Arrival: Kann eine Linguistin die Welt retten?

Sprache steht im Zentrum des neuen Science-fiction-Films von Dennis Villeneuve. Deshalb bin ich mit dem Germanisten und Informatiker Christian Stein ins Kino gegangen.

2016 Sony Pictures Releasing GmbH Ein Frau mit Headset zeigt auf eine merkwürdige kreisförmige Wolke.

Berlin, 28. November 2016

Ein gigantisches, schwarzes, muschelförmiges Raumschiff mit siebenarmigen Tintenfischen als Insassen – am Himmel über dem Potsdamer Platz in Berlin würde eine solche Erscheinung an diesem Morgen wohl einfach unbemerkt bleiben, so frühwinterlich dicht hängt der Nebel über der Stadt. In Arrival, dem neuen Science-fiction Film von Dennis Villeneuve, gibt es viele Probleme. Nebel ist nicht dabei. Der Himmel ist klar, die Menschen sehen alles, und sie verfallen in Panik

Im Café Caras wartet Christian Stein auf mich, er war etwas zu früh dran. Wir haben uns verabredet, den auf dem Roman “Story of your Life” von Ted Chiang beruhenden Film Arrival anzuschauen, in dem die Linguistin Dr. Louise Banks vor der Aufgabe steht, mit den besagten Tintenfischen so etwas wie Kommunikation möglich zu machen. In zwölf riesigen  Raumschiffen an zwölf weit verteilten Orten ankern diese Wesen jeweils knapp über der Erdoberfläche, und wenn die Menschheit nicht schnell herausbekommt, was sie wollen und ob sie in friedlicher oder feindlicher Absicht gekommen sind, riskiert sie ihre Existenz. Nur Louise Banks kann dieses Rätsel lösen.

Christian Stein, 35 Jahre alt, versteht viel von Linguistik und ich wenig. Stein ist Mitgründer des gamelab.berlin am Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung der Humboldt-Universität und Mitglied der Jungen Akademie, er hat Germanistik und Informatik studiert und sich wie Banks intensiv mit Sprachwissenschaft beschäftigt. Wir sind uns vorher nie begegnet, ein blind date also.

Und da geht es schon los mit dem Thema des Films. Obwohl wir uns vorher noch nie begegnet sind, reden wir miteinander und verstehen uns schnell ziemlich gut. Ich erfasse, was Christian Stein mir sagen will, wenn er erzählt, wie er am gamelab mit den schicksten neuen Technologien Spiele entwickelt, um mit ihnen wissenschaftliche Hypothesen zu überprüfen. Ich kann sofort nachempfinden, dass er von den zwanzig Tassen Kaffee, die er früher am Tag getrunken hat, runterkommen will.

Als er sagt, dass er sich auch mit “Terminologiemanagement” beschäftigt, muss ich zwar nachfragen, was das denn bitte sei, aber seine Auskunft ergibt Sinn: Er erzählt, dass es nicht nur Metall und Prozessoren sind, die die technische Welt zusammenhalten, sondern Terminologiemanager in sogenannten  Normungsgremien, die zum Beispiel zu definieren versuchen, was “Sicherheit” sei. Allein 63 verschiedene Definitionen hat er in deutschen Normen gefunden. “Und jede Variante von Sicherheit steht nicht nur für ein Wort, sondern für eine komplette Weltsicht.”

Der Name Wittgenstein taucht auf, ich bekomme kurz Panik. Wie um alles in der Welt soll ich am Samstagmorgen, wo ich doch gerade erst an meiner ersten Tasse Kaffee nippe, eine sinnvolle Frage stellen, die den Namen eines der anspruchsvollsten Philosophen des 20. Jahrhunderts enthält? Meine eher kursorische Lektüre liegt mehr als zwanzig Jahre zurück. Stein merkt meine Unsicherheit – auch das ist Kommunikation, er liest meinen Gesichtsausdruck – und redet einfach weiter darüber, was Sprache ist und wie sie bestimmt, wie wir die Welt wahrnehmen. Im Film bekommt diese Frage eine Zeit und Raum sprengende Dimension.

Umgekehrt hat der Wissenschaftler schnell erfasst, wer ich bin, um was es mir geht, was RiffReporter ist, warum ich ab und an mit Wissenschaftlern ins Kino gehen will, um Filme besser zu verstehen.


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Christian Schwägerl
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