Auf die Stimme der Wellen hören

Zur Hawaii-Ausstellung im Linden-Museum Stuttgart

Von Carmela Thiele

Museum Fünf Kontinente München / Marietta Weidner

16. Oktober 2017

Die Debatte um die Konzeption des Berliner Humboldt Forums hat schlagartig den Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte gelenkt und damit auf die ethnologischen Museen. Von mangelnder Provenienzforschung war die Rede, und Blindheit gegenüber den Folgen des deutschen Kolonialismus. In der Öffentlichkeit konnte der Eindruck entstehen, dass die Völkerkundemuseen die Zeit verschlafen haben, die politische Bedeutung der Ausplünderung ganzer Kulturen ausklammern und nicht auf die Konsequenzen einer globalen Welt reagieren.

Doch ist das genaue Gegenteil der Fall: Seit rund zehn Jahren arbeiten fast alle ethnografischen Museen an einem neuen Selbstverständnis, kooperieren mit den Herkunftsländern der Objekte, betreiben mit begrenzten personellen Mitteln Provenienzforschung und fragen vor allem nach der Relevanz ihrer Ausstellungen. Was wollen wir eigentlich bewirken? Warum soll das die Leute heute interessieren? Das mehrfach ausgezeichnete Bremer Übersee-Museum etwa arbeitet so, mit anderen Schwerpunkten auch das Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt in Köln oder auch ein anderes großes Völkerkundemuseum Deutschlands, das Linden-Museum in Stuttgart.

Dort wurde gerade die Schau „Hawaii - Königliche Inseln im Pazifik“ eröffnet, eine Premiere für Deutschland, 250 Objekte auf 1000 Quadratmetern werden gezeigt. Doch kommen die fragilen Zeugnisse der Vergangenheit, aus Tausenden von roten und gelben Federn gefertigte Umhänge und Helme, kunstvolle Gefäße, Schmuck, Matten und Fächer erst am Ende der Schau zu ihrem Auftritt. Es sollte der Eindruck einer festgefrorenen Kultur vermieden werden, also ist die Geschichte des Landes vorgeschaltet, ihre Geografie und Kulturgeschichte, die Frage, wie die Objekte überhaupt ins Museum gelangt sind, und was es eigentlich auf sich hat mit den Hawaii-Klischees – Surfen, Hula-Tanz und Tatauierung.

Häuser und eine Familie
Das Surfbrett als unentbehrliches Ausstattungsstück einer adligen Familie in einem Stich von Alphonse Pellion (1825).
Foto: Sharok Shalchi

Das Video am Eingang setzt ganz auf Verführung: Elegante Surfer_innen auf Riesenwellen, der Rhythmus der Brandung, das gleißende Licht. Surfen erfordert Körperbeherrschung und Technik, Wellenreiter müssen auf die Stimme der Welle hören. Es gehörte zum Zeitvertreib der polynesischen Adligen, der ali´i, in der einst streng hierarchisch geordneten Gesellschaft, die zwischen Menschen göttlicher Abkunft und tributpflichtigen Fischern und Bauern unterschied. Aber Männer wie Frauen genossen den Rausch der Geschwindigkeit und das Gefühl, Teil des Meeres, des Landes zu sein. Die Bretter waren aus Holz, hatten aber schon eine den heutigen hightech-Produkten ähnliche Form. Wen das nicht interessiert, kann sich über moderne Formen des Hula-Tanzes informieren, auch der ist nicht einfach nur ein Volkstanz, sondern ein Medium: Tänzer und Tänzerinnen verbildlichen mit ihren Gesten und Schritten die Geschichten und Riten der Ahnen. Und selbst die einlullenden, süßlichen Gesänge, die durch die Ausstellungsräume schallen, haben einen ernsten Hintergrund: Oftmals sind es Protestlieder, sagt Kurator Ulrich Menter, die die Annexion Hawaiis 1898 durch die Vereinigten Staaten beklagen.

Rasante Modernisierung

Die Modernisierung des Landes war seit der Entdeckung des Insel-Archipels 1778 durch James Cook erstaunlich rasant verlaufen, weil die Hawaiier bald erkannt hatten, was die Briten so überlegen machte. Dem späteren König Ka´ahumanu gelang die Unterwerfung der anderen polynesischen Anführer nur, weil er von europäischen Händlern Gewehre kaufte, mit deren Hilfe er 1792 das Inselreich „einte“. Gegen die modernen Waffen halfen die spirituell aufgeladenen Federmäntel nicht mehr, die die Kraft ihrer Träger im Kampf steigern sollte. Die Statussymbole herausragender Männer blieben jedoch weiterhin kostbar und dienten als Geschenke, wie etwa der Federmantel ´ahua´ula. Von diesem Exemplar ist bekannt, dass er dem Zeichner John Webber übergeben wurde, der 1779 Cook bei dessen zweitem Hawaii-Besuch begleitete.

Der gesellschaftliche Wandel auf der Pazifik-Insel verlief rasant. Nach dem Tod des ersten Königs 1819 schafften seine Witwe und ihr Sohn das religiöse Gesetz kapu ab, das nicht nur die Einhaltung von Vorschriften wie das getrennte Essen von Frauen und Männer verlangte, sondern auch die Privilegien der mit der Verwaltung und den öffentlichen wie religiösen Angelegenheiten befassten Adligen sicherte. Daraufhin waren Missionare ins Land gekommen und hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Sprache der Hawaiier ein Alphabet geschaffen und damit eine beispiellose Bildungswelle ausgelöst. 1834 erschien die erste Zeitung in hawaiischer Sprache, um die Mitte des Jahrhunderts waren fast alle Bewohner des Lesens und Schreibens kundig, um 1900 existierten auf Hawaii 70 Periodika.

Cape aus Federn
Rund 30 Federmäntel gelangten nach der dritten Hawaii-Reise James Cooks 1780 nach England. Dieser gehörte zur Sammlung seines Zeichners John Webber.
Bernisches Historisches Museum / Foto: Stefan Rebsamen

Dass die alten Riten – und damit auch die Herstellung von Federmänteln – in den Hintergrund traten, wirkte sich immerhin positiv auf die Vogelwelt auf Hawaii aus. Die Farbe Rot war der Sphäre des Göttlichen zugeordnet, so dass der `I´iwi und der `Apapane wegen ihren roten Federn eingefangen wurden, der `O´o und der Mamo aufgrund ihrer wenigen gelben Federn. Der `O´o ist heute ausgestorben , jedoch infolge zivilisatorischer Prozesse, der Einführung und Verbreitung neuer Tierarten, die Krankheitserreger einschleppten. Genaueres zu den "Kleidervögeln" wird am 23. März 2018 - im Rahmen des Begleitprogramms - Norbert Lenz erzählen. Er ist Ornithologe und Direktor des Staatlichen Naturkundemuseums Karlsruhe.

Immer mehr Einwanderer kamen, die anfangs auch problemlos in die Gesellschaft integriert wurden. Der bei Hildesheim geborene Abenteurer Hermann A. Widemann heiratete eine Hawaiierin, mit der er neun Kinder zeugte. Er baute eine der ersten Zuckerrohrplantagen auf, stieg zum Obersten Richter und Innenminister des Königreichs auf und setzte sich in dieser Funktion auch für die Unabhängigkeit des Landes ein. Von ihm stammt eine kleine Objekt-Sammlung, die er dem Museum der Stadt Hildesheim schenkte.

Kampf um Unabhängigkeit

Das Land wandelte sich innerhalb von 150 Jahren, von seiner Entdeckung 1778 durch James Cook bis zur Einschränkung der Macht des Königs 1887, von einer religiösen Gesellschaft in einen modernen Staat, eine konstitutionelle Monarchie. Recht und Gesetz existieren bereits in der alten Kultur, kanawai, das vom höchsten Adligen gesprochene Recht. Unter dem Druck bewaffneter Siedler und Missionarssöhne jedoch verabschiedete Hawaiis Parlament die „Bajonett-Verfassung“, die die Souveränität des Königreichs einschränkte. Königin Lili’uokalani sprach fließend englisch, auch andere europäische Sprachen und kleidete sich im Stil des europäischen Adels, wie eine zeitgenössische Fotografie zeigt. Als sie 1893 sogar zum Rücktritt gezwungen wurde, sandte sie eine Protestnote nach Washington. Das Schreiben veranlasste Präsident Grover Cleveland zu dem Versuch, das Unrecht wieder rückgängig zu machen. Doch konnte er seine Entscheidung im fernen Inselstaat nicht durchsetzen. Der lange währende, einer Kolonialverwaltung ähnliche Sonderstatus Hawaiis wurde erst 1959 beendet, als das Land zum 50. Bundesstaat der USA erklärt wurde.

Menschen vor einer Hütte
Noch etwas steif: Der Entdeckungsreisende Otto von Kotzebue trifft Kamehameha vor seinem Haus auf Hawaii.
Foto: Sharok Shalchi

Nach der endgültig verlorenen Unabhängigkeit knüpften die native Hawaiians wieder an ihre Tradition an: Der Hula-Tanz wurde wiederbelebt, die Kunst der Tatauierung gepflegt. „Wenn Du erstmal auf der Matte liegst und das Tackern (der Tatauierklopfer) hörst, verwandelst Du dich in einen anderen Menschen“, sagt einer Männer, die die Kunst des kakau heute noch beherrschen, in einem Video. Auch viele Künstler beschäftigen sich mit den alten Werten der hawaiischen Gesellschaft, setzen sich aber auch mit den Folgen der globalen Wirtschaft auseinander. Kapulani Landgraf weist mit ihren Collagen auf die Zerstörung ehemals heiliger Gebiete hin, wo nun Wohnanlagen entstehen oder die USA Bombentests durchführen. Und auch Abigail Romanchak macht auf die Folgen rücksichtsloser Ausbeutung der Natur aufmerksam, wenn sie Drucke von vergrößerten Kieselalgen schafft, die Indikator für ein gesundes marines Ökosystem sind. Der alte Grundsatz Hawaiis, Aloha `aina, Liebe zum Land, gilt heute unter neuen Vorzeichen. In den hawaiischen Mythen wurde nicht strikt zwischen Mensch und Natur unterschieden, sondern die Taro-Pflanze als älterer Bruder des Menschen bezeichnet, und mana galt als besondere Kraft, die sowohl Menschen und Tieren als auch unbelebten Dingen innewohnen kann, der aber jeder Respekt erweisen musste.

Die Kultur und Geschichte Hawaiis ist also der Beweis, dass es nie zu spät ist, sich auf ein paar alte Weisheiten zu besinnen. Wie aktuell das Thema Ozeanien derzeit ist, zeigt eine Veranstaltung der TBA21–Academy , die am 23. bis 27. Oktober 2017 im Hamburger Bahnhof in Berlin stattfindet: Künstler und Wissenschaftler zeigen und diskutieren die Ergebnisse ihrer Exkursion in die Südsee an Bord der Dardanella, bei der es nicht nur um kulturelle, sondern auch um ökologische Fragen ging. Der Titel des Projekts Fishing Islands, spielt auf den polynesischen Schöpfungsmythos an, nach dem die Inseln der Archipele aus dem Meer gefischt worden sind.