Helfen Hainetze gegen Hai-Angriffe?

Schön wär's. Vor allem während der Walmigration werden sie zur tödlichen Falle für harmlose Meerestiere

In nur wenigen Tagen verhedderten sich vor Queenslands Küsten mehrere Buckelwale in Hainetzen. Doch die Regierung lässt die Netze im Wasser - gegen den Rat der eigenen Experten

Ein Beitrag von Katja Trippel aus dem Online-Magazin AustralienStories, 14. Juli 2020

Ende Juni trafen sich am Burleigh Heads Beach an der Gold Coast Surferinnen und Surfer, Wissenschaftler, Artenschützerinnen und viele Einheimische. Sie verteilten ihre Surfbretter im Sand, bis in riesigen Lettern „NETS OUT NOW!“ zu lesen war: Raus jetzt mit den Netzen! Gemeint waren die Netze, die vor Queenslands Küsten seit 1962 im Ozean hängen, um Menschen vor Haiangriffen zu schützen – mit mehr als zweifelhaftem Erfolg, dazu gleich mehr. Klar ist hingegen: In den Netzen verfangen sich und sterben regelmäßig Meerestiere, die keinerlei Gefahr für Menschen darstellen wie etwa Delfine, Schildkröten, harmlose Haiarten – und derzeit vor allem Buckelwale. Denn die ziehen im australischen Winter mit ihrem Nachwuchs an Australiens Ostküste entlang.

Aus Surfbrettern haben Tierschützer "Raus jetzt mit den Netzen" an den Strand geschrieben
Raus jetzt mit den Netzen! Das fordern Tierschützer an Queenslands Gold Coast

Allein in den vier Wochen vor und nach der Surfbrett-Aktion haben sich an der Gold Coast mehrere der gigantischen Meeressäuger in Hainetzen verwickelt, darunter eine Mutter samt ihres neugeborenen Kalbs am Main Beach; erst nach Stunden konnten sie befreit werden. Vor Burleigh Heads kämpfte Ende Mai ein Baby-Wal über zwei Stunden um sein Leben, bis der Anwohner Django Hopkins spontan mit einem scharfen Messer von seinem Aluboot – daher der Spitzname Tinny Man – ins Meer sprang und das Tier aus dem Netz löste. Es schwamm davon, Hopkins kassierte eine Anzeige der Fischereibehörde, weil er sich unerlaubt dem Netz genähert und es beschädigt habe; maximale Geldstrafe für den Walretter: um die 90.000 AU-Dollar, rund 40.000 Euro.

Die Hainetze sorgen seit Jahren für Wut und Frust unter Tierfreunden. Anders als im Nachbar-Bundesstaat New South Wales (und fast überall im Rest der Welt) nimmt Queenslands Fischereibehörde sie während der Walmigrationen noch immer nicht aus dem Wasser. Und das, obwohl im März 2020 sogar Experten einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe im Auftrag von Queenslands Regierung dies zumindest an kritischen Orten ausdrücklich empfahlen. Zu diesen zählen neben Burleigh Beach an der Gold Coast laut dem Meeresbiologen Olaf Meynecke von der Griffith University auch die von Currumbin und Kirra. „Diese Gebiete mögen Walmütter und ihre Kälber am liebsten, weil sie die ruhigsten und strömungsärmsten sind“, so Meynecke. „Sie schwimmen nachts hinein und hängen morgens im Netz fest, gerade die Kälber.“

„Man kann die Uhr danach stellen, dass Buckelwale jedes Jahr die Ostküste Australiens hoch und runtermigrieren“, sagt auch der Meeresbiologe Leonardo Guida von der Australian Marine Conservation Society (AMCS). „Selbst wenn Wale erfolgreich befreit werden, haben sie enormen Stress erlebt und wir wissen nicht, wie es ihnen danach ergeht. Sie sollten frei durch die Gewässer Queenslands ziehen dürfen.“

Seit 2001 wurde 10.480 Haie vor Queenslands Küsten getötet

Das jedoch ist nicht der Fall. Seit 2001 haben sich laut offiziellen Zahlen 69 Buckewale in Hainetzen verfangen, 54 davon an der Gold Coast. Vier davon starben sofort. Ingesamt tötete das „Shark Control Program“ Queenslands mit seinen Netzen sowie beköderten Hai-Haken (sogenannten Drumlines, über sie bald mehr auf AustralienStories) in dieser Zeit 3.025 Meerestiere, die nicht zu den Haien zählen. Außerdem wurden 10.480 Haie getötet: große wie kleine, junge wie ausgewachsene, harmlose wie geschützte Arten. Das Programm soll aber eigentlich nur große Weiße Haie, Bullenhaie und Tigerhaie von Menschen fernhalten.

Gucken wir uns die Netze vor Queensland also mal genauer an. 27 davon hängen an 21 beliebten Stränden zwischen Cairns und der Gold Coast im Wasser, die Idee hinter ihnen ist simpel: Jeder Hai, der sich verfängt = weniger Gefahr für Menschen, die vor ihnen schwimmen, surfen oder tauchen. Doch wie viele simple Ideen geht auch diese nicht auf.

Das Bild zeigt, wie Hainetze vor der Küste verankert sind, nämlich nicht als abgeschlossener Schwimmbereich sondern zu allen Seiten offen
Netz ja, abgegrenzter Bade- oder Surfbereich nein, denn die Netze hängen frei im Meer. Mehrere Netze werden versetzt angebracht, dazwischen bleibt eine offene Lücke

Die Netze schirmen, anders als viele Wasserfreunde glauben, KEINEN geschlossenen Bade- oder Surfbereich ab. Vielmehr sind sie etwa 500 Meter vom Strand entfernt parallel zur Küste auf einer Länge von 150 bis 190 Meter im Meeresboden verankert. Häufig werden mehrere Netze versetzt angebracht, dazwischen bleiben Lücken. Die Netze mit ihrer Maschenweite von ca. 50 Zentimetern reichen auch nicht vom Grund bis zur Wasseroberfläche, sondern grenzen mit sechs Metern Höhe den Bereich irgendwo dazwischen ab. Seitlich bilden sie keinerlei Barriere.

Mittelgroße bis große Meerestiere, die sich gut orientieren können, finden also mühelos ihren Weg vom offenen Ozean zum Strand und auch wieder zurück. Alle anderen bleiben hängen – auf der einen oder anderen Seite der Netze. Und versuchen sich dann verzweifelt zu befreien. Haben sie Glück, sind an den Schwimmbojen der Netze Funksender befestigt, die das Service-Team im Hafen verständigen, dass sich etwas Großes im Netz bewegt. Mit noch mehr Glück kommt das Team rechtzeitig vorbei und kann den Fang aus dem Netz schneiden. Handelt es sich hingegen um ein Tier der als gefährlich betrachteten Arten, wird es erschossen. Kommt das Service-Team zu spät oder garnicht, ertrinken die verhedderten Tiere. Oder dienen als einfache Beute für andere Haie, die der Überlebenskampf samt blutender Wunden natürlich anzieht – als „Müllabfuhr der Ozeane“ kümmern sich die Raubfische um die Beseitigung kranker oder toter Tiere.

Das Foto zeigt einen jungen Hammerhai, der sich in einem Hainetz verheddert hat und starb
Dieser Hammerhai hat sich tödlich verheddert; er ist eine gefährdete Art

Dies sind alles keine schönen Szenarien, selbst wenn bewiesen wäre, dass Netze tatsächlich vor Haiangriffen schützen. Doch dafür gibt es schlichtweg keine wissenschaftlichen Belege, auch wenn einige Unverbesserliche das weiterhin behaupten. Queenslands Regierung argumentiert bis heute mit Zahlen, warum sie sich auf Hainetze verlasse. So sei es an den geschützten Stränden des Bundesstaates bislang nur zu einem einzigen tödlichen Haiangriff gekommen.

Kühe töten in Australien deutlich mehr Menschen als Haie

Rein statistisch sind Haiangriffe allerdings ohnehin so selten, dass aus den Zahlen keine Schlussfolgerungen gezogen werden können – darüber sind sich Meeresschutz-Organisationen wie AMCS oder Sea Shepherd einig mit staatlichen Forschungsinstituten wie der „Commonwealth Government’s Fisheries Research and Development Corporation“. Pro Jahr, so versichert etwa dessen Direktor Daryl McPhee, sterben im langjährigen Schnitt nur 1,1 bis 1,6 Menschen in Australien durch Haie – das seien deutlich weniger als etwa durch Kühe.

Die Tabelle zeigt die Zahl der Haiangriffe in Queensland. Von 2015 bis 2020 kam es zu 20 Begegnungen, bei vier blieben die Menschen unverletzt, zwei starben. Quelle: eigene Zusammenstellung nach Zahlen des  Australian Shark Attack File der Taronga Conservation Society Australia
Als unprovoziert gelten Haiangriffe, wenn der Mensch nicht fischte oder anderweitig mit den Tieren interagierte.

Bereits 2017 resümierte der Senats-Untersuchungsausschuss „Shark mitigation and deterrent measures“, dass Netze und Drumlines keine Auswirkungen auf die Sicherheit von Schwimmern haben, sondern diese vielmehr in falscher Sicherheit wiegen. Und auch der Jahresbericht der RettungsschwimmerInnen von Surf Life Saving Queensland (SLSQ) bevorzugt ganz klar nicht-tödliche Methoden wie Dronen-Überwachung sowie „SMART Drumlines“, also Hai-Haken mit Echtzeit-Sendern, von denen die Fänge bestenfalls lebend entfernt werden können.

Einig sind sich die ExpertInnen auch, dass der beste Schutz eine bessere Ausstattung und medizinische Notfall-Ausbildung der Strandwacht ist, deren Frauen und Männer meist als erste helfen, wenn doch etwas passiert. Vor allem: mehr Aufklärung unter Schwimmern, Surfern und anderen Wasserratten über Hai-Verhalten und Risikofaktoren, wie sie diese Liste aufführt:

Das Bild zeigt eine Liste mit Risikofaktoren für Hai-Begegnungen, die die App SharkSmart von New South Wales auflistet. Dazu gehören Baden/Surfen in Flussmündungen, bei schlechtem Wetter, in unklarem Wasser, bei Sonnenuntergang usw.
Erhöhtes Risiko für eine Hai-Begegnung gilt laut SharkSmart NSW zum Beispiel: an Flussmündungen, bei schlechtem Wetter, unklarem Wasser, zu Sonnenuntergang usw.

Immerhin hat Queensland im Oktober 2019 beschlossen, auch nicht-tödliche Alternativen zu Netzen und Drumlines zu finanzieren. Andere australische Bundesstaaten sind da weiter, so arbeitet etwa Western Australia seit langem mit SMART Drumlines und lehnt Netze ab. New South Wales wiederum hat die Warn-App SharkSmart (www.sharksmart.com.au) entwickelt, die Haisichtungen sofort an User meldet sowie wertvolle Hintergrundinfos etwa über „Hai Hot Spots“ anbietet. Dazu zählt auch der Wooli Beach in New South Wales, wo am vergangenen Wochenende tragischerweise ein junger Surfer verblutete, nachdem ihn ein Weißer Hai gebissen hatte. Der Strand ist sehr abgelegen und nicht bewacht.

Zuletzt eine gute Nachricht: Django Hopkins, der Taucher, der den jungen Buckelwal aus dem Netz rettete, bekommt nun doch keine Geldstrafe. „Er brachte sich in ernsthafte Gefahr und hat auch riskiert, den Wal zu verletzen“, rügte zwar ein Sprecher der Queenslander Fischereibehörde. Doch weil der Australier früher nie auffällig war, werde sein Vergehen nicht weiter verfolgt. Die 16.000 AU-Dollar, die eine Go-fund-me-Spendenkampagne zu seiner Unterstützung gesammelt hat, überwies Hopkins daraufhin an die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd. Im Gegenzug erhielt er einen Star-Auftritt in dem Dokumentarfilm „Cull“ (auf deutsch: Massentötung“, Regisseur ist Andre Borell), der sich sehr kritisch mit Australiens Hai-Management auseinandersetzt. Wegen Corona wurde dessen Preview vom (europäischen ) Frühling auf den Herbst verschoben. Wenn er anläuft, werden wir auch darüber berichten.

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