Australiens Krisen-Manager

Shane Fitzsimmons löschte die Feuer, nun bekämpft er Corona

NSW RFS NSW RFS Commissioner, Shane Fitzsimmons, at the ceremony of recieving their RFS Investitures.

Shane Fitzsimmons Vater starb in den Flammen, er wurde Chef der größten Freiwilligen Feuerwehr weltweit – und ist nun oberster Krisenmanager von New South Wales. Portrait eines Mannes, der Verantwortung nicht scheut

Ein Beitrag von Katja Trippel

In schweren Zeiten zeigt sich, wer das Zeug zum Helden hat. Während ihrer jüngsten und bislang schlimmsten Feuerkatastrophe war den meisten Australiern klar: Ihr Prime Minister Scott Morrison hat es nicht. Er machte über Weihnachten lieber Urlaub auf Hawaii als sich um sein lichterloh brennendes Land zu kümmern – um nur einen seiner Faux-Pas zu nennen. Statt ihm wurde ein anderen Mann als Superheld gefeiert: Shane Fitzsimmons, Chef des Rural Fire Service (RFS) – der Feuerwehr, die im schlimmsten betroffenen Bundesstaat New South Wales gegen die Flammen kämpfte.

Seit Anfang Mai ist Shane Fitzsimmons nun oberster Krisenmanager des bevölkerungsreichsten Bundesstaates Australiens. Und sein erster Job in der neu geschaffenen Behörde „NSW Resilience“ gleich die nächste Mega-Herausforderung: Er muss die Corona-Krise handeln, von der New South Wales – wie bei den „bushfires“ – erneut am stärksten betroffen ist. 3119 Menschen sind bzw. waren hier an Covid-19 erkrankt, 48 gestorben (Stand 13.6.2020 Quelle: Dpt. of Health); beide Zahlen entsprechen knapp der Hälfte des gesamten Kontinents.

"Hoffnungsschimmer in der dunkelsten Stunde"

„Ich glaube, kein einziger Mensch würde widersprechen, dass Commissioner Fitzsimmons Führungsstärke ein Hoffnungsschimmer in der dunkelsten Stunde unseres Staates war“, dankte ihm der zuständige Minister David Mr Elliott Ende April. Fitzsimmons wiederum bleibt sich treu, indem er keine Wunder verspricht, sondern offen zugibt, die neue Rolle mit „ziemlich Bangen“ anzutreten. Gleichwohl freue er sich, „auch weiterhin etwas bewegen zu können, etwas sinnvolles zu tun“.

Seine einstige Chef-Kappe vom Rural Fire Service; Quelle: RFS NSW
RFS NSW

Das ihm das gelingt, daran besteht angesichts seiner bisherigen Performance wenig Zweifel. Seit dem verfrühten Beginn der Feuersaison im australischen Sommer 2019 war der 51-Jährige präsent, wo immer es brennt – buchstäblich wie im weiteren Sinne. Von den Einsatzzentralen des RFS delegierte er knapp 1000 hauptberufliche und über 70000 freiwillige weibliche wie männliche Brandbekämpfer; der RFS gilt als die größte Feuerwehr der Welt. Ob er sich mit Kolleginnen und Kollegen austauschte oder die Öffentlichkeit über die Lage informierte, stets war Fitzsimmons konzentriert, klar im Ton, für jeden verständlich. Das weiße Hemd gebügelt, die rosigen Wangen frisch rasiert, aber nie eitel.

„Wir brauchen sofort einen Shane Fitzsimmons“, forderte daher wohl auch die Expertin für Risikokommunikation Claire Hooker von der Sydney University, als die australische Regierung im März mehrere missverständliche Ansagen über erforderliche Schutzmaßnahmen zu Covid-19 machte.

Fitzsimmons kommuniziert nicht nur gut, er kann auch mit Menschen. Mindestens so engagiert wie vor dem Mikrofon sah man ihn während der gesamten Feuersaison draußen bei seinen Brigaden an den brennenden Fronten; Anfang Januar 2020 waren es über 150, einen Monat später noch immer gut 60, auch wenn deutsche Medien kaum mehr über sie berichteten. 25 Menschen kamen in New South Wales in den Flammen ums Leben, darunter drei amerikanische Piloten, die mit ihrem Löschflugzeug abstürzten. Fitzsimmons sprach seinen rußverschmierten Kollegen, die sich seit Wochen unbezahlt verausgabten, Mut zu, besuchte Verletzte, tröstete jene Anwohner, die trotz des Einsatzes des RFS ihre Häuser verloren haben; über 2400 waren es zuletzt, die Zahl der geretteten ist unzählbar.

Sein Kniefall rührt die Australier zu Tränen

Kurz: Der Feuerwehrchef zeigte genau das, was dem Regierungschef in der Feuerkatastrophe fehlte: Kompetenz, Engagement sowie Empathie für die Brandopfer. Seine Geste, sich bei den Beerdigungen zweier im Dienst verunglückter Feuerwehrmänner vor deren Kindern – einem 19 Monate alten Junge und einem gleich alten Mädchen – niederzuknieen, um ihnen eine posthume Tapferkeitsmedaille ans Revers zu heften, rührte die Australier zu Tränen.

Ein Läschflugzeug fliegt durch eine dichte Rauchwolke
Australischer Sommer 2020 – Fitzsimmons behielt den Überblick
Julica Jungehülsing

Fitzsimmons weiß, wie es sich anfühlt, ein Elternteil durch Feuer zu verlieren. Im Jahr 2000 starb sein Vater, ebenfalls Feuerwehrmann, bei einem Einsatz im Ku-ring-gai Chase National Park. „Ehrlich gesagt hat das meinen Entschluss bekräftigt, Teil der Feuerwehr zu werden“, erklärte er der Zeitung „Sydney Morning Herald“. „Und auch dafür zu sorgen, dass die Strategien, die Ausrüstung und die Arbeitsweise, die wir verfolgen, so sind, dass die Feuerwehrleute maximal gesichert sind.“

Sein erster Einsatz begann 1985 als 15-Jähriger bei der freiwilligen Waldbrigade von Duffy, im Norden Sydneys. Er lernte Motorenmechaniker, bildete sich innerhalb der 1997 neu strukturierten ländlichen Feuerwehr RFS fort, stieg auf, legte in Krisensituationen nach einer Schicht im Kontrollzentrum ganz selbstverständlich noch eine auf dem Löschzug nach. Die Feuerwehr wurde sein Leben. „Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Vertrauen in mich, dass ich Verantwortung übernehmen kann, die ganze Idee, sich für die Gemeinschaft zu engagieren, das hat mich mächtig geprägt“, sagte er einmal. Auch seine Frau Lisa, die als Funkerin arbeitete, lernte er bei der freiwilligen Feuerwehr kennen; sie war die Tochter seines Vorgesetzten, heute haben die beiden zwei Kinder.

An der Uniform von Fitzsimmons hängen viele Orden
Seine Orden darf Shane Fitzsimmons auch im neuen Job behalten
RFS NSW

Politisch hielt sich Shane Fitzsimmons bislang eher zurück, auch wenn er – wie die meisten Männer und Frauen, die in Australien einen Löschschlauch in der Hand halten – auf Nachfrage betont, dass er eine wirksamere Klimapolitik der australischen Regierung für genauso notwendig hält wie eine bessere Ausstattung seiner Feuerwehr. Als die Feuer endlich erloschen waren, blieb ihm nur eine kurze Verschnaufpause. Schon damals schlugen ihn einige Stimmen als nächsten Governor vor – das höchste Staatsamt Australiens, vergleichbar mit dem deutschen Bundespräsidenten. Fitzsimmons Antwort darauf: „Ich nehme meine Verantwortung sehr wichtig, aber mich selbst nicht so sehr.“

Auch darin unterscheiden sich echte und falsche Helden.

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