Die Moderne neu denken: „Wir sitzen nun alle im selben Boot“

Die Welt sei überhitzt, warnt der norwegische Anthropologe Thomas Hylland Eriksen. Damit meint er nicht nur die Klimaerwärmung.

Mehr Konsum, höhere Temperaturen, schnellere Kommunikation: Thomas Hylland Eriksen (*1962) ist Professor für Sozialanthropologie an der Universität Oslo und erforscht, wie Menschen auf Wandel und Wachstum reagieren. Das Anthropozän läutet für ihn eine neue Phase des Zusammenlebens ein.

Der norwegische Anthropologe Thomas Hylland Eriksen lehnt an einem Geländer.
Der norwegische Anthropologe Thomas Hylland Eriksen hat das Forschungsprojekt "Overheating" geleitet. Mehrere Wissenschaftler haben darin weltweit untersucht, wie Menschen mit rasanten Veränderungen umgehen. Eriksens Fokus lag auf einer industrialisierten Stadt in Australien.
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Herr Eriksen, Sie sagen, die Welt sei überhitzt. Was meinen Sie damit?

Eriksen: Wenn man von Überhitzung spricht, denken viele Menschen an den Klimawandel. Das ist aber nur ein Teil davon. Ich nutze Überhitzung als Metapher, um über beschleunigte Veränderungen zu sprechen. Von der Verstädterung im globalen Süden über die digitale Kommunikation bis hin zur Menge an Kleidung, die wir in Deutschland oder Norwegen kaufen, gibt es exponentielle Wachstumskurven. In der Physik sind Hitze und Geschwindigkeit zwei Seiten einer Medaille. Wenn man die Hände aneinander reibt, erwärmen sie sich. Sie würden verbrennen, wenn uns unser eingebautes biologisches Thermostat nicht irgendwann sagen würde, damit aufzuhören.

Wie lässt sich das auf die Weltlage übertragen?

Eriksen: Die Gefahr einer Überhitzung als globales Phänomen besteht darin, dass es keine Kontrollinstanz gibt, die „Stopp“ sagt, das System entschleunigt und abkühlt. Das Wachstum und die Veränderungen in unserer Welt haben kein Ziel. Es gibt keinen Masterplan, außer dem Wachstum als Ziel an sich. Und das kann ziemlich gefährlich sein. Wir höhlen damit gewissermaßen die Bedingungen unserer eigenen Existenz aus, indem wir das Kapital verbrauchen, das unser Planet in vielen Millionen Jahren hergestellt hat. Zum Beispiel die fossilen Brennstoffe, oder indem wir die Wildtiere ausrotten.

Wie erforschen Sie diese globalen Entwicklungen als Anthropologe?

Eriksen: In unserem Forschungsprojekt „Overheating“ haben mein Team und ich uns angeschaut, wie Menschen in verschiedenen Teilen der Welt auf Wandel und Wachstum reagieren. Die Erkenntnisse haben uns persönlich nicht immer gefallen. Aber sie sind wichtig, um die Welt besser zu verstehen.

Können Sie Beispiele nennen?

Eriksen: Ich habe zum Beispiel in der australischen Stadt Gladstone geforscht. Die meisten Leute dort waren sehr glücklich über das schnelle Wachstum in der industriell geprägten Stadt. Es gab ihnen Geld, Jobs und ein gutes Leben. Meine Kollegin Astrid Bredholt Stensrud hat in den peruanischen Anden gearbeitet. Dort war Wasser schon immer Allgemeingut, wurde dann jedoch privatisiert. Ging das Wasser aus, griffen die Menschen häufig auf traditionelle Mittel wie Magie, Tradition und Religion zurück in der Hoffnung, dass dies helfen könnte. Das ist nicht die Art Aktivismus, die ich gut finde. Aber es ist ein wichtiger Teil des Bildes. Wir sollten auch die Trump-Welt anschauen, Brexit-Wähler, Menschen, die zur Alternative für Deutschland gehören. Wie sieht ihr Leben aus? Wir müssen dies verstehen, um einen Dialog über die Veränderungen in der Welt und den Umgang mit ihnen zu führen, der alle Menschen mit einbezieht.

Sie schlagen also vor, Wissenschaftler und Journalisten sollten versuchen, Rechtspopulisten zu verstehen?

Eriksen: Ja, ich finde, wir müssen uns gegenseitig ernst nehmen. Das ist ein Teil der anthropologischen Methodik: Der kulturelle Relativismus (Anm: der Versuch, Weltanschauungen aus der Innenperspektive zu deuten) ist keine moralische Haltung, sondern ein methodisches Instrument, mit dem man versucht, die Lebenswelt anderer Menschen zu verstehen. Wir haben das gut mit kleinen staatenlosen Völkern gemacht oder mit Leuten, die in städtischen Slums leben. Aber wir haben uns nie wirklich für Arbeiter interessiert, die in den Industrieländern vom Sozialismus zur extremen Rechten gewechselt sind, dafür, wie Klassenpolitik an einem Punkt durch Identitätspolitik ersetzt wurde. Dies wird sowohl von Journalisten als auch von Wissenschaftlern kaum verstanden, weil die meisten von ihnen in derselben bürgerlichen Welt leben.

Bietet man damit Extremisten nicht eine Plattform?

Eriksen: Ich denke, es lohnt sich, Weltanschauungen aufzuzeigen, die man nicht teilt. Auch wenn sie faschistisch sind. Ich glaube nicht, dass sie dies legitimiert. Aber dieser Ansatz kann uns helfen, ihnen entgegenzuwirken, indem wir verstehen, in welchen Punkten sie falsch liegen. Ich habe das Gefühl, dass viele dieser neuen, sogenannten rechtspopulistischen Bewegungen auf ein Gefühl reagieren, ausgeschlossen zu sein. Ein echtes Gefühl, dass sich die Dinge sehr schnell ändern und sie nicht Teil davon sind: Wem kann ich die Schuld geben, was kann ich tun?

Sie sagten dazu einmal, dass ein Problem der beschleunigten Globalisierung sei, dass Verantwortung unsichtbar wird. Welche Lösungen gibt es Ihrer Meinung nach?

Eriksen: Auch hier müssen wir sehr vorsichtig sein, wie wir es ausdrücken, um nicht mit den falschen Leuten und den falschen Werten zu enden. Denn eine der positiven Errungenschaften der Globalisierung ist das globale Gespräch, das wir dank elektronischer Medien führen können. Es ist nicht perfekt, es ist asymmetrisch. Aber es verleiht vielen Menschen eine Stimme, was eine wunderbare Leistung ist – fast wie der Weltgeist in Hegels Philosophie. Wenn es um Wirtschaft und Politik geht, finde ich jedoch, dass der Rahmen verkleinert werden muss.

Wie meinen Sie das?

Eriksen: Eine der Erkenntnisse meiner Arbeit in Australien ist, dass Engagement für die Umwelt, für Gleichberechtigung oder gegen Rassismus normalerweise mit persönlichen Erfahrungen beginnt. Zum Beispiel, indem jemand eines Tages am Strand entlang spaziert und mit eigenen Augen sieht, wie tote Delfine im Hafen treiben. Eine solche Erfahrung ist sehr mächtig und kann sich in globalen Aktivismus verwandeln. Die lokale Identität bleibt jedoch wichtig. Dies muss nicht rassistisch sein oder Menschen ausschließen. Das meiste passiert jedoch in der Nähe und die meisten Menschen sind keine Intellektuellen. Sie beginnen nicht mit einer Analyse der Welt, sondern mit ihren eigenen Erfahrungen.

Wie sehen Sie die globale Aktivismus-Bewegung Fridays for Future?

Eriksen: Die Klimajugendbewegung ist ein verzweifelter Ausruf, der die Verantwortlichen in der Welt auffordert, die Dinge anders anzugehen. Natürlich haben sie keine Lösungen. Aber sie identifizieren zumindest die Probleme und sagen, dass es dringend ist und wir uns jetzt darum kümmern müssen. Es ist etwas mit der Idee des Fortschritts passiert. Ich denke, das hat schon in den 1990er Jahren begonnen. Wir haben das Drehbuch verloren und den Glauben, dass die Geschichte eine Richtung hat. Dass die Welt für uns alle oder für die meisten von uns besser wird. Ich denke, diese Idee ist verloren gegangen. Stattdessen bleiben uns Wachstum und Konsum – Werte, die letzten Endes ziemlich leer sind. Vor allem, weil wir damit den Planeten zerstören.

Sie sagen, der Fortschritt müsse sich abkühlen, entschleunigen, verkleinern. Heißt das, wir sollten uns nicht weiterentwickeln?

Eriksen: Man muss vorsichtig sein, wenn man sich in diesem Zusammenhang äußert, um nicht von politischen Bewegungen vereinnahmt zu werden, die die Moderne ablehnen. Ethno-Nationalisten reagieren beispielsweise auf die gleichen Tendenzen der Überhitzung und fordern auch, dass der Fortschritt verlangsamt werden soll: Schließt die Grenzen, vermeidet das Durcheinander. Im Gegensatz dazu sage ich jedoch: Wir brauchen ein neues Narrativ des Fortschritts. Ich glaube an die Moderne als Projekt. Aber wie Jürgen Habermas halte ich es für ein unvollendetes Projekt. Es muss erneuert und umformuliert werden hin zu der Idee, dass die Menschheit ihr Schicksal in den eigenen Händen hat. Seit das Anthropozän angebrochen ist, stehen wir vor einer neuen Situation. Es heißt nicht mehr: Wir gegen die anderen. Wir sitzen nun alle im selben Boot.

Was muss dieses neue Fortschrittskonzept leisten?

Es sollte die Lebensqualität in den Mittelpunkt stellen und nicht den materiellen Wohlstand. Und es sollte die Wirtschaft als Mittel sehen, um das menschliche Bedürfnis nach Sinn zu befriedigen und nicht als Mittel, um reiche Menschen noch reicher zu machen.

Handeln also Bewegungen wie Transition Town oder Degrowth in Ihrem Sinne?

Eriksen: Degrowth ist interessant. Ich würde es nicht so nennen, weil es eher negativ klingt und nicht nach einer alternativen Geschichte für den Fortschritt. Manch andere Bewegungen modifizieren den Kapitalismus nur minimal in Richtung grünes Wachstum. Für Politiker und Unternehmer mutierte das logischerweise zu einer Art Slogan, weil das erlaubt, mit minimalen Änderungen weiterzumachen wie bisher, mit Solarflugzeugen und solchen Dingen. Daran glaube ich nicht.

Woran glauben Sie dann?

Eriksen: Wir haben gelernt, dass der Konsum uns nicht glücklich gemacht hat und dass er den Planeten zerstört. Schauen wir uns also an, was wirklich sinnvoll für Menschen ist. Zum Beispiel, Anerkennung zu bekommen, wenn man sich angestrengt hat. Oder die Wertschätzung dafür, Mensch zu sein und als solcher gesehen zu werden. Die wichtigsten Dinge im Leben sind CO2-neutral.

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