Der Sound Australiens

Ein Interview mit Radio-Legende John Kenneally über Busch-Balladen, Regen-Songs und die Stars der australischen Rock- und Popgeschichte

WMG Das Bild zeigt Albumcover australischer Musiker wie Bee Gees, Kylie Minogue, Tones And I oder John Butler Trio

John Kenneally verkaufte mit Leidenschaft Schallplatten, bevor er beim Radiosender ABC in Adelaide anheuerte und sich 26 Jahre hauptberuflich mit Musik beschäftigte, unter anderem als Produzent und Moderator der Morning-Show „The Bold Brothers“. Auf seinem Blog 20th Century Jukebox erzählt er die Geschichten seiner musikalischen Helden

Ein Interview von Katja Trippel, Juli 2020

Das Foto zeigt den Musikexperten John Kenneally aus Adelaide und seinen Blog 20th Century Jukebox
John Kenneally - Musik-Experte aus Adelaide und Autor des Blogs 20th Century Jukebox
Katja Trippel

John, beim Stichwort ‚Australische Musik‘ denken viele Deutsche erstmal an Didgeridoos. Die Vorgänger eurer heutigen Stars spielten eher Gitarre und sangen ‚Bush-Ballads‘. Was war das für Musik?

Busch-Balladen sind die australische Variante irischer oder englischer Folk-Poetry und -Songs. Sie erzählten vom Leben im Outback, vom Rinder hüten, Schafe scheren, Gold schürfen oder vom harten Überleben ohne Job, was oft genug vorkam. ‚Waltzing Matilda‘, das Banjo Paterson 1895 schrieb, ist bis heute das bekannteste Lied in Australien. Slim Dusty, unsere wohl größte Musiker-Legende, sang es zum Abschluss der Olympischen Spiele 2000 in Sydney, Kylie Minogue eröffnete damit die Paralympics.

Wovon handelt der Song?

Nicht vom romantischen Walzer-Tanzen mit Matilda! Der Text ist purer Bush-Slang: ‚waltzing‘ heißt wandern, ‚Matilda‘ ist der Rucksack, in dem Tramps ihr Hab und Gut durchs Outback schleppten. Das Lied erzählt von einem ‚swagman‘, einem Vagabunden, der sich am Lagerfeuer einen ‚billy‘, einen Tee kochte und dazu ein ‚jumbuck‘, ein gestohlenes Schaf grillte. Als ihn die Polizei stellt, ruft er „lebend kriegt ihr mich niemals“ und springt in eine ‚billabong‘, ein Wasserloch, wo er ertrinkt. Heute ist das Stück die inoffizielle Hymne der Rugby-Nationalmannschaft!

Der Sound der Bush-Ballads ähnelt dem amerikanischer Country-Musik, die Themen sind aber anders.

Amerika war das Land der Verheißung: Je weiter die Siedler nach Westen zogen, umso optimistischer wurden sie und sangen entsprechend von Hoffnung, Liebe undsoweiter, das geht bis heute so. Ganz anders in Australien. Da wurde die Enttäuschung immer größer, je tiefer die Neuankömmlinge ins Innere des Kontinents vorstießen. Statt Wasser fanden sie nur endlose Wüsten, Dürren oder Fluten, extremes Wetter eben.

Das inspirierte sie zu Songs, die musikalisch nicht aufregend klingen, aber textlich sehr berühren. Typisch sind zum Beispiel Songs über Regen – der meist viel zu wenig oder viel zu viel fällt. Ein Klassiker war etwa „When the rain tumbles down in July“, der erste Hit von Slim Dusty.

Kleiner Zeitsprung in die 1950er/60er: In den USA wurde ‚Black Music‘ populär, Blues, Soul, Jazz undsoweiter. Gab es in Australien auch „Black Music‘ von Aboriginal-Musikern?

Nein, Aboriginal-Musik existierte damals nicht, überhaupt nicht. Ihr Erfolg kam erst später.

Gab es einen australischen Jim Morrison, eine australische Janis Joplin?

Hippies waren hier nicht so angesagt. Dafür schwappten Beat- und Diskomusik aus USA und Großbritannien zu uns rüber, und australische Bands eroberten in den 1960er/70er die Welt mit ihren Songs: die Easy Beats etwa mit ‚Friday on my mind“. Die unglaublich talentierten Bee Gees, spätestens mit dem Soundtrack zu ‚Saturday Night Fever“. John Paul Young mit ‚Love is in the Air‘ und „Standing in the Rain‘. Oder Billy Thorpe mit „Over the Rainbow“ - wieder Songs übers Wetter.

Oh, ich wusste von einigen garnicht, dass sie australisch sind!

Viele dieser Musiker kamen ursprünglich aus England, aber wuchsen in Australien auf. Das spielte damals keine große Rolle.

Bei den Stars der 1980er Jahre war die australische Herkunft viel bekannter. Men at Work etwa mit ‚Down Under‘ - ein Mega-Hit!

Ja, das war ein frischer, neuer Sound. Musik war Fun, wir Australier waren sehr selbstbewusst in den frühen 1980er Jahren. Wir spielten den Song, als unser Team 1983 zum ersten Mal den America‘s Cup gewannen, und er läuft im Abspann von ‚Crocodile Dundee in Los Angeles‘. Aber mit dem Song ist auch eine tragische Geschichte verknüpft. Erinnerst du dich an die Flöten-Melodie? Über 20 Jahre nach der Veröffentlichung wurde der Band vorgeworfen, sie von dem Kinderlied ‚Kookaburra sits in the old gum tree‘ geklaut zu haben. Die Sache ging bis ans Oberste Gericht, 2011 verlor die Band den Prozess endgültig und wurde wegen Plagiat und Copyright-Verletzung zu sechsstelligen Entschädigungen verurteilt. Den Flötist nahm das alles so schwer mit, dass er später Suizid beging.

Welche politischen Songs haben Geschichte geschrieben? Mir fällt spontan ‚Beds are burning‘ von Midnight Oil ein, darin fordern sie die Rückgabe von Land an die Pintubi-Aboriginals: ‚Give it back!‘ lautet die Zeile.

Ich war nie Fan von Midnight Oil, aber ihr Sänger Peter Garrett war ein Vorkämpfer für Umweltschutz in Australien, er wurde 2007 sogar Umweltminister. Auch der Song ‚Treaty‘ von Yothu Yindi behandelt das Thema Landrechte; die Band war die erste Band, die mehrheitlich aus Aboriginal-Musikern bestand und es in die Charts schaffte. Sie erinnern im Text daran, dass Premierminister Bob Hawke 1988 einen Vertrag über die Rechte der indigenen Australier versprach. (Anmerkung: Den Vertrag gibt es bis heute nicht.)

Ein Song, der viele Australier bis heute tief berührt, ist ‚Took the children away‘ von Archie Road. Er singt über die ‚stolen generation, über die unzähligen Aboriginal-Kinder, die der Staat aus ihren Familien riss, um sie bei Weißen unterzubringen. Auch er gehörte dazu. Dieses schreckliche Kapitel, das bis Ende der 1960 dauerte, ist noch immer nicht abgeschlossen in Australien.

Besonders hat mich stets Gurrumul Yunupingu beeindruckt, auch ein Sänger mit Aboriginal-Wurzeln. Er war blind und hat sich das Didgeridoo-, Gitarre- und Keyboard-Spielen selbst beigebracht. Wenn ich seine Musik höre, fühlt es sich an, als ob ich einer zehntausend Jahre alten Version meiner selbst zuhöre. Sein Sound ist absolut außergewöhnlich. Er ist leider 2017 viel zu jung gestorben.

Was hältst du von ‚We are Australian‘ - eurer inoffiziellen Nationalhymne? Als Delta Goodrem es beim ausverkauften Charity-Konzert zugunsten der Bushfire-Opfer sang, im Februar 2020 im Olympiastadium in Sydney, bekam ich Gänsehaut…

Ursprünglich von den Seekers! Dieses Lied hat einen speziellen Platz in den australischen Herzen, glaube ich. Es verbindet uns alle, egal woher wir kommen, ohne unsere Reifen zu sehr aufzupumpen.

Äh, was?

Sorry, das ist ein australischer Ausdruck für „sich aufplustern“ oder „falsches Selbstbewusstsein einnehmen“. Das Lied wäre meiner Meinung nach eine sehr gute und angemessene Nationalhymne.

Ich finde, es gibt viele großartige australische Sängerinnen. Julia Stone, Sia, Missy Higgins – oder Tones And I.

Oh je, ich bin etwas zu alt für die, fürchte ich… Sia kenne ich persönlich, sie kommt aus Adelaide und half häufig einem Freund, der in der Kantine vom ABC Radio das Catering macht, reichte mir Pie und Kaffee über den Tresen und war angenehm unaufgeregt über ihren eigenen Ruhm. A real dag, wie wir sagen. Ist Missy Higgins die, die mit so einem starken australischen Akzent singt?

Genau!

Das finde ich etwas seltsam, aber sie ist eine super Musikerin. Und wer war nochmal Tones And I?

Du musst mal wieder ein Hit-Radio hören, John! Da laufen seit Monaten quasi unterbrochen ihre zwei Superhits ‚Dance Monkey‘ und ‚Never seen the Rain‘! Sie hat als Straßensängerin in Byron Bay angefangen, nun ist sie samt ihrer leicht quäkigen Stimme weltberühmt. Im März hätte sie in Deutschland in ausverkauften Konzerthallen spielen sollen, aber das Konzert wurde wegen Corona abgesagt. Sie bricht auf sehr coole Weise mit den gängigen Schönheitsidealen und singt über Themen wie Mobbing, du solltest sie dir mal anhören!

Okay, okay, mach ich.

Letzte Frage: Du bist ein großer Fan deutscher Schlager, wie kommt denn das?

Deutsche Schlager sind großartig! Die sind purer Spaß! Der allerbeste überhaupt ist ‚Ein bisschen Frieden‘ von Nicole, ich liebe den Song, seit sie 1982 den Eurovision Song Contest gewann, bei dem Australien ja seltsamerweise auch mitmachen darf. Ich würde sogar sagen, es ist der beste Eurovisons-Gewinner überhaupt, ein perfekter Popsong. Und Andrea Berg, meine Güte ist die gut! Irgendwann wird die Welt reif sein für deutschen Schlager, ich versprech‘s dir!

John hat auf Spotify die Playlist ‚Aussie Images‘ zusammengestellt, hier geht's zur 20th Century Jukebox. Viel Spaß beim Reinhören!

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