Das Feuer ließ nur Kohle übrig

Seit ihr Hab und Gut verbrannt sind, zeichnet die Künstlerin Belinda Broughton eben mit den Resten

Ein Feuer hat vom Lebenswerk der australischen Künstlerin Belinda Broughton nur Holzkohle übrig gelassen. Nun zeichnete sie mit den Brocken ein riesiges Wandgemälde, das von ihrem Verlust erzählt – und warum sie den Flammen auch dankbar ist

Ein Beitrag von Katja Trippel, 15.Juni 2020

Die Kohle, mit der Belinda Broughton die weiße Wand der Ausstellungshalle FABRIK bemalt, bröckelt. Bei jedem Strich brechen Stückchen zu Boden, Staub rieselt hinterher. Ihre Finger sind schwarz, alle paar Minuten muss sie in einer Kiste nach Nachschub greifen. „Daran mangelt es jedenfalls nicht“, sagt die Australierin und verzieht ihr Gesicht.

Ihre Malfarbe könnte ein verbrannter Ast aus ihrem Garten sein, Reste des Küchentischs oder einer der Holzskulpturen, die ihr Mann geschnitzt hat. Die 61-Jährige zeichnet mit dem, was die Flammen vom Hab und Gut und dem gesamten Lebenswerk des Künstlerpaars übrig gelassen haben: Asche und Kohle.

Bis zum 20. Dezember 2019 wohnten und arbeiteten die Malerin, 61, und ihr Mann, der Bildhauer und Fotograf Ervin Janek, 81, etwas außerhalb des südaustralischen Dörfchens Lobethal, in den Adelaide Hills. Ein Haus, zwei Studios, drumrum duftende Eukalyptusbäume.

Eine Stromleitung, ein Funke – und es brennt lichterloh

Dann fiel im Nachbarort ein Ast auf eine Stromleitung, ein Funken entzündete die ausgedörrte Vegetation, und es passierte das, was Australier diesen Sommer am meisten fürchteten: Ein „bushfire“ tobte los, fiel über 25000 Hektar Wald, Weiden und Felder her, zerstörte 85 Wohnhäuser, tötete einen Nachbarn.

Die Künstlerin kniet vor ihrem Wandgemälde in der Fabrik in Lobethal, Südaustralien
Belinda Broughton vor ihrem Wandgemälde in der FABRIK in Lobethal, Südaustralien
Katja Trippel

Als Broughton und ihr Mann zwei Tage später nach Hause zurückkamen – sie waren vor dem Feuer zur Tochter nach Adelaide geflüchtet — fanden sie: kollabierte Wände, versengte Wellblechdächer, Schutt und Aschestaub, in den sich geschmolzenes Glas verklumpt hatte. Und haufenweise Holzkohle. Alles andere – Möbel, Fotoalben, Skizzenbücher, Schubladen voller Zeichnungen, Janeks Skulpturen, 400 gerahmte Fotografien – hatten die Flammen gefressen.

"Das Feuer hat uns den Job abgenommen"

„Direkt nach dem Feuer fehlten uns die Worte“, erinnert sich Ervin Janek an die Rückkehr nach Lobethal. „Wir erfuhren, dass der ganze Ort abgebrannt wäre, wenn nicht ein Wasserbomber die Feuerfront aus der Luft zurückgedrängt hätte. Und so waren wir die ersten Tage einfach nur dankbar, das Inferno überlebt zu haben.“

Seither ist das Paar bei der Tochter untergekommen – und hilft sich mit schwarzem Humor, die Situation zu bewältigen. „Welcher Künstler hat schon die Chance, mit 81 Jahren nochmal von vorn anfangen zu können?“, fragt Janek grinsend. Seine Frau nickt: „Es klingt seltsam, vor allem für andere Feueropfer, die verzweifelt sind ob ihres Verlusts, aber ich fühle mich fast ein wenig befreit. Dieses ganze Zeug, diese ganzen Kunstwerke, die wir über 40 Jahre angesammelt hatten – alleine hätten wir uns doch nie von ihnen trennen können. Das Feuer hat uns diesen Job abgenommen.“

Solastalgia – das neue Wort für Stress durch Umweltzerstörung

Mit ihrem Wandgemälde, das auf 13 Metern eine Art Zeitreise durch die seither erlebten Wochen beschreibt, liefert die Künstlerin den persönlichsten Beitrag für die Ausstellung, die Künstler der „Hills“ bereits Monate vorher für das Adelaider Kulturfestival „The Fringe“ geplant hatten. Ihr Titel lautet „Solastalgia“, das neue Wort beschreibt den Stress, den Menschen infolge von Umweltzerstörung empfinden und passt auf schmerzlich aktuelle Weise zu ihrer Geschichte.

Eigentlich sollte Broughton, die in den vergangenen Jahren auch als Nature Writer und Dichterin bekannt wurde, „nur“ einige Gedichte zum Sujet vortragen – nun wurde sie eingeladen, auch die Wand der Ausstellungshalle zu gestalten.

Nach wenigen Wochen beginnt sich die Natur zu regenerieren

Ganz links zeichnete sie mit weichen Strichen die ursprüngliche Wildnis um ihr Haus, die sie so liebte: Bäume, Büsche, Farne, hinter denen sich ein Hase versteckt. Dann folgen ein Handvoll wirrer Linien, nicht mehr. „Das Flammenmeer hat genügend Leute traumatisiert. Es gab keinen Grund für mich, es nochmal zu zeigen.“ Die Szene danach zeigt verkohlte Stümpfe, umgekrachte Bäume und Äste, alles tief schwarz. „Sogar die Krähen sind still“, hat Broughton dazu geschrieben.

Wenige Wochen später begann die Natur auf ihrem Grundstück sich zu regenerieren – eine Schauspiel, das Broughton ebenso fasziniert wie inspiriert. „Ich kann nicht aufhören zu beobachten, was da draußen vor sich geht“, sagt sie. Und so zeigt die zweite Hälfte ihres Wandgemäldes genau das: Pilze wuchern, aus verkohlten Eukalyptusstämmen sprießen frische Triebe, andere schälen ihre verkohlte Rinde ab. Niedergebrannte Grasbäume explodieren wie ein grünes Feuerwerk, Eidechsen kehren zurück, Insekten, die kreischenden Kakadus und Vögel mit melodischerem Gesang.

Grassbäume treiben nach einem Feuer am schnellsten wieder aus
Neues Leben in einem schwarzen Wald: Grasbäume sprießen nach einem Feuer am schnellsten
Katja Trippel

„Es hat mir gut getan, an dieser Wand zu stehen und etwas zu schaffen“, sagt sie am Tag der Ausstellungseröffnung. „Es lenkte mich von den ganzen Gedanken über die Zukunft ab.“ Doch auch die gestaltet sich. Australischer Reservisten haben dem Künstlerpaar wie anderen Lobethaler Feueropfern geholfen, die Ruinen abzutragen und diejenigen Bäume zu fällen, die das Feuer nicht überlebt haben. Nun planen Broughton und Janek mit ihrer Tochter, einer Architektin, den Wiederaufbau: Ein kleines, feuersicheres Haus mit einem gemeinsamen Studio. „Es wird nie wieder wie früher“, sagt Broughton. „Aber es geht weiter.“

Grüne Triebe brechen aus einem verkohlten Stamm
Zwei Monate nach dem Inferno: Grün bricht aus verkohlten Stämmen
Katja Trippel
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
AustralienStories

AustralienStories

Unterwegs auf dem Kontinent der Extreme