Australien im Coronavirus-Koma

Der Südhalbkugelkontinent hat kaum neue Covid-19-Erkrankungsfälle. Die Grenzen bleiben dicht, auch solche, die es eigentlich nicht gibt.

Julica Jungehülsing Eine Australische Flagge weht über einem Shoppingcenter vor blauem Himmel.

Ein Update von Julica Jungehülsing in den AustralienStories der Riffreporter. 23. Juni 2020

Sie denken, Reisen in Europa ist derzeit kompliziert? Möglich. Aber Australien übertrifft viele coronaviröse Grenz-Scharaden. Raus und rein kommt ohnehin niemand, jedenfalls nicht ohne Notfall oder triftigen Grund. Aber selbst innerhalb des Kontinents darf man sich nur graduell bewegen. Obgleich es dort eigentlich keine Grenzen gibt. Und auch kaum Covid-19.

Bis voraussichtlich 2021 dürfen Australier nur in belegbaren Notsituationen ihr Land verlassen und werden anschließend auch nur ungern wieder reingelassen: Richtig teure Flüge, und zwei Wochen Hotel-Quarantäne nach Wiedereinreise, gewürzt mit nachhaltigem Misstrauen der Nachbarn. Für Nicht-Australier gilt: Sie dürfen nur einreisen wenn sie Verwandte ersten Grades im big brown land haben und einen plausiblen Grund, die auch sehen zu müssen. Gemeinsamer Urlaub gilt nicht als Grund.

Doch diese kontinentale Regelung ist noch logisch und eindeutig im Vergleich zum inneraustralischen Corona-Wirrwarr. Sie möchten von New South Wales (NSW) nach Victoria? Von Melbourne nach Sydney reisen, zwischen den Großstädten mit den landesweit höchsten Infektionszahlen pendeln? Das geht klar, kein Problem! Kompliziert wird es rundum.

Südaustralien etwa: Küsten und Wüsten um die Landeshauptstadt Adelaide sind nur für Bewohner aus dem Northern Territory, Tasmanien und Westaustralien offen. Wer von anderswo einreist, muss 14 Tage in Quarantäne.

Die Werbekampagne soll zum Urlauben im eigenen Bundesland motivieren - in diesem Fall in Westaustralien.
Tourism Australia

Das neue Lieblingsmotto der australischen Tourismusbehörde “Holiday here this year” greift angesichts der Isolationsphase nicht so richtig. Denn die Juliferien dauern nur zwei Wochen. Das einzig Praktische an der Tourismuskampagne: Sie war nach der katastrophalen Waldbrandsaison initiiert worden, um das Reisen im eigenen Land zu beleben. Sie musste also nicht erst erfunden, sondern nur aus der Schublade gezogen und abgestaubt werden. Neu ist jetzt allerdings das jeweilige Landeslogo statt der eher nationalen Ermutigung, Das klingt dann etwas holpriger in etwa so: "Holiday here - in Western Australia - this year, my dear, aber nur wenn Du eh schon da bist …"

Ausnahme für Backpacker - den Melonen zuliebe

Der Nordosten jubelte Anfang Juni: Queensland is open for Queenslanders, ein Slogan, der eigentlich nur nach ausführlicher Hirnwäsche oder zu starker Sonneneinstrahlung wirklich verständlich ist. Er bedeutet: Für alle anderen Australier ist Queensland tabu. Widerstrebend willkommen sind Backpacker aus Europa und anderen Ländern der Welt: Besitzer der ‘Work & Travel Visa’ dürfen einreisen: allerdings nur wenn sie Obst und Gemüse ernten wollen und keine Angst vor Einreiseformularen und Papierkram haben. Landwirte und Plantagenbesitzer helfen ihnen hoffentlich beim Ausfüllen, denn ohne die jugendlichen Kräfte aus dem Ausland werden Millionen von Melonen, Pfirsiche, Mangos und Avocados dieses Jahr auf den Feldern verrotten.

Das Nordterritorium – mit keinem einzigen Corona-Toten und insgesamt nur 29 Infektionsfällen nicht wirklich ein hotspot – möchte genau das offenbar noch länger bleiben: Noch mindestens vier Wochen darf kein anderer Australier zur Tagung nach Darwin, zum Campen in den Kakadu-Nationalpark oder zu sonstigen Attraktionen des Bundeslandes. Schade, in dem an den Küsten subtropischen und im Landesinneren extra-heißen Bundesland ist es eigentlich nur jetzt im Südhalbkugel-Winter auszuhalten.

Ein Aufkleber auf dem Fussboden vor einem Schwimmbad erklärt, dass man Distanz halten soll und wo genau man stehen soll.
Auf Schritt und Tritt wird erklärt, wo und wie man sich bewegen soll: Aufkleber im Schwimmbad.
Julica Jungehülsing

Im Nordterritorium lebt nur ein Prozent der australischen Bevölkerung, in NSW ist fast jeder Dritte Australier zuhause. Dort werden 18.000 Menschen pro Tag getestet und man ist stolz auf die geringe Zahl an Neuinfektionen. Um so geringer ist das Verständnis für die Nachbarbundesländer – nur wer kein Zutrauen in sein Gesundheitssystem habe, würde so territorial handeln: “Es ist lächerlich – auch im Hinblick darauf wie gut wir mit dem Virus umgegangen sind – dass wir Grenzen aufrechterhalten, die es gar nicht gibt“, wetterte Gladys Berejiklian, NSW-Premierministerin am 19. Juni 2020 in Sydney.

Die Grenzen der föderalen Begeisterung

"Grenzen die es gar nicht gibt" – vielleicht nicht mit Schlagbaum und Zollbeamten, doch in den Köpfen irgendwie schon. Seit 1901 ist Australien eine Föderation, ein Staatenbund - Vorher hatten die eingewanderten Weißen sechs unabhängige britische Kolonien gegründet, die sich aus allerlei Gründen nicht wirklich ausstehen konnten, aber sich dann doch nach langem Hadern und Feilschen zum Commonwealth of Australia vereinten. So richtig traut man sich bis heute nicht. Das macht die Coronakrise nicht wirklich besser.

Züge rollen bis heute auf drei unterschiedlich breiten Schienensträngen durch Australien. Honig darf nicht von manchen in andere Bundesländer transportiert werden, Obst und Gemüse erst recht nicht. Wer ein Auto vom Nordterritorium nach NSW ummelden will durchläuft erstmal einen Diebstahlscheck. Westaustralier sprechen bis heute vom Rest des Kontinents wenig liebevoll als von “those people in the East” – diesen Leuten im Osten. Wer von Perth (Westaustralien) nach Sydney (NSW) zieht, gilt für Familie und Freunde im besten Fall als verschollen. Und umgekehrt.

“Not really a Queenslander - just travelling with QLD number plate” - ("Ich bin nicht richtig aus Queensland, habe nur ein Nummernschild von dort”) klebt auf ein braunes Pappschild gemalt in der Windschutzscheibe eines Bullis an einem Surfspot in New South Wales. Sowas hängt niemand ohne Not ins Fenster. Als er aus dem Wasser kommt, frage ich den Besitzer: Er hatte vor Monaten vergessen, sein Auto umzumelden, dann kam Corona, und die Behörde war dicht. Seither wird er schräg angeguckt, von der Polizei gecheckt, zum Teil sogar offen angefeindet. "People are going crazy" ('die Leute werden verrückt') sagt er und schüttelt sich das Salzwasser aus den Haaren.

Die Zahlen: 102 Tote unter 25 Millionen

´Auf dem Kontinent mit knapp 25 Millionen Einwohnern gab es bislang 7391 Infektionsfälle, davon sind derzeit noch 421 Menschen krank, 102 Menschen sind gestorben.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland New South Wales gab es insgesamt 3150 Infektionsfälle, von denen sind 2770 wieder genesen. 48 Menschen starben.

In Victoria erkrankten 1864 Menschen an Corona, 19 starben. In Queensland starben von 1088 Erkrankten sechs, 228 Tasmanier infizierten sich, dort starben 13. In allen übrigen Bundesländern lagen die Zahlen der Erkrankten je unter 700 und die der Toten unter zehn.

Zwei Millionen Australier wurden bisher auf das neuartige Coronavirus getestet, bei 0.37 Prozent war der Test positiv.

16 an Covid-19 Erkrankte liegen derzeit in australischen Krankenhäusern, 2 von ihnen auf einer Intensivstation.

Anfang Juni hatten 6 Millionen Australier die CovidSafe App auf ihre Smartphones geladen.

(Stand: 23. Juni 2020, Quelle der Covid-Zahlen: www.covid19data.com.au )

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