Her mit einer Theorie, ruft das Anthropozän

Das Buch „Molekulares Rot“ des Medienforschers McKenzie Wark kündigt Wegweisendes an, liefert es aber nicht. Von Christian Schwägerl

Ingo Günther/WORLD-SPACE.com Globus des Künstlers Ingo Günther

AnthropozänReporter – Expeditionen in unsere neue Erdepoche

Seit der Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000 bei einer wissenschaftlichen Konferenz das Wort "Anthropozän" benutzte, hat dieser Begriff eine unerwartete Karriere gemacht. Die Menschheit verändert die Erde so tiefgreifend und so langfristig, dass unser Wirken eine neue geologische Erdepoche darstellt, lautet die Hypothese. Viele Wissenschaftler haben sich ihr inzwischen angeschlossen. Nicht nur den menschgemachten Klimawandel ziehen sie als Beleg heran, sondern auch eine Vielzahl davon unabhängiger Geschehnisse, die die Natur beeinträchtigen.

Der Artenschwund verändere den Lauf der Evolution, technische Erzeugnisse verwandelten sich in neuartige Fossilien; Plastikmüll, Nuklearabfälle und andere Hinterlassenschaften trügen zu einer unverkennbaren geologischen Signatur der Menschheit bei. Und alle diese Faktoren seien noch in ferner Zukunft messbar. Ein hypothetischer Geologe des Jahres 1002017 würde demnach sehr leicht zu dem Schluss kommen, dass zu unserer Zeit etwas Epochales geschah.

2016 hat nach mehrjähriger Prüfung eine Arbeitsgruppe, die von der für die Erdzeitrechnung zuständigen Internationalen Stratigraphie-Kommission eingesetzt wurde, eindeutig dafür votiert, das Anthropozän als Folgeepoche des aktuellen Holozäns anzuerkennen. Parallel zum mehrjährigen Prüfprozess der Geologen hat der Begriff weit über die Naturwissenschaft hinaus große Bedeutung erlangt – und das aus gutem, ja zwingendem Grund. Oftmals zusammen mit Naturwissenschaftlern erkunden Künstler, Geisteswissenschaftler, Politiker und Umweltschützer an vielen Orten, was genau das bedeutet, wenn die Menschheit zum Akteur auf der geologischen Zeitskala wird. Dieser interdisziplinäre Diskurs ist dringend nötig, denn in der Anthropozänhypothese ist auch ein kultureller und philosophischer Umbruch von großer Dimension angelegt.

„Philosophie der lebendigen Erfahrung“

Die Sphären von Natur und Kultur, von Menschheitsgeschichte und Erdgeschichte, von Leben und Technologie wurden bisher sorgsam getrennt. Ganze Generationen von Philosophen haben sich damit abgemüht, die jeweiligen Grenzen zu ziehen, zu bewahren und zu verteidigen. Die Perspektive des Anthropozäns jedoch durchbricht diese Linien mit unheimlicher Wucht. Sie macht sichtbar, dass sich künstliche Kategorisierungen in der anthropozänen Welt auflösen, einer Welt, in der Natur ein Kulturprodukt wird und Kultur umgekehrt durch ihre Allgegenwart Eigenschaften von Natürlichkeit entwickelt.

Dabei reicht es nicht, eine Rekordzahl zum Plastikmüll, zur Erderwärmung oder zur Menge von Beton pro Quadratmeter Erdoberfläche auf die andere zu stapeln. Das Anthropozän schreit förmlich nach einer Theorie, die aus der Fülle von Beobachtungen, die der Begriff subsummiert, eine neue Perspektive auf unser Dasein anbietet, so wie das die Evolutionstheorie geleistet hat.

Mit "Molekulares Rot" legt der Medien- und Kulturwissenschaftler McKenzie Wark ein Buch vor, das in der deutschen Ausgabe genau dies verheißt: „Theorie für das Anthropozän“. Doch leider löst das Buch dieses Versprechen in keiner Weise ein. Überlegungen, die zum Wesen des Anthropozäns vordringen und seine Wirkung auf Erde und Zivilisation gedanklich und begrifflich zu fassen versuchten, sind nur in Spuren zu finden. Die einleitende Darstellung der Anthropozänidee und einige abschließende Gedanken nach mehr als dreihundert Seiten wirken wie angeflanscht. Der Verdacht drängt sich auf, der Autor habe seinem Werk nur einen leuchtend roten Mantel gegeben, auf dass dieser den Inhalt interessanter mache.

Globus des Künstlers Ingo Günther.
Der New Yorker Künstler Ingo Günther thematisiert anthropozäne Phänomene mit Hilfe von Globen – etwa ökologische Krisengebiete im Ozean.
Ingo Günher/WORLD-SPACE.com
Globus des Künstlers Ingo Günther. Dieser ist komplett weiß und darauf sind Wörter in verschiedenen Sprachen geschrieben.
Das Wort "Erde" in 80 Sprachen – mit solchen Kunstwerken weckt Günther zugleich das Gefühl für Verbindendes und Trennendes.
Ingo Günther/Worldprocessor
Globus des Künstlers Ingo Günther. Darauf sind schwarze Linien eingezeichnet.
Internationale Ströme von Entwicklungshilfezahlungen.
Ingo Günther/Worldprocessor

Der Inhalt zerfällt in zwei Teile, die wenig miteinander zu tun haben. Im ersten Teil geht es um Leben und Wirken von zwei sowjetischen Intellektuellen, Alexander Bogdanow und Andrej Platonow. Der Leser erfährt interessante Details über Bogdanow, der sich mit Lenin überworfen hat. Wenngleich Bogdanows „Philosophie der lebendigen Erfahrung“ durchaus Bezüge zu Themen des Anthropozäns aufweist, gelingt es Wark nicht, diese zu vermitteln. Ähnlich verhält es sich bei Platonow, dessen Experimente mit der Bluttransfusion zum russischen Transhumanismus zu rechnen sind.

Der Komplex aus Militär- und Unterhaltungsindustrie, der kein Außen kennt

Es wäre durchaus wichtig und spannend, die russische Vorgeschichte des Anthropozän-Gedankens genauer zu untersuchen, wie das etwa die Wissenschaftshistorikerin Giulia Rispoli tut. Zu den häufig, aber reichlich unreflektiert zitierten Vordenkern der Idee zählt mit dem Geologen Waldimir Wernadsky nicht nur ein Pionier global-wissenschaftlichen Denkens, sondern auch ein Berater Stalins. Zudem liefert der Transhumanismus, wie Nikolaj Fedorov und Konstantin Ciolkovskij ihn vertraten (sehr gut dokumentiert in dem Band „Die Neue Menschheit“ von Boris Groys und Michael Hagemeister), wichtige Bezugspunkte, wohin die Anthropozändebatte besser nicht steuern möge. Einen dritten russischen, genauer sowjetischen Bezug zum Anthropozän bieten die Experimente mit geschlossenen, von Wissenschaftlern bewohnten Containern als Teil der Weltraumforschung und frühen Ökologie. Diese Ökosystemsimulationen könnten lehrreich sein, zumal im Anthropozändiskurs gerne von einem „Raumschiff Erde“ gesprochen wird. Nichts Hilfreiches oder Weiterführendes zu all dem findet sich aber in Warks Buch.

Im zweiten Teil von „Molekulares Rot“ geht es unvermittelt um die technowissenschaftlichen Arbeiten von Donna Haraway und Schriften des Science-Fiction-Autors Kim Stanley Robinson. Der Leser beginnt kurz zu hoffen, denn Warks einleitende Beschreibung von Kalifornien als „wilde Kreuzung zwischen Cyberkultur und Gegenkultur, die annimmt, dass die disruptive Gewalt des 'Tech' die Energie liefert, mit der jede für die Kommerzialisierung taugliche Ressource freigesetzt werden kann“, lässt aufhorchen. Das klingt zunächst nach einem Anlauf zu einer echten Deutung der Welt im Anthropozän, in der ein „Komplex aus Militär- und Unterhaltungsindustrie“, der „kein Außen kennt“, rasch an Stärke gewinnt.

Doch wie schon im ersten Teil verliert Wark sich in unstrukturierten, teils selbstverliebten Gedanken, die nichts, aber auch gar nichts von einer „Theorie des Anthropozän“ transportieren und noch nicht einmal etwas Erhellendes zu den Originalwerken von Haraway und Robinson beisteuern.

Eine vertane Chance

Was den akademischen Diskurs über das Anthropozän so neu und wichtig macht ist, dass er Natur- , Geistes- und Sozialwissenschaftler vielerorts dazu inspiriert, trotz aller Hürden des interdisziplinären Diskurses nicht länger aneinander vorbei zu reden, sondern sich um gemeinsame Perspektiven zu bemühen und eine neue Wissenschaftspraxis einzuüben. Nicht, weil das im Dienst einer "Dritten Kultur" hipp wäre, sondern weil nur so die anthropozäne Welt zu verstehen ist. Es ist eine vertane Chance, wenn die Anthropozänidee verhackstückt und als Antriebsmittel für eingeübte Wissenschaftspraktiken benutzt wird – ob nun für selbstgefällige geisteswissenschaftliche Exkurse oder für techno-deterministische naturwissenschaftliche Fantasien.

Ganz schlimm wird es, wenn die Idee einer neuen Erdepoche, in der sich tiefe, gravierende und sehr alltagsnahe Probleme, Neuerungen und Entwicklungsperspektiven für die menschliche Zivilisation bündeln, für jene geologische „Popkultur“ eingesetzt wird, vor der Whitney Autin und John Holbrook bereits 2012 gewarnt haben. Wie bei Timothy Morton ist dies mit viel intellektuellem Budenzauber auch bei McKenzie Wark der Fall. Der Untertitel seines Buchs hätte allenfalls lauten dürfen: „Schlaglichter auf Aspekte einer möglichen Theorie des Anthropozäns.“

McKenzie Wark, Molekulares Rot – Theorie für das Anthropozän, 2017, Matthes & Seitz, 30 Euro

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