Zukunft der Erde: Wir sitzen am längsten Hebel, den Menschen je in der Hand hatten

Zwei neue Bücher zum Anthropozän erkunden unsere erdgeschichtliche Verantwortung für Klima und Natur

Christian Schwägerl Technosphere

AnthropoScene: Journalistische Expeditionen in unsere neue Erdepoche

Unsere Zeit sucht nach einer Idee. Seit dem Ende des Kommunismus vor 30 Jahren erscheint nur der Kapitalismus als alternativlose Grundidee unseres Zusammenlebens übrig zu bleiben. Doch der Preis für den Siegestaumel und die ins Unermeßliche gewachsene Selbstgewissheit dieser Wirtschaftsdoktrin ist hoch: Die Fehlerkorrektur versagt. Zur Unfähigkeit, aus der letzten großen Finanzkrise zu lernen und einer Wiederholung vorzubeugen, kommt das noch viel größere Versagen in der Klima- und Naturkrise hinzu, das die Erde für geologische Zeiträume prägen wird.

Über Jahrzehnte hinweg hat sich der Kapitalismus sowohl in seiner westlichen wie in seiner chinesischen Ausprägung als unfähig erwiesen, diese Schicksalsfragen unseres Überlebens zu lösen. Das liegt vor allem daran, dass unser Wirtschaftssystem noch immer wie blind ist für die Erde, auf der es existiert, und für die Lebensgrundlagen, von denen es sich ernährt. In den Bilanzen tauchen Natur, Klima und Ökosysteme erst dann als Werte auf, wenn sie in Produkte verwandelt, also heillos gestört oder restlos zerstört sind.

Alternative Grundideen für unser Zusammenleben sind bisher nicht in ausreichendem Maß entstanden, von ihrer Durchsetzung ganz zu schweigen. Das Konzept der Nachhaltigkeit versucht sich an einer Zähmung der Exzesse. Echten Wandel hat es noch nicht gebracht. Und alles, was mit Post- beginnt, ob Post-Wachstum, Post-Materialismus oder Post-Moderne, hat einen entscheidenden Konstruktionsfehler: Vom „Prä“, also dem, was kommen soll, fehlt meist jede Spur.

Unser täglicher Konsum produziert Unmengen neues Material

In diese theorie- und alternativenarme Zeit stößt seit einer Weile etwas Neues, und zwar aus einer unwahrscheinlichen Richtung, der Geologie. Die Rede ist vom Anthropozän, dem sich in diesem Herbst zwei neue, lesenswerte Bücher widmen.

Schlüsseltexte des Nobelpreisträgers Paul Crutzen „für das neue Erdzeitalter“ verspricht der erste der beiden Bände, herausgegeben von dem seit Jahrzehnten in Umweltpolitik und Umweltbewegung aktiven Michael Müller. Der Titel ist zwar nicht ganz korrekt, denn es geht beim Anthropozän um eine Erdepoche und nicht gleich um ein Erdzeitalter, das Anthropozoikum heißen müsste. Aber dass es in jeder Hinsicht um riesige Dimensionen geht, stimmt.

Bereits im Jahr 2000 schlug Paul Crutzen, Atmosphärenforscher und früher Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie, vor, das seit dem Ende der letzten Eiszeit währende Holozän durch etwas Neues zu ersetzen, die Erdepoche des Menschen, das Anthropozän. Klimawandel, Artenverluste, neue Chemikalien und vieles mehr, was wir Menschen erzeugen, ist Crutzen zufolge von derartig globaler und langfristiger Wucht, dass wir Menschen zum Akteur der Erdgeschichte werden. Seine Worte gelten in der Wissenschaft viel. Schließlich hat Crutzen den Nobelpreis dafür bekommen, dass er mit zwei weiteren Forschern die Gefahr des Ozonlochs rechtzeitig erkannte. Zeitweise war er einer der meistzitierten Wissenschaftler weltweit.

Der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen.
Der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen.
Christian Schwägerl

Der Band mit dem schlichten Titel „das anthropozän“ besticht, bevor der dokumentarische Teil beginnt, durch kluge einführende Texte, die schnell klarmachen, wie sehr die These einer Erdepoche des Menschen jeden betrifft: Unser tagtäglicher Konsum produziert erst die Millionen und Milliarden Tonnen Beton, Erze, Kohlendioxid und Plastik, die zusammen eine neuartige geologische Realität schaffen, messbar an Rückständen, Klimaänderungen und veränderter Evolution noch in ferner Zukunft. Denn wenn Menschheitsgeschichte plötzlich zur Erdgeschichte wird, ist die Verantwortung der heute Lebenden gigantisch. Was wir heute tun, hat im Fall der Klimakrise direkte Wirkungen für Zehntausende Jahre, im Fall des Artensterbens für Millionen Jahre.

In der Deutung dieser epochalen Ereignisse sieht Müller Paul Crutzen in der Nachfolge von Alexander von Humboldt, dem es darum ging, „in der Mannigfaltigkeit die Einheit zu erkennen.“ Während Humboldt hauptsächlich natürliche Prozesse erforschte, leiste Crutzens Anthropozän-Idee dies für die vom Menschen überformte Welt. Der neue Betrachtungshorizont, schreibt Müller, „muss von den industriellen Eingriffen in das Erdsystem ausgehen, ihre längerfristigen Wirkungen verstehen und die Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten beachten.“

Wann wird aus Wissenschaft praktische Politik?

Das bedeutet, dass das Anthropozän die Grundlage einer wahren Welt-Wirtschaft zu liefern verspricht, also eines so ökonomischen wie ökologischen Denkrahmens, der statt im luftleeren Raum kapitalistischer Dogmatik in der Empirie von Klimaphysik, Geologie und Biologie verwurzelt ist. Müller umschreibt Crutzens Botschaft so: „Es muss dringend zu einer sozial-ökologischen Transformation kommen, die auf Dauer die planetarischen Grenzen einhält und die Tragfähigkeit der Erde für das menschliche Leben bewahrt.“

Auch andere Essays, die der verdienstvollen Sammlung von Schlüsseltexten aus Crutzens Wirken vorangestellt sind, bieten Nachdenkenswertes. So beschreibt etwa der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer das Anthropozän als Antwort auf die Krise von Demokratie und internationaler Kooperation. Denn das neue Konzept lasse die Erde als „gemeinsames Haus“ erscheinen, für das alle Bewohner auch gemeinsam verantwortlich sind. Der Berliner Philosoph Volker Gerhardt beschreibt die Anthropozän-Idee wegen ihres naturwissenschaftlich-empirischen und eben nicht primär religiösen, philosophischen oder rein ökonomischen Ursprungs als „normative Wende“.

Unter den wissenschaftlichen Schriften Crutzens, die der Band meist erstmals in deutscher Übersetzung versammelt, ragt neben einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gaia-Hypothese jene hervor, in der er die „Geologie der Menschheit“ beschwört: Fast zwanzig Jahre vor dem Entstehen von „Scientists for Future“ schreibt Crutzen darin Ingenieuren und Wissenschaftlern die Aufgabe zu, „der Gesellschaft den Weg in Richtung eines ökologisch nachhaltigen Managements des Planeten“ zu weisen. Wissenschaftliche Erkenntnis, postulierte der Nobelpreisträger, muss sich in praktische Politik verwandeln.

Im zweiten Anthropozän-Buch dieser Tage versuchen sich die Literaturwissenschaflerin Eva Horn und ihr Fachkollege Hannes Bergthaller an einer „Einführung“ in das komplexe Thema. Zwar liegen sie mit ihrer Behauptung, es handle sich um das erste derartige Werk zum Thema in deutscher Sprache, daneben, gleich mehrere Bücher haben sie dabei offenbar übersehen. Abgesehen davon weitet der Band aber den Blick für die wirklich epochale Relevanz der Anthropozän-Idee auf kompetente und sehr inspirierende Weise.

Bruchlinien, Spannungen und Widersprüche

„Zum Epochenbewusstsein des Anthropozäns gehört, dass viele der Kategorien obsolet werden, in denen das Verhältnis zwischen Mensch und ökologischer Umwelt gefasst wurde“, heißt es zu Anfang, womit der auch ideengeschichtliche Epochenbruch beschrieben ist, den die geologische Diagnose bewirkt. Das Anthropozän werfe die Frage auf, was noch Natur sei, wenn wir sie als wesentlich vom Menschen beeinflusst dächten, und was noch Kultur, wenn diese in Form von Konsum und Technik „eine zunehmend unkontrollierte Eigendynamik“ entfalte.

Die Autoren bieten zu Beginn gut präsentiertes Grundlagenwissen, um dann die Weiterungen zu erkunden. In ihrer Abhandlung zur Politik des Anthropozäns zitieren sie ein treffliches Bild Goyas, auf dem sich zwei Feinde mit Stöcken bekämpfen, während sie im Treibsand stehen. Der Boden als Akteur, den die versinkenden Kämpfer ignorieren, steht übertragen für all die Lebensformen und Lebenstypen, ob Moore, Urwälder, Algen oder Pilze, die den konkurrierenden kapitalistischen Mächten von heute kaum etwas bedeuten.

Im Gegensatz zum kapitalistischen Konzept einer Globalisierung, die sich in der Ausnutzung von relativen Kostenvorteilen erschöpft, bietet das Anthropozän das „Planetarische“ als umfassenden Denkrahmen. Und im Gegensatz zur kapitalistischen Zeitordnung, die im Wesentlichen den Gesetzen der Verzinsung gehorcht, eröffnet die Anthropozän-Idee ein neues Verständnis nicht nur der Zeit – einer Vergangenheit, in der wir Menschen anfangen, unsere Geschichte in die Erdgeschichte einzuschreiben und einer „tiefen Zukunft“, in der unser heutiges Handeln noch messbar sein wird.

Horn und Bergthaller kommen deshalb zu dem Schluss, dass keine andere Idee mehr Relevanz für unsere Zeit hat als die einer Erdepoche des Menschen – gerade, weil sie uns „entlang von Bruchlinien, Spannungen und Widersprüchen“ führt.

Der Sprung aus der Wissenschaft in die Politik steht noch aus

Ob das Anthropozän sich als neue Leitidee etabliert, die dem herrschenden kapitalistischen Paradigma des Grenzertrags den Rang abläuft und durch ein Paradigma ökologischer Verbindungen ersetzt, ist noch offen. Zwar hat das Anthropozän in den vergangenen Jahren eine steile Karriere in der wissenschaftlichen und kulturellen Sphäre gehabt, bis hin zur Gefahr modischer Inflationierung. Der Sprung in Politik und Wirtschaft steht aber noch aus. Zudem irrt Herausgeber Michael Müller, wenn er in dem Sammelband schreibt, das Anthropozän sei von den zuständigen naturwissenschaftlichen Instanzen bereits formal anerkannt. Erst eine Vorstufe dazu ist erreicht.

Die vollständige Anerkennung unserer bisherigen Erdepoche, des Holozäns, dauerte ganze hundert Jahre. Das ist verständlich, denn Geologen irren ungern, wenn sie Epochen festzurren. Doch die Zeit vor der formalen Anerkennung könnte viel wichtiger sein als der Akt der Ausrufung, hat Paul Crutzen einmal gesagt: „Am wichtigsten ist, dass wir verstehen, welche ungeheure Verantwortung wir haben.“

Dass die Geologie in großen Zeiträumen denkt, ist Mahnung, kein Trost. Wir sitzen am längsten Hebel, den Menschen je in der Hand hatten. Die Anthropozän-Idee, das machen die beiden Bücher klar, lässt uns überhaupt erst verstehen, was wir da tun.

Die Bücher:

  • Paul J. Crutzen, Michael Müller (Hrsg.), das anthropozän - schlüsseltexte des nobelpreisträgers für das neue erdzeitalter, oekom Bibliothek der Nachhaltigkeit, 2019, 20 EuroEva Horn, Hannes Bergthaller, Anthropozän - zur Einführung, Junius Verlag, 2019, 15,90 Euro

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