Das Auge Napoleons

Über das Leben des Kunsträubers Dominique-Vivant Denon

Von Carmela Thiele

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25. September 2017

Wenn der Begriff Raubkunst fällt, ist meist von der systematischen Ausplünderung der Kunstsammlungen deutscher Juden durch den NS-Staat die Rede, und von der viel zu lange auf Sparflamme betriebenen Provenienzforschung, die dann aber in den vergangenen Jahren in den deutschen Museen massiv ausgebaut wurde. Darüber geriet völlig aus dem Blick, dass über Jahrtausende der Abtransport von herausragenden Kunstwerken zum Maßnahmenpaket einer jeden Siegermacht gehörte. Besonders ehrgeizig in dieser Hinsicht zeigte sich Napoleon, der sich infolge seiner Kriegszüge erdreistete, selbst so herausragende Museen wie in Berlin, Rom und Wien zu plündern. Das geschah nicht etwa unkontrolliert, sondern durch Experten, die in der Nachhut Napoleons die Schlösser und Museen durchkämmten. Für Kunstgegenstände aller Art zuständig war ein gewisser Dominique-Vivant Denon, der zielsicher die Meisterwerke herauspickte, die er dann als Kriegstrophäen nach Paris abtransportieren ließ. In der Folge entstand für wenige Jahre zum Ruhm der französischen Nation ein an Umfang und Qualität nicht zu übertreffendes Museum der Superlative, die Vorgängerinstitution des heutigen Louvre.

Aber wer war der von Museumskollegen in ganz Europa gefürchtete wie geachtete Denon, nach dem noch heute ein Gebäudeteil des Louvre benannt ist? Reinhard Kaiser hat eine detaillierte Biografie des Gentleman-Kunsträubers geschrieben, der nicht nur ein leidenschaftlicher Kunstsammler war, sondern auch ein geistreicher Briefeschreiber. Im Plauderton verknüpft der Autor zahlreiche Quellentexte mit der Essenz umfangreicher Sekundärliteratur zur Geschichte des Louvre und der politischen Verhältnisse um 1800. Dabei stellt sich heraus, dass der Autor selbst – wie Vivant Denon – ein Sucher und Finder ist, zwar nicht von Kunstwerken, sondern von wahren Geschichten, die – wie Kaiser in einem Interview gesagt hat – sich niemand ausdenken könnte. Bereits Mitte der neunziger Jahre war Kaiser in seiner Eigenschaft als Übersetzer auf die Figur des Vivant Denon gestoßen. Seitdem hat ihn die Lebensgeschichte des gewandten Kunstsammlers nicht mehr losgelassen. In der 400 Seiten umfassenden Biografie leuchtet er nicht nur ein besonderes Lebens aus, sondern liefert auch ein Schlaglicht auf eine Zeit des politischen Umbruchs.

Karriereknick durch galantes Abenteuer

Zur Welt gekommen ist Denon im absolutistischen, aber aufgeklärten Frankreich. Der 1747 in Burgund geborene Edelmann sollte eigentlich in Paris die Rechte studieren, widmete sich jedoch lieber dem Zeichnen und erlernte die Technik des Radierens. Durch sein angenehmes Wesen und seine umfassende Bildung erlangte Denon Zugang zum Hofe Ludwigs des XV. und empfahl sich bei Hofe für die Diplomaten-Laufbahn. Ein galantes, aber politisch problematisches Abenteuer in St. Petersburg brachte ihm jedoch einen mehrjährigen unbezahlten Urlaub ein, den er zum Teil in Italien verbrachte, wo er gegen Honorar Zeichnungen und Radierungen für einen Bildband über Italien herstellte. 1779 schließlich wurde er in Neapel zum Botschaftssekretär ernannt. Er begann neben seiner Arbeit zu sammeln, zunächst antike Vasen, später sind es Zeichnungen und Druckgrafiken. Schon damals ließ Denon in Pompeji, wo er sich durch Bestechung Zugang zu den Ruinen verschafft hatte, einen Frauenschädel unter seinem Mantel verschwinden. Und mehr als zehn Jahre später würde er bei einer Expedition in der Nachhut des Ägypten-Feldzugs Napoleons einen mumifizierten weiblichen Fuß mitgehen lassen.

Den Beginn der Französischen Revolution verfolgte der inzwischen durch ein Erbe unabhängige Privatier aus der Ferne, aus Venedig, wo der 41jährige die ebenso geistreiche wie schöne Salonière Isabella Teotochi Marin kennenlernte, mit der er bis ins hohe Alter brieflich in engem Kontakt blieb. Genaueres über Denons Beziehung zu der verheirateten Frau ist dank der zahlreichen Briefe Denons an Isabella, aber auch der erhalten gebliebenen Spitzelberichte der Inquisition von Venedig dokumentiert. Denon wurde überwacht, weil man ihn verdächtigte, mit den revolutionären Jakobinern in Frankreich zu sympathisieren, und wurde1793 aus Venedig ausgewiesen.

Schweren Herzens kehrte er nach Paris zurück, wo er das Musée Central des Arts für sich entdeckte, das erste öffentliche Museum in Frankreich. Es war auf Betreiben des Revolutionsmalers Jacques Louis David im entstanden, der im Nationalkonvent saß und auch zum sogenannten Wohlfahrtsausschuss beste Kontakte pflegte. Das Museum wurde in den Räumen des alten Louvre-Palasts und der parallel zur Seine verlaufenden Grande Galerie untergebracht. Es zeigte 537 Gemälde sowie 124 Skulpturen und Kunstobjekte, die größtenteils nach der Entmachtung des Königs aus Versailles herbeigeschafft worden waren.

Die Woche hatte 10 Tage

In Paris war, im wahrsten Sinne des Wortes, eine neue Zeit angebrochen: An die Stelle der siebentägigen Woche war die zehntägige Dekade getreten. Das Museum war jedoch nur an zwei Tagen dem gewöhnlichen Publikum zugänglich, am Ruhetag wurde die Galerie gereinigt, und die übrigen sieben Tage blieben Künstlern, Kopisten und ausländischen Gästen vorbehalten. Unter ihnen war auch der Emigrant Denon. In einem Brief an seine Geliebte in Venedig schrieb er, dass er wenig Zeit zum Schreiben habe, weil er jeden Nachmittag ins Museum ginge, denn dann sei er „an diesem herrlichen Ort“ fast allein.

Es dauerte nicht lange, bis Denon auch beruflich mit dem Louvre zu tun haben sollte. David engagierte den Kunstexperten, den er bereits in Neapel kennen- und schätzen gelernt hatte. Auch nach der Wahl Napoleon Bonapartes zum Generalkonsul 1799 blieb Denon im französischen Staatsdienst. 1802 ernannte ihn der aufstrebende Korse zum „Generaldirektor aller Museen“, was eigentlich eine unmöglich zu bewältigende Aufgabe war.

Denon entpuppte sich jedoch als Organisationstalent. Er gab Kunstwerke in Auftrag, inszenierte Feiern zum Ruhme Napoleons und reiste während der Befreiungskriege als Kunstsachverständiger der Grande Armée hinterher. Doch galt er als äußerst kultivierter Kunsträuber, dem – vor allem von manchen deutschen Kollegen – sogar Respekt entgegengebracht wurde. Die Galeriedirektoren erkannten, dass Denon ein einmaliges, nach Schulen und Epochen geordnetes Weltmuseum installieren wollte, was sie als fortschrittliches Projekt betrachteten und insgeheim anerkannten. Skrupel, sich die besten Stücke unter den Nagel zu reißen, kannte der bald als „Auge Napoleons" bekannte Denon jedoch nicht, galt ihm Paris doch als Mekka eines jeden Kunstfreunds, egal welcher Nationalität er sei. Nach Napoleons erzwungener Abdankung 1814 forderten allerdings viele Länder – allen voran die Preußen – die erbeuteten Kunstwerke zurück. Denon notierte: „Mit dieser Rückerstattung begann die Katastrophe des Museums, denn es verlor dabei 150 Gemälde, die in der Galerie gehangen hatten, und außerdem mehrere berühmte Antiken.“

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Der 78-Jährige Kunstsammler und Autor mehrerer grafischer Mappenwerke starb 1825, bezeichnenderweise nachdem er auf einer sich Stunden hinziehenden Auktion in stickigen Räumen einen Schwächeanfall erlitten hatte. Seine Lebensbilanz hatte schon zuvor selber gezogen. Einer etwas aufdringlichen britischen Verehrerin gab er die nüchterne Antwort: „Ich war nur stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

Nach dem 2000 in deutscher Sprache erschienenen Buch Philippe Sollers zu Dominique-Vivant Denon, das bei der Kritik einhellig durchgefallenen war, verbindet nun Reinhard Kaisers mit Anmerkungen gespickte Biographie ein Maximum an Genauigkeit mit literarischer Raffinesse. Dem Autor ist nicht nur ein feinsinniges Porträt des genialen Kunsträubers gelungen, vielmehr wird die Leserin Zeugin der Gründung des Louvre und staatlichen Kunstraubs im großen Stil.

Der Autor des Buches ist in erster Linie als Übersetzer bekannt geworden. 2010 wurde er nach vielen Ehrungen mit dem Wilhelm-Merton-Preis für Europäische Übersetzungen ausgezeichnet. Kaiser hat mehrere Titel des Soziologen Richard Sennett übersetzt sowie die Schriften von Susan Sontag, aber auch Romane renommierter Autorinnen wie Sylvia Plath, Anne Tyler und Irene Dische. Sein souveräner Umgang mit der Sprache macht die Denon-Biografie zu einer angenehmen wie lehrreichen Lektüre.

Reinhard Kaiser, Der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon, 400 Seiten gebunden, erschienen 2016 bei C.H. Beck, 24,95 Euro.