Leben im Anthropozän: Wir sind die Urmenschen der Zukunft

Wie die Wissenschaft entdeckte, dass unser Leben auf Milliarden Jahren Erdgeschichte gründet – und wir die Erde jetzt für Hunderttausende Jahre verändern

AnthropoScene – journalistische Expeditionen in unsere neue Erdepoche

Im Menschenzeit-Projekt von RiffReporter geht es um die größte Geschichte unserer Zeit: Wie wir Menschen die Erde grundlegend und dauerhaft verändern. Denn was wir in Wissenschaft, Kultur, Politik, Wirtschaft und Technologie tun, begründet eine neue Erdepoche: das Anthropozän.

In dieser Folge: Was es heißt, in geologischen Dimensionen zu denken – und zu handeln

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Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten die geistigen Eliten von Europa und Amerika ein komplett verklemmtes Verhältnis zu den gigantischen Dimensionen der Zeit. Noch vor 200, 300 Jahren galt es als riesige Provokation, ja als Sünde und sicherer Weg in die Verdammnis, die Erde für älter als 6000 Jahre zu halten.

Der französische Naturforscher Georges-Louis Leclerc (1707-1788), später Comte de Buffon genannt, gehörte im ausgehenden 18. Jahrhundert zu den ersten, die es wagten, jene Zeitangaben zu hinterfragen, die Kirchenvertreter aus dem Alten Testament abgeleitet hatten.

Buffon unternahm als Teil seines wissenschaftlich-publizistischen Großprojekts „Les époques de la nature" in seinem Labor in Montbard ein gewagtes Experiment. Bekannt war zu dieser Zeit schon, dass im Inneren der Erde so etwas wie ein heißer Eisenkern liegen muss. Der Forscher untersuchte deshalb, wie schnell Eisen abkühlt und stellte auf der Grundlage der Ergebnisse 1778 die Hypothese auf, dass die Erde rund 75 000 Jahre alt sein muss – eine damals unvorstellbar große Zahl [1]. Schon für diese vorsichtige Schätzung bekam er enorme Probleme mit seiner Universität, der Sorbonne, und mit der katholischen Kirche, weshalb er die Arbeit wieder zurückzog.

Bis heute versuchen Kreationisten vor allem in den USA mit absurden Behauptungen nachzuweisen, dass die Erde doch nur wenige Tausend Jahre alt ist [2]. In anderen Kulturen wäre so eine Zeitspanne dagegen schon vor langer Zeit nicht der Rede wert gewesen. Im Hinduismus zum Beispiel währt ein einziger Tag im Leben des Schöpfergotts Brahma 8,64 Millionen Erdjahre und ein Brahma-Jahr 3,1 Billionen Erdjahre. Von Buddha ist der Gedanke überliefert, dass man mit einem Seidentuch einen riesigen Berg wegschrubben könnte, bevor ein Weltzeitalter, Maha-Kalpa genannt, vergeht.

Im Westen dauerte es dagegen, obwohl man sich immer für wissenschaftlich überlegen hielt, viel länger als im Osten, die wahren zeitlichen Dimensionen unseres Daseins zu erfassen. Als Wissenschaftler dann im 19. Jahrhundert damit begannen, das Alter von Gesteinen und chemischen Verbindungen mit ausgefeilten Messtechniken zu untersuchen, setzte eine wundersame Zeitvermehrung ein – von den 6000 Jahren der Theologen bis zur Erkenntnis im 20. Jahrhundert, dass die Erde rund 4,6 Milliarden Jahre alt ist.

Was sollte man mit all dieser zusätzlichen Vergangenheit tun? An der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert bildete sich aus dem Kreis der Naturforscher eine eigene Gruppe heraus, die sich dem Phänomen der Zeit stellte.

Die Erdgeschichte in Kapiteln

Es war die Disziplin der Geologie, in der erstmals Begriffe wie „Evolution“ fielen und bei deren Vertretern die Ahnung einer extrem langen Erdgeschichte Fuß fasste. Pionier dieser Entwicklung war der Schotte James Hutton (1726-1797), der 1785 nach langwierigen Forschungsarbeiten die „Theorie der Erde“ veröffentlichte und darin Grundprinzipien formulierte, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Sie veränderten den Blick auf die Welt grundlegend, wie ein halbes Jahrhundert später die Evolutionstheorie von Charles Darwin zeigen sollte.

Die Wissenschaftler, die seither damit beschäftigt sind, die Erdgeschichte in Kapitel und Absätze einzuteilen, heißen Stratigraphen, nach den „Strata“, den Gesteinsschichten, die sich unter unseren Füßen befinden. Dort, wo sie abbrechen und an der Oberfläche sichtbar werden und dort, wo sie angebohrt werden, offenbaren sie sich uns vielerorts wie die unterschiedlichen Schichten eines Kuchens, die in ihren Farben, Dicken und Zusammensetzungen variieren. Je tiefer die Schichten liegen, desto älter sind sie – das ist eine der Regeln der Stratigraphie, die nicht überall stimmt, aber deren Formulierung einen Durchbruch auf dem Weg zum geologischen Ordnungssystem der Zeit darstellte.

Gezeigt werden Gemälde der Geologen und Wissenschaftler Georges Louis Leclerc, später Comte de Buffon und James Hutton.
Zwei große Forscher: Links Georges Louis Leclerc, später Comte de Buffon genannt, stellte als einer der ersten kirchliche Dogmen zum Alter der Erde in Frage. James Hutton (rechts) beschrieb nach umfangreichen Feldarbeiten Grundprinzipien der Geologie.
Buffon: François-Hubert Drouais - Musée Buffon à Montbard/ Hutton: Sir Henry Raeburn in 1776

Der neue Blick auf die Zeit führte auch zu einem neuen Blick auf die Gesteinsschichten, die sich in der Natur allerorten auftürmen. Wissenschaftler begannen, die Schichten zu ordnen, zu katalogisieren und mit Altersangaben zu versehen. Die selbstgewählte Aufgabe der Stratigraphen ist es seither, die tiefe Vergangenheit in logische Intervalle und diese wiederum in ansprechende Kapitel zu unterteilen und ihnen Namen zu geben.

Einer der Pioniere dieser wissenschaftlichen Disziplin war Charles Lyell, der 1833 nach ausgiebigen Studien an Schneckenfossilien in Frankreich und Italien als erster Geologe drei bis heute gültige Erdepochen vorschlug, das Eozän, das Miozän und das Pliozän. 1839 benannte Lyell auch das Pleistozän, das dann 1846 mit dem Einsetzen der Eiszeiten in Verbindung gebracht wurde.

1854 fügte Heinrich Beyrich zwischen Eozän und Miozän das Oligozän ein. Es heißt wörtlich „wenig Neues", weil in Gesteinsschichten aus dieser Zeit die Spuren weniger Arten zu finden sind als in solchen aus dem Miozän. 1885 schließlich gab der Dritte Internationale Geologische Kongress der jüngeren Vergangenheit einen Namen, die Lyell nur „Rezent" genannt und mit der Anwesenheit des Menschen, ja sogar mit der Ausrottung des Vogels Dodo in Verbindung gebracht hatte: Die völlig neue Zeit, „Holozän", solle die Phase seit dem Ende der letzten Eiszeit bis zur Gegenwart heißen, beschlossen die Wissenschaftler. Es sollte allerdings bis in die 1960er Jahre dauern, bis dieser Name auch in den USA anerkannt würde.

Als Forum der Debatten darüber, wie die Erdgeschichte sinnvoll einzuteilen sei, haben Geologen 1974 die „Internationale Kommission für Stratigraphie" (International Commission on Stratigraphy, kurz ICS), gegründet. Die Organisation stellt die Hüter der Erdzeit und gibt die jeweils gültige Zeittafel für Namen und Dauer der Zeitabschnitte heraus.

Menschliche Geschichte ist Teil der Erdgeschichte

In zahlreichen Arbeitsgruppen und Ausschüssen beraten Wissenschaftler, welche „Signale“ in den Gesteinsschichten es rechtfertigen, den einen Unter-Plot der Erdgeschichte vom anderen abzutrennen und den verschiedenen Kapiteln eindeutige Namen zu geben. Dabei gehen sie in bestem wissenschaftlichen Stil penibel vor, denn sie wollen ein verlässliches System schaffen und die Grenzen auch nicht alle paar Jahre neu verschieben müssen. Nur bei den Namen ist etwas Freizügigkeit und Kreativität erlaubt. Mal dient ein keltischer Volksstamm („Ordovizium“), mal eine liebliche englische Landschaft („Devon“) als Inspiration, je nachdem, wo die Forscher typische Gesteine einer bestimmten Zeit gefunden haben.

Die zeitlichen Dimensionen, in denen Stratigraphen dabei denken, sind für Nicht-Geologen, die inmitten von Meetings, Deadlines, Einladungen und Kindergeburtstagen ihren Alltag zu regeln versuchen und schon froh sind, wenn sie die nächste Woche überblicken können, gewaltig. Vermutlich gibt es auch im Leben von Stratigraphen Deadlines und Kindergeburtstage, aber irgendwie schaffen sie es, gleichzeitig in zwei zeitlichen Welten zu leben. So haben sie in den vergangenen Jahrzehnten eine beeindruckend bunte Tafel der Erdzeitalter geschaffen, auf der sich Wörter wie Gesteinsschichten aufeinandertürmen [3].

Da sind die großen „Äonen“ wie das Archaikum, das den von Bakterien geprägten Abschnitt von 1,5 Milliarden Jahren unmittelbar nach dem Entstehen des Lebens umfasst; da sind die „Ären“ wie das Känozoikum, die „Neu-Tier-Zeit“ für die gesamten 66 Millionen Jahre des Säugetier-Aufstiegs seit dem Aussterben der Dinosaurier bis heute; es gibt „Perioden" wie das Jura, bekannt aus „Jurassic Park". Und schließlich sind da die bereits von Lyell geprägten „Epochen“, die in der Regel immer noch viele Millionen Jahre umfassen – alles Zeiträume also, die sich gemeinhin der menschlichen Vorstellungskraft entziehen.

Die Zeittafel mit den geologischen Epochen.
Die geologische Zeittafel – Produkt der kontinuierlichen Kooperation von Geologen aus aller Welt im Rahmen der Internationalen Kommission für Stratigraphie.
ICS
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Quellen

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AnthropoScene