some of the 150 wives" - so lautet die Bildunterschrift dieses Fotos im Inselmusuem
Katja Trippel

Andererseits blieben die Tiwis halbwegs "unbehelligt" vom deutschen Missionar, nicht nur in Glaubensfragen. Und er bewahrte sie wohl auch vor den teilweise brutalen Machenschaften der weißen Eroberer gegenüber den Aborigines auf dem Festland. „Wir blieben stets die Eigentümer unseres Landes“, erklärt Tourguide Vivian. „Wir wurden weder verschleppt noch gezwungen, uns mit anderen Aboriginalgruppen zu vermischen. Wir durften unsere Kultur bewahren, deswegen ist sie bis heute so stark.“

Tatsächlich gehen die Tiwi-Männer bis heute fischen und jagen Wallabies, kleinere Beuteltiere oder Jungkrokodile. Die Frauen suchen Muscheln, Früchte, Wurzeln oder Maden. Lebensmittelgeschäfte gibt es auf den Inseln natürlich auch, doch „bushtucker“ bleibt eine wichtige Nahrungsquelle.

"Sista-Girls": das dritte Geschlecht der Tiwis

Und in noch einem Punkt zeigen die Tiwis, wie flexibel ihre Kultur ist: Neben den zwei klassischen Geschlechterrollen sind auch „Sista-Girls“ akzeptiert: Männer, die sich weiblich fühlen, kleiden, verhalten, auch in der Öffentlichkeit. Mehrere Künstler des Design-Centres zählen sich zu der Gruppe, darunter auch Vivian mit seinem Pferdeschwanz und dem roten Ohrring. Selbst der Priester auf Tiwi hat sich angepasst: Er fordert öffentlich, die katholische Kirche solle auch Homosexuellen erlauben zu heiraten. Fürs nächste „Top End Wedding“ sind auf Tiwi also alle bereit.

Tourguide Vivian – Vermittler zwischen vielen Welten
Katja Trippel

Info: Damit Besucher nicht einfach so anreisen und die traditionelle Inselgemeinschaft aufmischen, bieten die Tiwis zusammen mit der lokalen Airline und dem Fährbetreiber von Darwin aus organisierte Touren an. Siehe dazu www.flytiwi.com.au oder www.sealinknt.com.au

Die Autorin nahm für die Recherche dieses Textes an einer Pressereise von Tourism Australia/Northern Territory teil.

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