Boxen Kängurus wirklich?

Ja, aber vor allem treten sie...

Julica Jungehülsing Graue Kängurus lungern auf einer Wiese an der Asutralischen Ostküste. Eastern Grey sind Australiens zweitgrößte Känguru-Art.

Die Känguru-Diaries - eine Serie von Julica Jungehülsing im Riffreporter-Magazin AustralienStories. New South Wales, 11. Juni 2020

Kämpfe zwischen Kängurus sind ein faszinierendes Spektakel – manchmal wirken sie wie ein Spiel, meist aber ist es bitter ernst, und schmerzhaft obendrein. Eins vorweg: ja, sie boxen, außerdem ringen sie auch und husten sich rüpelig an. Richtig schwer verletzen können aber vor allem die Tritte eines ausgewachsenen Riesenkängurus: ihre Gegner natürlich, aber auch andere Tiere oder Menschen, die meinen, sich ihnen in den Weg stellen zu müssen.

Warum prügeln Australiens große Beuteltiere aufeinander ein? Und warum lassen sie es manchmal ganz plötzlich wieder sein? Die Känguru-Diaries geben Antworten auf diese – und in den nächsten Monaten auch auf viele andere – Fragen zu Australiens tierischen Ikonen: Sind die etwa 45 Millionen Kängurus zwischen den 25 Millionen Australiern eigentlich eher Pest oder vor allem putzig und gute Fell- und Fleischlieferanten? Können Kängurus schwimmen? Was tut sich im Beutel? Ich habe reichlich Geschichten für Sie, die hoffentlich nicht nur lehrreich sind, sondern auch Spaß machen.

Eine eventuell enttäuschende Wahrheit vorab: Meine Kängurus, also die, um die es in dieser Serie gehen wird, sprechen nicht, nicht einmal Deutsch. Eierkuchen backen sie auch nicht, wie der berühmte Mitbewohner von Marc-Uwe Kling in dessen Känguru-Chroniken. Und ob die Makropoden, mit denen ich mir an Australiens Ostküste ein Stück Land teile, poltisch so drauf sind wie Klings Mitbewohner, kann ich ebenfalls nicht sagen.

Dafür weiß ich, dass die großfüßigen Beutler eigentlich immer hungrig sind, meistens friedliebend und oft überraschend komisch. Seit fünf Jahren sehe ich den Östlichen Grauen Riesenkängurus, den Eastern Greys, und ihren kleineren Verwandten, den Redneck Wallabies fast täglich zu: beim Grasen, beim Kämpfen (was zum Glück nicht jeden Tag vorkommt), bei der Aufzucht ihrer Jungen. Leider auch, wenn sie sich über meine Avocadobäume hermachen oder vor meiner Bürotür rumlungern. In meiner Nachbarschaft sind Hunde und Katzen verboten, die heimische Tierwelt tummelt sich auf unserem zaunlosen Stück Land daher um so ungestörter. Ich stelle sie Ihnen vor - jeden Monat in den AustralienStories. Was wäre eine Australien-Koralle ohne Beuteltiere?


Eine Gruppe von grauen Riesenkängurus und Wallabies liegt auf dem Rasen vor einem Damm, manche grasen, die meisten ruhen sich nur aus.
Gekämpft wird nicht ständig: Manchmal relaxen Kangarus auch einfach nur.
© Julica Jungehülsing

Wie im Rest der Welt, sind es auch im australischen Busch ausschließlich die Männchen, die einander an die Gurgel gehen. Und natürlich geht es dabei überwiegend um zweierlei: um männliche Dominanz und Sex. Wer gewinnt bekommt von letzterem mehr. Zuweilen tragen die Boomer genannten, ausgewachsenen Männchen auch Revierstreitigkeiten aus, doch Platz und Nahrung gibt's an unserem Teil von Australiens Ostküste eigentlich reichlich, gekämpft wird daher vor allem um Macht und Fortpflanzungsrechte. Manchmal prügeln sich zwar auch junge Kängurus oder Mütter mit ihrem Nachwuchs. Das läuft allerdings deutlich spielerischer ab und dient vor allem zu Trainingszwecken.

Während die bis zu 70 Kilogramm schweren Männchen aufeinander einschlagen, grasen die Weibchen übrigens ein paar Meter weiter meist komplett desinteressiert weiter. Ein Schaukampf für sie ist das nicht, keine Sieh-mal-wie-stark-ich-bin-Demo. Es geht durchaus darum, sich gegenseitig weh zu tun: Der Verlierer merkt sich nach einem dieser oft Stunden währenden Kämpfe bestens, dem Lieblingsweib des Alpha-Männchens künftig nicht mehr zu nahe zu treten.

Kurios zu beobachten ist, wenn die Boomer mitten in ihrem knallharten Schlagabtausch plötzlich die Arme sinken lassen und wirken als hätten sie das Interesse verloren. Einer der beiden fängt an, sich zu kratzen. Und zwar nicht mal kurz eine Zecke wegschnippsen, nein: sehr gründlich und ausdauernd wird da das Fell gekrault, die Brust gekratzt und auch mal das Geschlecht gerubbelt.

Was so lässig aussieht, ist allerdings weniger Langeweile als eine kühne Strategie, ein Überlebenstraining, das vor allem ältere Kängurus beherrschen. Die Idee: Je weniger Tritte in meiner Magenkuhle landen, um so besser für meine Gesundheit. Und wenn ich dem anderen durch Gesten, Arroganz und Größe zeigen kann, wie stark und überlegen in bin, vergeude ich weniger Kalorien im Ring. Außer der Kratzerei gehören zu den gewaltfreien Machtdemonstrationen auch das hohe, gerade Aufrichten auf Schwanz und Hinterfüße. Damit kann ein Eastern Grey seine ohnehin beachtliche Größe um bis zu 40 Zentimeter strecken.

In der nächsten Episode der Känguru-Diaries schauen wir den Weibchen in den Beutel. Wir freuen uns, wenn Sie auch wieder mit reinschauen: Die AustralienStories können Sie demnächst abonnieren – oder jeden Text einzeln kaufen. Und hin und wieder gibt es auch was umsonst – wie heute die Boxweltmeisterschaften, live von Australiens Mid North Coast.

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