Ständig trächtig und immer auf dem Sprung

Känguru Diaries II - ein Blick in den Beutel

Julica Jungehülsing Auf einer Wiese sitzen zwei Eastern Grey Känguru Mütter mit ihren Joeys. Eines der Jungen ist schon aus dem Beutel, das andere noch im Beutel.

Die Känguru-Diaries - eine Serie von Julica Jungehülsing im Riffreporter-Magazin AustralienStories. New South Wales, September 2020

Haben männliche Kängurus eigentlich auch einen Beutel? Diese Frage stellen mir Freunde und Leser immer wieder - vor allem aus Deutschland. Sogar mein wissenschaftlich versierter Weltreporter.net-Kollege Christoph Drösser ist der Frage kürzlich in einer ZEIT-Kolumne nachgegangen. Ich bin nicht ganz sicher, wie man auf diese Frage überhaupt kommen kann, aber die Antwort ist zum Glück einfach: Nein!

Der Beutel der Weibchen ist dafür um so faszinierender. Um ihn und seine Bewohner geht es – nach Folge 1 mit Einsichten zum Boxverhalten der Boomer – diesmal in Folge 2 der AustralienStories Känguru-Diaries.

In diesen Diaries dreht es sich fast alles um Australiens tierische Ikonen: Sind die etwa 45 Millionen Kängurus, die zwischen den 25 Millionen Australiern herumhüpfen eigentlich eher Pest? Oder vor allem putzig und gute Fell- und Fleischlieferanten? Können Kängurus eigentlich schwimmen? Wer boxt wann wen, und können Kängurus mit den Ohren wackeln? Ich habe reichlich Geschichten für Sie, die hoffentlich nicht nur lehrreich sind, sondern auch Spaß machen. Und dazu viele Bilder - vor allem von Östlichen Riesenkängurus (Eastern Grey/Macropus giganteus) und Rotnacken Wallabies (Red-necked Wallabies/Macropus rufogriseus), denn die leben direkt vor meiner Haustür.

Geburtsgewicht? Knapp ein Gramm

Kängurus haben versteckte Talente: Wussten Sie zum Beispiel, dass die Weibchen zwei Uteri haben (sprich: zwei Gebärmuttern), allerdings keine Zwillinge zur Welt bringen? Ich bis vor Kurzem nicht, dabei sehe ich die Gesellinnen jeden Tag.

Aber von Anfang an: Östliche Graue Riesenkängurus können das ganze Jahr über trächtig sein, am häufigsten bekommen sie ihre Jungen im Frühling und Sommer. Beim Blick aus meinem Fenster sehe ich vor meiner Veranda gerade – an den ersten Frühlingstagen auf der Südhalbkugel – nicht weniger als vier Eastern Grey Weibchen und zwei Rotnacken Wallabies mit Jungen inner- und außerhalb der Beutel.

Das Junge – es wird in Australien “Joey” genannt – wiegt bei der Geburt nur etwa ein Gramm und wird, je nach Art, 30 bis 36 Tage nach der Zeugung geboren. 

Kurz darauf muss der etwa einen Zentimeter große Nachwuchs seine erste Meisterleistung vollbringen: Das Neugeborene – es sieht zu dem Zeitpunkt aus wie eine winzige rosa “Bohne” – klettert ohne Hilfe aus der Gebärmutter und arbeitet sich außen durchs Bauchfell der Mutter bis in den Beutel hoch, nach etwa 3 Zentimetern reißt die Nabelschnur. Diese Kletterpartie dauert etwa drei Minuten, dann findet das Neugeborene im - zuvor von der Mutter gereinigten Beutel – eine der vier Zitzen. Geschafft! An dieser Zitze bleibt es im wahren Wortsinn wochenlang hängen, wird von der Mutter allerdings – abgesehen von gelegentlicher Beutelhygiene – weitgehend ignoriert.

Eastern Greys stecken mit etwa 190 Tagen zum ersten Mal sehr vorsichtig den Kopf aus dem Beutel. Sie haben dann häufig noch kein Fell. Der Nachwuchs der Roten Riesenkängurus wagt einen ersten kurzen Blick in die Welt häufig schon nach 100 Tagen.

Ein Rotnackenwallaby-Weibchen auf einer Wiese im Osten Australiens. Das Jungtier ist noch winzig, ohne Fell und steckt seinen Kopf aus dem Beutel der Mutter.
Das junge Rotnackenwallaby ist noch winzig und steckt nur selten mal seinen Kopf aus dem Beutel der Mutter.
Julica Jungehülsing

Känguru-Milchbar - ideale Kost für jedes Alter

Auch die Versorgung des Nachwuchses ist ausgesprochen clever von der Natur arrangiert, denn die Milch ist auf das Alter der Joeys abgestimmt: Das Neugeborene bekommt eine eher wässerige Milch, die reich an Proteinen und Immunstoffen ist, aber eher wenig Kohlenhydrate hat. Ältere Joeys im Beutel versorgt die Mutter mit kohlenhydratreicher Milch, die mehr Protein und etwas Fett haben. Joeys die schon außerhalb des Beutels leben, bekommen viel Fett und Protein und kohlenhydratärmere Kost. Also Milchbar à la carte: Das Weibchen produziert simultan verschiedene Arten von Milch.

Nach ein paar Monaten im Beutel beginnen viele Joeys von ihrer sicheren Beutelposition aus Grashalme zu knabbern und gewöhnen sich so nach und nach an ihr künftiges Hauptnahrungsmittel: Gras.

Im Alter von etwa neun Monaten verlassen Eastern Greys zum ersten Mal den Beutel der Mutter. Manchmal glückt es mir, einen dieser frühen Ausflüge mitzuerleben. Wenn ich noch mehr Glück habe, ist außerdem auch noch das Licht passabel und die Kamera in der Nähe.

Wie auf den nächsten beiden Videos ...

Während ich diese beiden beobachtete, hatte ich für eine Weile den Eindruck, das winzige Joey würde es nicht wieder zurück in den Beutel schaffen....

Die ersten Ausflüge sind kurz. Das Junge hat noch keine kräftigen Muskeln und kann sich kaum auf den Beinen halten. Aber auch später, wenn die Joeys größer sind und mit Begeisterung und ausgelassenen Sprüngen größer werdende Kreise um die Mutter drehen, hüpfen sie noch für eine ganze Weile rasch wieder zurück in den Beutel – zum Beispiel wenn Gefahr droht.

Das Weibchen stellt dazu die Vorderpfoten breit aus und ruft das Joey - häufig mit einem heiseren Bellen - zur Rückkehr in den Beutel auf.

Anfangs verbringen die Östlichen Riesenkängurus in meiner Nachbarschaft nur ein paar Minuten pro Tag draußen, Schritt für Schritt, oder besser gesagt Sprung für Sprung werden die Ausflüge an die frische Luft ausgelassener und länger. Der Nachwuchs grast längst auch selbst und erkundet die nähere Umgebung.

Ganz unabhängig von der Mutter sind die jungen Beuteltiere erst im Alter von etwas 18 Monaten. Kängurus bleiben aber – jedenfalls hier, nahe der Ostküste von New South Wales – auch danach oft noch einige Monate in der Nähe der Mutter. Aus deren Beutel lugt zu der Zeit meist längst das nächste Geschwister. 

Die Entwicklungszeit zwischen Geburt und dem ersten Abenteuer in freier Wildbahn variiert: Rote Riesenkängurus, Wallaroos, Euros und Antilopenkängurus verlassen den Beutel in der Regel nach 235 Tagen, die Eastern Greys brauchen etwa 320 Tage. Aber auch die Dauer der einzelnen Phasen ist nicht immer gleich: Die Redneck Wallabies, die auch in den Videos zu sehen sind, machen sich schon nach 30 Tagen auf den Weg vom Uterus in den Beutel und saugen später zwölf bis 17 Monate lang. Die Entwicklungsperioden variieren außerdem nach Geschlecht und Alter der Mutter, außerdem spielen Jahreszeit und Umwelteinflüsse – ist genug Wasser da? – eine Rolle. 

Geschafft - die Reise in den Beutel

Kängurus bekommen zwar - mit sehr seltenen Ausnahmen keine Zwillinge – aber sie bringen ihre Jungen mit 9 bis 12 Monaten Abstand zur Welt. Insofern ist eine Situation wie diese häufig: der große Bruder verlässt den Beutel kurz bevor die kleine Schwester geboren wird. Sie hat ihre Reise zu einer der kleinen Zitzen geschafft – das Östliche Riesenkänguru hat vier, aber nur drei sind klein genug für ein Neugeborenes – und hängt nun dort, trinkt, schläft viel und wächst.

Der große Bruder steckt den Kopf unterdessen ebenfalls in den Beutel um zu trinken, er bedient sich aber an einer anderen Zitze. Um das Beutel-Baby kümmert sich die Mutter relativ wenig – sie springt mit ihm so hoch und schnell wie sonst auch. Allerdings hält sie den Beutel sauber: Sie leckt das Urin des Joeys auf und hält das Innere des Beutels sauber. Es ist ein skurriler Anblick, wenn der Kopf des Weibchens mehrere Minuten lang im Beutel verschwindet.

Ein weibliches östliches Riesenkänguru liegt auf einer Wiese, der Nachwuchs lugt aus dem Beutel.
Tagsüber ruhen sich das Känguru Weibchen und das Joey auch mal aus und dösen im Schatten.
Julica Jungehülsing

Weibliche Graue Riesenkängurus pflanzen sich zum ersten Mal schon im Alter von 13 oder 14 Monaten fort. Männchen sind mit etwa zwei Jahren geschlechtsreif, die größeren Roten Riesenkängurus sind oft erst mit etwa drei Jahren zeugungsfähig. Wie die Paarung abläuft und wer da wen überzeugen muss, bietet Stoff genug für eine weitere Folge der Känguru Diaries.

Worüber würden Sie gerne in den Känguru Diaries lesen? Wenn Sie Fragen haben, versuche ich gerne, sie in den nächsten Folgen zu beantworten.

Quellen: Australian Museum. Terence J. Dawson "Kangaroos", CSIRO Publishing, 2012

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