„Bleibt, wo ihr seid und engagiert Euch!“

William Reilly, früherer Chef der US-Umweltbehörde EPA, über die Klimapolitik unter Präsident Trump

ZUMA Press Inc./ Alamy Stock Ein Portrait von William Reilly

Der künftige amerikanische Präsident Donald Trump will die Umweltpolitik seiner Vorgänger zertrümmern und setzt Leugner des Klimawandels gezielt in entscheidende Positionen. Wenige kennen die bisherige Umweltpolitik, deren Existenz nun auf dem Spiel steht, besser von innen als William K. Reilly. Der heute 76-Jährige war von 1985 bis 1989 Präsident des amerikanischen World Wildlife Fund (WWF). Er wurde vom republikanischen Präsidenten George Bush senior aus dieser Position heraus zum Chef der Environmental Protection Agency (EPA), also der US-Umweltbehörde, ernannt. In seiner vierjährigen Amtszeit kam unter anderem ein wichtiges Gesetz zur Luftreinhaltung zustande. Unter Präsident Trump wäre es unvorstellbar, dass ein prominenter Umweltschützer ein solches Amt bekommt – im Gegenteil, Trump hat mit Scott Pruitt nun einen erklärten Gegner der Behörde als EPA-Chef nominiert.

Reilly ist dem Umweltschutz verbunden geblieben und nahm zugleich verschiedene Aufsichtsratsposten in der Öl- und Wasserbranche an. Er ist Republikaner, doch er genießt auch bei den Demokraten Vertrauen. 2010 ernannte der damalige US-Präsident Obama ihn zum Ko-Vorsitzenden des Komitees, das die BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko aufklären sollte. Im Interview mit RiffReporter kritisiert Reilly nun die Energie- und Umweltpolitik von Donald Trump scharf.

Herr Reilly, Sie sind Republikaner und Umweltschützer – was hat bei der letzten Wahl überwogen?

I27. Dezember 2017schon vor mehreren Wahlen entschieden, dass ich keinen Kandidaten unterstützen kann, der die Erkenntnisse der Wissenschaft zum Klimawandel zurückweist. Bis 2008 haben republikanische Präsidentschaftskandidaten akzeptiert, was die Wissenschaft sagt. John McCain hat sogar ein Klimaschutzgesetz namens “McCain-Liebermann” in den Senat eingebracht. Dass ein neuer Präsident und sein EPA-Chef das in Frage stellen, was elf nationale Wissenschaftsakademien gemeinsam als Stand der Forschung bezeichnen, ist einfach erschreckend.

Scott Pruitt, der künftig die Umweltbehörde EPA leiten soll, leugnet den menschgemachten Klimawandel. Was halten Sie von dieser Ernennung?

Wissenschaft ist die Grundlage von allem, was die EPA macht, sie ist fast so etwas wie eine säkulare Religion. Jemand, der seine Positionen nicht auf Wissenschaft gründet, oder der die Wissenschaft sogar verächtlich macht, ist nicht dazu in der Lage, diese Behörde effektiv zu leiten und ihre Mission zu erfüllen, dem amerikanischen Umweltbewusstsein zu dienen.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Ernennung hörten?

Ich habe daran gedacht, dass es so etwas noch nie gegeben hat: Der Mann, der die EPA künftig leiten soll, hat exakt die entgegengesetzte Auffassung von deren Aufgaben und Verantwortlichkeiten als sein Vorgänger. Bisher waren die Übergänge eher fließend, diesmal ist es ein abrupter Wechsel.

Was stört Sie am stärksten?

Scott Pruitt hat dafür gekämpft, die Regeln abzuschaffen, die Präsident Obama erlassen hat, um den Kohlendioxidausstoß von Kraftwerken zu beschränken. Kraftwerke sind für etwa ein Drittel der amerikanischen Kohlendioxidemissionen verantwortlich. Obamas Auflagen sind also eine der wichtigsten Säulen, um einen katastrophalen Klimawandel abzuwenden. Ich habe deshalb auch ein Rechtsgutachten eingereicht, das Pruitts Interpretation der Klimaschutzregeln grundsätzlich in Frage stellt.

Pruitt hat gegen die EPA und ihr Regelwerk zur Reduktion von Methanemissionen geklagt. Ist das ein Interessenkonflikt, ist er befangen?

Das sehe ich nicht so. Anwälte repräsentieren ihre Auftraggeber und bringen deren Argumente vor. Die zentrale Frage ist vielmehr, was bei der Anhörung im Senat passiert, die der formalen Ernennung vorausgeht. Da muss er sagen, was er als EPA-Chef tun will, um die Methanemissionen zu vermindern. Viele Energieunternehmen machen das ja schon. Hat er einen besseren Plan als den bisherigen? Oder glaubt er wirklich, das Problem sei vernachlässigbar?

Der republikanische Präsident George Bush (2.v.l.) bei der Vereidigung von William Reilly als Chef der Umweltbehörde EPA.
Der republikanische Präsident George Bush (2.v.l.) bei der Vereidigung von William Reilly als Chef der Umweltbehörde EPA.
privat

Wie schmerzlich ist es für Sie als umweltbewussten Republikaner, was gerade passiert?

Ich kann nur hoffen, dass in vier Jahren jemand wie ich, der von sich sagt, er sei Republikaner und Umweltschützer, nicht einfach nur Gelächter auslöst. Es war der Republikaner Nixon, der als US-Präsident die EPA geschaffen hat. Nixon wollte damit verhindern, dass die Bundesstaaten sich aus kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen beim Umweltschutz so lange unterbieten bis es nicht mehr schlimmer geht. Und bei all dem dreht Trump nun die Uhr zurück, wenn er sagt, dass die Chinesen den Klimawandel erfunden haben und die Aufgaben der EPA an die Bundesstaaten zurückgehen sollen.

Wie konnte es soweit kommen?

Es fing mit der Sorge an, dass die Regierung sich in zu viel einmischt und Umweltauflagen zu teuer sind. Dann begannen die Tea Party, die Kohleindustrie sowie andere Industrien damit, ihre wirtschaftlichen Probleme auf den Umweltschutz zu schieben. Es gibt auch Leute, deren Hauptsorge es ist, dass die USA Souveränität an internationale Organisationen abtritt.

Wer sind die Hauptverantwortlichen?

Republikanische Kongressabgeordnete, die eigentlich meine Auffassung teilen, aber unter riesigem Druck ihrer Wahlkreise stehen, haben mir gesagt, dass die Evangelikalen am stärksten agitieren. Evangelikale machen etwa ein Drittel der republikanischen Wähler aus und 80 Prozent von ihnen haben Trump gewählt. Republikanische Abgeordnete aus dem Südwesten haben mir gesagt, dass sie schlicht und ergreifend keine Chance bei den Vorwahlen hätten, wenn sie für Klimaschutz eintreten würden.

Werden die großen und gewichtigen Wissenschaftsbehörden wie die NASA, die NOAA und die EPA vier Jahre Trump überleben?

Es wäre ein Verlust für die ganze Welt, wenn diesen Institutionen Schaden zugefügt würde. Ihnen ist es maßgeblich zu verdanken, dass wir den Klimawandel überhaupt verstehen und seine Entwicklung verfolgen können. Ich habe keinen Zweifel, dass die Klimawandelleugner versuchen werden, die Budgets zu kürzen. Da müssen wir sehr gut aufpassen.

Ein Satellitenbild von Waldbränden in Brasilien.
Die NASA dokumentiert mit großem Aufwand Veränderungen auf der Erde, wie hier Waldbrände in Brasilien.
NASA Johnson Space Center/ISS029-8-8032

Das Trump-Lager hat schon angekündigt, dass die NASA sich künftig stärker dem Weltraum zuwenden und das Erdmonitoring abgeben soll.

Das ist wie wenn man den Kopf in den Sand steckt und sagt, wenn ich nichts sehe, dann passiert schon nichts. Jede Kürzung beim Erdmonitoring der NASA wäre unfassbar schädlich.

Wenn Sie heute ein Experte bei der EPA wären, was würden Sie tun – aufhören oder weitermachen?

Als ich 1989 mein Amt antrat, hatte die EPA acht Jahre Reagan hinter sich, in denen Umwelt alles andere als eine Priorität gewesen war. Ich traf viele kompetente Experten, die es geschafft hatten, die dunklen Jahre zu überstehen, obwohl ein leitender Angestellter sogar im Gefängnis gelandet war. Ich sage heute: Bleibt da, wo ihr seid und engagiert Euch, wir brauchen Euch jetzt mehr als je zuvor!

Was wird jetzt mit Erneuerbarer Energie in den USA passieren?

Erneuerbare Energien sind auf dem besten Weg, wettbewerbsfähig zu sein. Im vergangenen Jahr waren 60 Prozent der neuen Solar-Kapazitäten so ökonomisch, dass sie als ganz normaler Strom verkauft werden konnten, das ist ein echter Durchbruch. Ich denke, dass es im Kongress genug Kräfte gibt, die diese neuen Energiequellen erhalten wollen. Kalifornien, Texas und andere Bundesstaaten werden ebenfalls an Erneuerbaren festhalten. Die USA als Ganzes ist dabei, den Kohlendioxidausstoß zu senken. Kohle wird dank Fracking durch Erdgas ersetzt, Erneuerbare werden zur ökonomisch tragfähigen Alternative. All das passiert sogar ohne die EPA-Auflagen.

Welche Folgen hat es, wenn Präsident Trump den Weltklimavertrag von Paris aufkündigt?

Ich kann nur hoffen, dass die EU und China Kurs halten. In Peking habe ich kürzlich mit einem höheren Regierungsvertreter gesprochen, der mir erzählte, wie die Umweltverschmutzung die Bevölkerung aufbringt, und dass die Regierung auch deshalb den Kohleverbrauch und damit den Kohlendioxidausstoß reduzieren wird. Mehr Sorgen mache ich mir um Indien, weil das Land sehr deutlich erklärt hat, dass es die Verpflichtungen von Paris nur dann erfüllen wird, wenn es dafür auch die zugesagten Finanzmittel bekommt.

Gibt es irgendein Ereignis, das einen Umschwung bewirken könnte?

Amerikanische Politik ist sehr stimmungsabhängig. Ich befürchte schon lange, dass ein katastrophales Ereignis nötig sein wird, um die Öffentlichkeit von den tiefgreifenden Maßnahmen zu überzeugen, die nötig sind, um zu vermeiden, dass sich das Weltklima gegen uns Menschen wendet. Wir haben so einen Stimmungswechsel ja schon einmal erlebt. George Bush senior hat Ronald Reagan, der nichts mit Umweltschutz am Hut hatte, als Vize gedient, nur um dann selbst als "Umweltpräsident" in den Wahlkampf zu ziehen, dann mich als WWF-Präsidenten zum EPA-Chef zu machen und ein sehr erfolgreiches Gesetz zur Luftreinhaltung durchzusetzen.

Ein Luftbild zeigt ein riesiges Feld mit Solarpanels.
Die Nutzung von Solarstrom in den USA – wie hier texanischen Webberville – erlebt einen Boom.
Shutterstock/RoschetzkyProductions

Gibt es über Trumps Umweltpolitik etwas Positives zu sagen?

Wenn überhaupt, dann vielleicht, dass er kein Ideologe ist. Er ist selbst kein radikaler Klimawandelleugner, seine Beliebtheitswerte in den Umfragen sind ihm sehr wichtig, und er wird als Präsident wissenschaftliche Unterrichtungen bekommen, die sein Team bisher von ihm ferngehalten hat. Positiv könnte auch sein, dass sehr viele Menschen jetzt dazu motiviert werden, sich zu engagieren und dafür zu sorgen, dass Bundesstaaten und Städte noch stärker im Klimaschutz aktiv sind als bisher und sich durch Erneuerbare Energien, Wassersparen und Anpassungen in der Landwirtschaft vorbereiten.

Ist es vielleicht gar nicht so schlimm, vier Jahre zu verlieren, da der Klimawandel doch so ein langfristiges Problem ist?

Bis vor kurzem haben wir gedacht, die Klimaveränderungen würden erst unsere Enkelkinder wirklich betreffen. Aber inzwischen sieht es danach aus, dass alles viel schneller geht. Großstädte wie Chicago stellen sich schon auf Hitzewellen ein und pflanzen bestimmte Baumarten gar nicht mehr in den Parks. Termiten und andere Schadinsekten und Krankheiten aus wärmeren Regionen wie Zika und Denguefieber sind auf dem Vormarsch. Die Probleme und die Herausforderungen stehen förmlich vor unserer Haustüre. Wir haben nur begrenzt Zeit, das Problem zu lösen und es macht mich tieftraurig, dass mein Land nicht an der Speerspitze der Bewegung steht, die größte Herausforderung für den ganzen Planeten anzupacken. Zum Glück wird nicht alles in Washington entschieden und in unserem großen und dynamischen Land gibt es viele positive Kräfte. Niemand, der sich um die Zukunft sorgt, wird jetzt aufgeben.

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