Stickstoff – bei uns Abfall im Überschuss, in Afrika wertvolle Mangelware

Das Element ist im Anthropozän Ursache massiver Probleme in der Landwirtschaft – und zugleich Schlüssel zu Lösungen. Report: Christian Schwägerl. Landkarten: Worldmapper

Koslic/Depositphotos Löschen Pestizide Insektenbestände aus und schadet übermäßige Düngung (Foto) der Pflanzenvielfalt? Darüber wird heftig gestritten.

AnthropoScene – Expeditionen in unsere neue geologische Erdepoche

Uwe Bartels hat ein Problem, das zum Himmel stinkt. Millionen Tonnen stickstoffhaltige Gülle und Gärreste fallen in seiner Heimat, dem Oldenburger Münsterland, pro Jahr an. Die Abfälle entstehen vor allem bei der Schweine- und Geflügelhaltung, für die Bartels Wohnort Vechta deutschlandweit zum Symbol geworden ist.

In riesigen Anlagen wachsen die Tiere zum Schlachtvieh heran. Der Stickstoff ist von Natur aus im Futter enthalten – zu einem guten Teil kommt er mit südamerikanischem Soja nach Deutschland. Bevor die Tiere als Fleischprodukte in Europa und Asien verkauft werden, erzeugen sie Fäkalien in rauen Mengen.

Bartels war früher Landwirtschaftsminister von Niedersachsen, dann Bürgermeister von Vechta. Jetzt, mit Anfang 70, will er als Chef des „Agrar- und Ernährungsforums Oldenburger Münsterland“, dafür sorgen, dass die Gülleflut kleiner wird. „Die Wirtschaft hat erkannt, dass wir in eine Sackgasse laufen, wenn wir nicht handeln“, sagt er, „denn die Verbraucher werden uns das Vertrauen entziehen, wenn es so weitergeht.“

Brot aus der Luft

Drei Millionen Tonnen Gülle und Gärreste lassen die Landwirte und Tierfabrikanten des Oldenburger Münsterlands pro Jahr bereits in andere Gebiete bringen, vor allem Ackerbaugebiete in Ostdeutschland, die Dünger benötigen. „Doch nach neuen Berechnungen müssen noch bis zu 1,4 Millionen Tonne aus der Region verbracht werden“, sagt Bartels. In ganz Niedersachsen gebe es 320.000 Hektar Land zu wenig, um den Stickstoff-Überschuss zu entsorgen.

Ein paar Tausend Kilometer weiter südlich haben Millionen Landwirte das umgekehrte Problem: In vielen Ländern Afrikas ist der Stickstoff, den deutsche Viehzüchter verzweifelt loswerden wollen, Mangelware. Bauern klagen darüber, dass ihre Ernten immer schmaler werden, weil nicht genügend organischer Dünger vorhanden ist und weil sie sich den teuren, künstlich hergestellten Mineraldünger schlichtweg nicht leisten können.

Landarbeiterinnen  in Ruhengeri, Ruanda
Landarbeiterinnen in Ruhengeri, Ruanda

Dieses Schicksal teilen viele Kleinbauern in Afrika und in ärmeren Ländern weltweit – sie leiden unter akutem Stickstoffmangel. „Nährstoffarme Böden und fehlender Dünger sind eine wichtige Ursache für ein niedriges Level der Lebensmittelproduktion in Afrika”, sagt Ronald Vargas, Fachmann der Welternährungsorganisation FAO. Im vergangenen Jahr hatten laut der UN-Behörde 821 Millionen Menschen zu wenig zu essen, jeder vierte von ihnen lebt auf dem afrikanischen Kontinent.

Hier zu viel, dort zu wenig – Stickstoff ist das Element, um das die globale Nahrungsversorgung kreist. Ohne dieses chemische Element können Pflanzen und Tiere nicht die Eiweiße bilden, aus denen ihre Körper bestehen.

Im Idealfall gelingt es Landwirten, auf ihren Höfen einen geschlossenen Nährstoffkreislauf in Gang zu halten. Was die Pflanzen zum Wachstum brauchen, bekommen sie durch den Dung der Tiere, was die Tiere brauchen, bekommen sie durch Futterpflanzen. Abgehende Nährstoffe werden durch eine geschickte Fruchtfolge ersetzt, bei der auch Leguminosen zum Einsatz kommen, die Stickstoff aus der Luft binden können. Dieses Ideal verfolgen Bauern, die nach den Prinzipien biologischer Landwirtschaft wirtschaften. Doch in den allermeisten Fällen sind Bauernhöfe heute vom Ideal des Nährstoffkreislaufs meilenweit entfernt.

Schon der Chemiker Justus von Liebig warnte im 19. Jahrhundert, dass es zu Mangel kommen und schon das Fehlen nur eines essentiellen Stoffs das gesamte Wachstum von Organismen bremsen könne. Damals war die Landwirtschaft in Europa eine Stickstoff-Mangelwirtschaft. Gülle und Mist reichten nicht mehr, die Böden fruchtbar zu halten. Die Angst vor einer Welthungerkatastrophe ging um.

Dann entwickelten die Chemiker Carl Bosch und Fritz Haber 1913 ein Verfahren, mit dem sich der reaktionsträge Stickstoff, der einen Großteil unserer Atemluft ausmacht, in reaktionsfreudigen Ammoniak verwandeln lässt. Das Resultat: Es gibt seither „Brot aus der Luft“, weil Kunstdünger die Ernten ankurbelt. Ein guter Teil der Menschen, die heute am Leben sind, verdankt ihre Existenz dem künstlichen Stickstoff, den der Durchbruch in Umlauf brachte.

Todeszonen im Meer, Monotonie an Land

Mit der chemischen Dünger-Herstellung begann eine der größten Veränderungen im Stoffwechsel der Erde, die es je gegeben hat. Die Menschheit holt heute 120 Millionen Tonnen Stickstoff pro Jahr in einer reaktiven Form aus der Luft – das ist doppelt so viel wie durch Blitze, Bakterien und andere natürliche Prozesse derart umgewandelt werden. Die Stickstoffmenge, die in der Umwelt zirkuliert, hat sich durch durch Kunstdünger und durch Stickoxide, die beim Verbrennen von Kohle, Erdöl und Erdgas frei werden, über die letzten hundert Jahre verdoppelt.

Wohin mit der Gülle? Die stickstoffhaltigen Abfälle aus der Tierhaltung werden im Übermaß auf Nutzflächen entsorgt.Große Mengen landen dabei in Fließgewässern und angrenzenden Gebieten, wo die Vielfalt der Pflanzenwelt leidet.
Wohin mit der Gülle? Die stickstoffhaltigen Abfälle aus der Tierhaltung werden im Übermaß auf Nutzflächen entsorgt.Große Mengen landen dabei in Fließgewässern und angrenzenden Gebieten, wo die Vielfalt der Pflanzenwelt leidet.

Stickstoff hat ein doppeltes Gesicht: Gibt es zu wenig davon, droht Hunger. Gibt es zu viel, drohen massive Umweltschäden und in Form von verschmutztem Trinkwasser auch Gefahren für den Menschen. Doch während in der Weltpolitik viel über Kohlendioxid diskutiert wird, kommt die zentrale Rolle des Stickstoffs für die Menschheit nur selten zur Sprache.

Dabei gibt es bereits heute eine ganze Reihe von gravierenden Problemen:

So wachsen im Golf von Mexiko und in vielen anderen Meeresregionen der Welt wie auch in Seen sogenannte „biologische Todeszonen“. Sie entstehen, wenn zu viel Dünger aus Agrargebieten ins Wasser kommt und dort das Algenwachstum befeuert. Der Sauerstoffgehalt des Wassers kann dabei so drastisch sinken, dass Lebewesen in großem Stil absterben. Wissenschaftler der US-Ozeanbehörde NOAA maßen 2017 einen Rekordwert für den Golf von Mexiko: 23.000 Quadratkilometer war die Todeszone groß, das entspricht einer Fläche von 150 mal 150 Kilometer Ausdehnung. Weltweit zählten Forscher 2018 rund 500 solcher lebensarmer Gebiete, zehnmal mehr als noch 1950.

Eine zweite gravierende Folge von zu viel reaktionsfreudigen Stickstoffverbindungen in der Umwelt ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Menschen sind weltweit besorgt, dass die Zahl und Vielfalt der Insekten schrumpft, dass Schmetterlinge, Wildbienen und andere Bestäuber weniger werden. Die meisten denken an Pestizide als Hauptursache. Ein wesentlicher, kaum bekannter Grund dafür ist indes die Zunahme von Stickstoff in der Umwelt. „Wenn sich in einem artenreichen Ökosystem immer mehr Stickstoff anreichert, profitieren davon nur einige wenige Arten, während die Mehrzahl zu den Verlierern zählt“, sagt Moritz Nabel, Experte beim Bundesamt für Naturschutz.

Die Devise „viel hilft viel“ stimmt nämlich auch in der Ökologie nicht: im Gegenteil, die Pflanzenwelt ist dort am vielfältigsten, wo Nährstoffe knapp sind und Arten um diese konkurrieren müssen. Dann bekommt jede Art ein bisschen ab. Deshalb gehören sogenannte Magerrasen zu den Hotspots der Pflanzenvielfalt in Europa und bergen zum Beispiel überdurchschnittliche viele Orchideen.

Diese Karte zeigt den Einsatz von Stickstoffdünger pro Hektar weltweit. Die Größe der Länder ist relativ zur Agrarfläche variiert.
Diese Karte zeigt den Einsatz von Stickstoffdünger pro Hektar weltweit. Die Größe der Länder ist relativ zur Agrarfläche variiert.
Worldmapper Benjamin Hennig und Tina Gotthardt

Wenn aber Stickstoff im Übermaß zur Verfügung steht und das Pflanzenwachstum ankurbelt, setzen sich nur einige wenige Gräser- und Sträucherarten aufgrund physiologischer Vorteile durch. „Deshalb gibt es kaum noch echte vielfarbige Blumenwiesen mit einer Vielzahl verschiedener Pflanzen”, sagt Nabel. Das Problem, warnt er, steigert sich über die ganze Nahrungskette hinweg. Zuerst verwandeln sich Heiden in monotones Grasland und Blumenwiesen in reine Grünflächen. Das schadet zuerst den Bestäuberinsekten, die keine Nahrung mehr finden, und dann den Vögeln und Kleinsäugern.

Eine ganze Kette von Umweltgefahren

„Die Stickstoffdeposition ist eine der bedeutendsten Triebkräfte für den Rückgang der biologischen Vielfalt in Deutschland“, warnt auch das Umweltbundesamt. Der Negativtrend betrifft auch große Flächen von Schutzgebieten, um die sich europäische Regierungen laut europäischem Recht besonders zu kümmern haben – vor allem die Flächen des „Natura 2000“-Netzwerks, mit denen die EU versucht, Europas Naturvielfalt zu erhalten. Die besten Naturschutzmaßnahmen nützen nichts, wenn der unsichtbare Düngereintrag die Lebensbedingungen seltener Arten systematisch verschlechtert. Es handelt sich dabei weltweit um ein Problem aller Länder mit Stickstoff-Überschuss.

Dünger ist ihr Feind: Blumenwiesen gedeihen in nährstoffarmen Landschaften. Wenn zu viel Stickstoff in der Umwelt ist, setzen sich nur wenige Pflanzen wie Löwenzahn durch und das Ökosystem verarmt. Botaniker beschreiben das als eines der gravierendsten Probleme für die pflanzliche Artenvielfalt.
Dünger ist ihr Feind: Blumenwiesen gedeihen in nährstoffarmen Landschaften. Wenn zu viel Stickstoff in der Umwelt ist, setzen sich nur wenige Pflanzen wie Löwenzahn durch und das Ökosystem verarmt. Botaniker beschreiben das als eines der gravierendsten Probleme für die pflanzliche Artenvielfalt.

Die Homogenisierung der Natur durch Stickstoff läuft weltweit, warnt der Botaniker Roland Bobbink von der Radboud University Nijmegen. Während es in Mitteleuropa bereits Problembewusstsein gebe, seien weite Teile Asiens, Kaliforniens und Südeuropas ebenfalls dabei, biologisch zu verarmen. Je mehr Stickstoff in die Umwelt gelangt, desto höher sind die Kosten von Gegenmaßnahmen.

Einer Studie des britischen Natural Environment Research Council aus dem Jahr 2011 zufolge verursacht überschüssiger Stickstoff in der EU einen jährlichen umweltökonomischen Schaden von 70 Milliarden bis 320 Milliarden Euro – dadurch, dass belastete Luft und belastetes Wasser Menschen krank macht und dass verarmte Ökosysteme ihre Dienstleistungen zum Wohl des Menschen schlechter erfüllen können. Die Kosten übermäßigen Stickstoffeinsatzes überwögen die ökonomischen Vorteile, urteilen die Autoren dieses „European Nitrogen Assessment“.

Diese Worldmapper-Darstellung gibt ein genaueres Bild davon, in welchen Regionen eines Landes am meisten Stickstoffdünger eingesetzt wird. So sticht zum Beispiel in den USA der Mittlere Westen hervor.
Diese Worldmapper-Darstellung gibt ein genaueres Bild davon, in welchen Regionen eines Landes am meisten Stickstoffdünger eingesetzt wird. So sticht zum Beispiel in den USA der Mittlere Westen hervor.
Worldmapper Benjamin Hennig und Tina Gotthardt

Die dritte Folge der Stickstoff-Revolution in der Landwirtschaft betrifft Wasser, Luft und Klima. Beispiel Deutschland: Zwar hat sich der gesamte Stickstoffeintrag in die Umwelt seit den 1980ern etwa halbiert, doch zugleich reichern sich Nitrate und andere Stoffe an. Allein 600.000 Tonnen Ammoniak (NH3) landen immer noch jährlich aus der Landwirtschaft in der Umwelt. Einer Studie der Universität Kiel vom Sommer 2018 zufolge trägt die neue Düngeverordnung kaum etwas dazu bei, das Problem zu lindern. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft warnt, dass in vielen Regionen künftig das Trinkwasser teurer werden muss, weil die technische Entfernung von Nitrat sehr teuer sei. „Seit den 1970er-Jahren wird in einigen Regionen systematisch überdüngt“, sagt Martin Wayand vom BDEW, „die Folgen bekommen wir jetzt zu spüren – die Böden sind überlastet und können kaum noch Nitrat abbauen.“

Zugleich sind Stickoxide, die vom Acker entweichen, potente Treibhausgase. Aus den 1,6 Millionen Tonnen Stickstoff, die deutsche Landwirte ausbringen, entstehen mehr als 100.000 Tonnen Lachgas (N2O), Weil Lachgas 300 Mal effektiver Wärme in der Atmosphäre einfängt als Kohlendioxid und zudem hundert Jahre zirkuliert, ist die Landwirtschaft nach Kraftwerken und Verkehr mit rund 7 Prozent die drittgrößte Quelle für Treibhausgase.

Die Lage in Deutschland: Bis zum anvisierten Ziel, den Stickstoff-Überschuss zu begrenzen, ist es noch ein weiter Weg.
Die Lage in Deutschland: Bis zum anvisierten Ziel, den Stickstoff-Überschuss zu begrenzen, ist es noch ein weiter Weg.
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Darstellung: UBA

Im globalen Maßstab sind die Probleme noch viel größer. „Der Schwerpunkt des weltweiten Stickstoff-Einsatzes hat sich von den USA und Westeuropa nach Ostasien verlagert“, heißt es in einer umfassenden Studie von amerikanischen und chinesischen Wissenschaftlern aus dem Jahr 2017. Der Stickstoff-Einsatz in der Landwirtschaft ist der Untersuchung zufolge insgesamt von 11 Millionen Tonnen im Jahr 1961 auf 108 Millionen Tonnen im Jahr 2013 gestiegen, und von knapp einem Gramm pro Quadratmeter Anbaufläche auf 7,4 Gramm. Zusammen mit Indien, den USA, Brasilien und Pakistan zählt China zu den Top-Verbrauchern von Kunstdünger. „China allein steht für 31 Prozent des globalen Stickstoff-Einsatzes, mit einem jährlichen Zuwachs von 700.000 Tonnen“, heißt es in der Studie.

Der afrikanische Kontinent fällt im Vergleich dazu weit zurück – 1,5 Gramm Stickstoff pro Quadratmeter Anbaufläche, also ein Fünftel des weltweiten Durchschnitts, können afrikanische Bauern im Durchschnitt an Kunstdünger einsetzen. Das Industrieprodukt ist für die Bauern zu teuer, schlecht verfügbar oder unzuverlässig in der Qualität. Unabhängige Agrarberater, die den Bedarf ermitteln und einen effizienten Einsatz planen könnten, gibt es kaum. Die Landwirte sind auf Zwischenhändler angewiesen, die sie nicht selten übers Ohr hauen wollen. Viele Bauern sind deshalb skeptisch gegenüber Mineraldünger eingestellt.

Dabei wäre Handeln dringend nötig, denn weite Teile Afrikas sind von Natur aus nicht mit nährstoffreichen Böden gesegnet.

Im Rahmen des Projekts „NitroLimit" haben Wissenschaftler untersucht, wie sich der Eintrag von Stickstoff auf Gewässer auswirkt und wie er sich begrenzen lässt. Aus den Proben der Limnologin Claudia Wiedner wurden Messwerte für das Projekt ermittelt (Foto von 2015).
Im Rahmen des Projekts „NitroLimit" haben Wissenschaftler untersucht, wie sich der Eintrag von Stickstoff auf Gewässer auswirkt und wie er sich begrenzen lässt. Aus den Proben der Limnologin Claudia Wiedner wurden Messwerte für das Projekt ermittelt (Foto von 2015).
Christian Schwägerl

„Ein erheblicher Anteil von Böden in Afrika ist wenig fruchtbar und eher im sauren Bereich, so dass zu wenige Nährstoffe zur Verfügung stehen und Dünger nur schwer aufgenommen werden kann“, sagt Ronald Vargas, Fachmann der Welternährungsorganisation FAO. Hinzu kommt, dass 40 Prozent der Böden von Erosion und Wüstenbildung geplagt sind, an denen menschliche Eingriffe schuld sind.

Um dem Stickstoff-Mangel entgegenzuwirken, beschlossen Staats- und Regierungschefs im Juni 2006 bei einem Sondergipfel der Afrikanischen Union das Ziel, den Düngereinsatz bis 2015 auf 50 Kilogramm pro Hektar zu versechsfachen. Die „Abuja Declaration on Fertilizer“ steht für das Ziel, in Afrika die Grüne Revolution zu wiederholen, wie sie in anderen Teilen der Welt die Erträge deutlich gesteigert hat.

Doch das Ziel wurde bisher nicht erreicht – und auch Experten, die sich grundsätzlich für deutlich mehr Kunstdünger-Einsatz aussprechen, sehen die wahren Probleme inzwischen woanders. „Kunstdünger ist auf jeden Fall der schnellste Weg, etwas zu ändern, aber wahrscheinlich nicht der beste“, sagt FAO-Experte Ronald Vargas. Er plädiert für eine Strategie des „integrierten Boden-Managements“. Vargas sieht den Mangel an Bodenfruchtbarkeit als Teil einer größeren Kette von Problemen im Agrarbereich, zu denen schlechte Infrastruktur, fehlender Zugang zu innovativen Technologien und schlecht funktionierende öffentliche Institutionen gehören – an jedem dieser Punkt müsse man ansetzen.

Statt Kunstdünger angepasste Pflanzen

Auch der Agrarforscher Ken Giller von der niederländischen Universität Wageningen, einer der Weltexpertem für Stickstoff in der Landwirtschaft von Entwicklungsländern, nennt auf die Frage nach den drängendsten Maßnahmen nicht ein Mehr an Kunstdünger: „Es muss zunächst garantiert sein, dass Landwirte für ihre Produkte einen angemessenen Preis erzielen können, damit es für sie ökonomisch attraktiv ist, ihren Anbau zu intensivieren und den Input von Nährstoffen zu vergrößern”, sagt Giller.

Der Wissenschaftler fordert, auf eine Balance zwischen organischem Dünger und künstlichem Mineraldünger zu achten – und vor allem auf den Anbau von Pflanzen zu setzen, die von Natur aus in der Lage sind, mit Hilfe von Bakterien in ihren Wurzelknöllchen Stickstoff aus der Luft zu binden. „Es ist dringend nötig, Monokulturen von Getreide oder Wurzelknollen durch den Anbau von Pflanzen wie Bohnen, Kuhbohnen, Erdnüsse, Sojabohnen, Kichererbsen und Strauchbohnen zu ergänzen“, sagt er.

Im Scharmützelsee bei Berlin ist der Stickstoffgehalt noch relativ niedrig. Untersuchungen im Rahmen des Projekts „NitroLimit" zeigten, wie sensibel Süßgewässer für den Eintrag von Düngemitteln sind.
Im Scharmützelsee bei Berlin ist der Stickstoffgehalt noch relativ niedrig. Untersuchungen im Rahmen des Projekts „NitroLimit" zeigten, wie sensibel Süßgewässer für den Eintrag von Düngemitteln sind.
Claudia Wiedner/NitroLimit

Genau in diese Richtung geht das Programm „AfriSoils“, das die FAO im Juni 2018 vorgestellt hat und für das sie nun 50 Millionen US-Dollar mobilisieren will. Nicht mehr Kunstdünger-Einsatz gilt als Priorität, sondern Maßnahmen, um den natürlichen Nährstoffgehalt des Bodens zu steigern sowie Erosion und Entwaldung zu stoppen. Zum Programm gehören auch „Boden-Doktoren“, um die Landwirte zum natürlichen Nährstoffaufbau im Boden weiterzubilden und mit ihnen Lösungen zu entwickeln.

So unterschiedlich sind die Welten in der globalen Landwirtschaft – während es in Afrika mit großer Mühe darum geht, Nährstoffe im Boden zu binden und Stickstoff zuzuführen, werden im Westen und zunehmend auch in Asien händeringend Lösungen für die Entsorgung gesucht und dafür, Stickstoff wieder aus Ökosystemen herauszuholen.

Vielerorts in Europa versuchen Naturschützer, den Stickstoffgehalt des Bodens zu reduzieren, indem etwa in Feuchtgebieten Weidetiere eingesetzt werden oder eine Mahd stattfindet, mit der Biomasse entfernt werden kann. Die niederländische Regierung hat sich zu einem dramatischen Schritt entschieden. Seit 2016 gibt sie im Rahmen ihrer Strategie namens "Programmatische Aanpak Stikstif" viele Millionen Euro jährlich aus, um überschüssigen Stickstoff aus 116 Natura-Schutzgebieten des Landes herauszubekommen und geschädigte Ökosysteme zu regenerieren. Ziel ist es, den Eintrag bis 2030 real um zehn Prozent zu senken.

Wie werden Stickstoff-Ziele erreicht?

Im Extremfall müssen die Bagger anrücken und die oberen Bodenschichten abtragen, damit die Ökosysteme anfangen zu regenerieren, sagt Imke Boerma von der Agentur Staatsbosbeheer, der das Projekt im Auftrag der Regierung umsetzt. Ältere Samen, die tiefer im Boden lagern, sind in der Regel in der Lage, nach solchen Maßnahmen wieder die ursprüngliche Vegetation auszubilden. Boerma betont, dass die Strategie nur funktioniert, wenn sie langfristig durchgehalten wird: „Wir können keine Wunder vollbringen, sondern werden in zehn Jahren wieder von vorne anfangen müssen“, sagt er.

Dort, wo Landwirte den Eintrag reduzieren, sind die Effekte schnell spürbar. Naturstyrelsen, die Dänischen Naturschutzagentur, kann schon Erfolge vorweisen. Zumindest bis zum Amtsantritt der konservativen Regierung wurde eine aggressive Politik der Nährstoff-Minderung verfolgt. In den Küstengebieten kamen in früheren Todeszonen wieder die natürlich vorkommenden Zostera-Seegräser vor, die Vielfalt von Muscheln und anderer Bodenfauna nahm wieder zu. Solche Maßnahmen brauchen Zeit, aber die Naturschutzstrategen konnten sehr gut beobachten, dass die Lebensvielfalt zurückkommt, wenn der Stickstoff abnimmt.

Stickstoffeinsatz in absoluten Mengen: China mit seiner riesigen Bevölkerung ist weltweit der Spitzenreiter.
Stickstoffeinsatz in absoluten Mengen: China mit seiner riesigen Bevölkerung ist weltweit der Spitzenreiter.
Worldmapper Benjamin Hennig und Tina Gotthardt

Auch die Süßwasserforscherin Claudia Wiedner konnte als Koordinatorin von „Nitrolimit“, einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt, demonstrieren, dass sich in Seen das Leben erholt, wenn der Stickstoff weniger wird. „Weil die Nährstoffkonzentration sank, breiteten sich Armleuchteralgen wieder aus und mit ihnen viele andere selten gewordene Seebewohner“, erzählt sie über den Scharmützelsee östlich von Berlin.

Doch im gesamten Bundesgebiet sieht die Lage anders aus. Von 370 untersuchten norddeutschen Seen fanden die „Nitrolimit“-Wissenschaftler nur ein Viertel in jenem guten ökologischen Zustand vor, der laut EU-Richtlinie eigentlich schon 2015 erreicht sein sollte. Für die Untere Havel bei Berlin haben die Forscher ermittelt, dass der jährliche Stickstoffeintrag von 6500 Tonnen auf 3500 Tonnen sinken müsste, um einen guten Status zu erreichen. Im Einzugsgebiet der Weser müsste laut Berechnungen des Thünen-Instituts der Stickstoff-Eintrag von heute 74.000 Tonnen auf 29.000 Tonnen pro Jahr sinken.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen geht davon aus, dass in Deutschland „mindestens eine Halbierung der Stickstoffeinträge notwendig ist, um bestehende nationale und europäische Qualitätsziele zu erreichen.“ Das hieße, dass der Stickstoff-Überschuss pro Hektar von 100 Kilogramm im Jahr 2016 auf 50 Kilogramm sinken müsste. Bisher gilt 70 Kilogramm als politisches Ziel.

Eine solche Halbierung kann die neue Dünge-Verordnung, die seit Mitte 2017 in Kraft ist, nicht leisten. Es dürfte dann zum Beispiel nicht mehr bis zum Gewässerrand geackert werden, weite Flächen von Ackerflächen würden zu Grünland renaturiert, der Ökolandbau würde massiv gefördert. Das ganze System, mit Hilfe von importiertem Tierfutter riesige Mengen billigen Fleischs zu produzieren und die Stickstoff-Abfälle in der Landschaft zu deponieren, käme ins Wanken. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hält auch eine Stickstoff-Abgabe für denkbar, damit der Stoff künftig nicht mehr so sorglos in die Umwelt entsorgt wird – einen solchen Schritt lehnen die Spitzenvertreter der deutschen Landwirtschaft aber vehement ab.

Uwe Bartels, der frühere niedersächsische Umweltminister, hat es sich deshalb auf die Fahnen geschrieben, als Chef des „Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland“ für eine freiwillige Trendwende zu sorgen. „Wenn wir keine Erfolge vorzeigen können, katapultieren wir uns mittelfristig aus dem inländischen Markt, weil die Verbraucher uns das Vertrauen entziehen“, warnt Bartels.

Mit Runden Tischen, einem „Praktikernetzwerk“, Beratung und transparenten Stickstoff-Bilanzen für Bauernhöfe will Bartels für eine Trendwende sorgen. „Statt die Probleme zu leugnen, benennen wir sie offen“, sagt er – ein Novum nicht nur für seine Region. Zu den Lösungen gehört Bartels zufolge auch, künftig Kombiliner, also übergroße Lastwagen, einzusetzen, um Gülle und Gärreste aus dem Raum Vechta in nährstoffärmere Regionen im Land zu verteilen.

Eine Trendwende in unserem Umgang mit Stickstoff ist bisher nicht in Sicht, weder regional noch national oder international. In Afrika laufen die Bemühungen um mehr Bodenfruchtbarkeit zu schleppend, während im Rest der Welt die Probleme durch Stickstoff-Überschüsse zunehmen. Zwar hat die internationale Staatengemeinschaft auf dem UN-Weltnaturschutzgipfel von Nagoya 2010 beschlossen, den Nährstoffeintrag bis 2020 so stark zu reduzieren, dass kein Schaden mehr für Ökosysteme entsteht. Der globale Verbrauch an Stickstoffdünger wächst aber weiter, um knapp zwei Prozent jährlich.

Stickstoff als Lebenselement hätte durchaus einen Platz weit oben in der Prioritätenliste der Weltpolitik verdient – kommt dort aber bisher kaum vor. Die nächste Chance für einen politischen Schwur gibt es Ende 2020. wenn der nächste große UN-Weltnaturschutzgipfel in China zusammenkommt. Entscheidend sind aber nicht die Schwüre, sondern ihre Umsetzung, Nachdem Kohlenstoff bereits zum Politikum geworden ist, hat auch der Stickstoff diese Rolle verdient – mit dem Ziel, ihn zu reduzieren, wo er im Überschuss vorhanden ist, und ihn dort zu Verfügung zu stellen, wo es zu wenig gibt.

Die Landkarten in diesem Artikel sind mit einer Förderung der Andrea von Braun Stiftung entstanden.

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