Der Traum von einer ethischen Marktwirtschaft, die den Planeten erhält

Aktivisten der Gemeinwohl-Ökonomie diskutierten an der Hochschule Bremen mit Wissenschaftlern über ihre Idee für eine bessere Zukunft. Von Christine Faget

Madllen/Deposit Erde rieselt durch zwei Hände. Die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung propagiert Ideen zu einem sorgsameren Umgang mit der Erde.

Umweltzerstörung und Schäden am Gemeinwohl finden sich in den Bilanzen von Firmen nicht wieder. Darüber wird schon lange diskutiert. Zwar gibt es verschiedene Nachhaltigkeits-Audits wie das Fairtrade-Label, das EU-Bio-Siegel oder den Blauen Engel. Keines zielt jedoch auch auf das Gemeinwohl ab und liefert messbare Kriterien, die am Ende tatsächlich in die Bilanzen einfließen könnten.

Deshalb propagieren Anhänger der sogenannten „Gemeinwohl-Ökonomie“-Bewegung (GWÖ) ein Modell, das beansprucht, den Einfluss von Unternehmen auf Umwelt und Mitmenschen anhand konkreter Zahlen transparent zu machen. Das ganzheitliche Modell haben Aktivisten der österreichischen, globalisierungskritischen Attac-Bewegung 2010 unter Federführung des Autors, Tänzers und Aktivisten Christian Felber entwickelt und sehen es als Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus. Weltweit engagieren sich nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als 4000 Menschen aktiv für die Idee.

Christian Felber spricht bei der Konferenz zur Gemeinwohl-Ökonomie an der Hochschule Bremen.
Christian Felber (links) gilt als Vordenker der GWÖ-Bewegung. Er hat das Buch „Die Gemeinwohl-Ökonomie: Das Wirtschaftsmodell der Zukunft“ geschrieben.
Christine Faget

Felber hat das grundlegende Buch „Die Gemeinwohl-Ökonomie: Das Wirtschaftsmodell der Zukunft“ geschrieben. In der Vergangenheit wurde er oft dafür kritisiert, keine ökonomische Ausbildung zu haben. Mit dem Ziel, ihre Idee wissenschaftlich besser zu fundieren, haben sich einige der Gemeinwohl-Aktivisten Ende November an der Hochschule Bremen mit Wissenschaftlern zu einer Konferenz unter dem Motto: „Economy for the Common Good – A Common Standard for a Pluralist World?“ getroffen.

„Ich erlebe, dass etwas schief geht und wir unsere Welt verbrauchen“

Knapp 100 Menschen – Wissenschaftlerinnen, Unternehmer, Aktivistinnen, Politiker – sind dem Aufruf gefolgt. Im Saal der Hochschule diskutierten an einem von rund zehn Tischen der Hochschulprofessor Peter Schmidt mit einer gelernten Wirtschaftsprüferin, einem Berater und einem Aktivisten. Schmidt lehrt Volkswirtschaft in Bremen. „Ich erlebe, dass etwas schief geht und wir unsere Welt verbrauchen“, sagte er später. Deshalb beschäftigt er sich neben der klassischen Ökonomie auch mit alternativen Wirtschaftsmodellen.

Das Gemeinwohl-Modell, um das es auf der Konferenz geht, hält er unter den vielen Entwürfen für etwas Besonderes. Zwar strebten fast alle alternativen Modelle eine sozial-ökologische Wende an. Doch der Gemeinwohl-Gedanke biete mit der Gemeinwohl-Matrix als einziger ein Instrument, um in Zahlen sichtbar zu machen, wie nachhaltig und ethisch ein Unternehmen agiert.

Die Gemeinwohl-Matrix besteht aus den Werten Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung sowie den Berührungsgruppen Lieferant*innen, Eigentümer*innen, Mitarbeitende, Kund*innen, gesellschaftliches Umfeld.
Die Gemeinwohl-Matrix: In 20 Kategorien bewerten Unternehmen mit Unterfragen, wie effektiv sie Umwelt und Mitmenschen schützen.
Christine Faget

Das Besondere: Gemeinwohl in Zahlen

Die grün-blaue Tabelle, von der Schmidt erzählt, war der heimliche Star der Konferenz. Die Matrix prangte auf Stellwänden und ploppte immer wieder in Präsentationen auf. Rund 600 Unternehmen und Organisationen, knapp 60 Gemeinden und 200 Hochschulen haben damit bisher ihre Praxis in den Bereichen Menschenwürde, Transparenz, Gleichberechtigung und ökologische Nachhaltigkeit einer Prüfung unterzogen und sich dem Ergebnis gestellt: Wie wird geprüft, ob Verstöße gegen die Menschenwürde bei den Lieferant*innen vorliegen? Wie wird Müll reduziert? Wie werden Führungskräfte ausgewählt und von wem? Gibt es Geschäftspartner*innen in sogenannten Steueroasen?

Fragen wie diese bewerten die Unternehmen momentan entweder selbst, in einem gemeinsamen Prozess mit anderen Firmen oder mit Hilfe eines speziell geschulten GWÖ-Beraters. In insgesamt 20 Feldern verteilen sie anhand der Unterfragen Punkte. Maximal 1000 sind insgesamt möglich, es gibt jedoch auch bis zu 3600 Minus-Punkten. Das Ergebnis ist Teil der Gemeinwohl-Bilanz. Eine Zertifizierung erhält nur, wer durch einen externen GWÖ-Berater abschließend auditiert wurde. Erstmals sind der GWÖ zufolge auf diese Weise das Ergebnis eines Corporate-Social-Responsibility-Standards über alle Branchen, Rechtsformen und Unternehmensgrößen vergleichbar.

Gemeinwohl praktisch umgesetzt: Papier aus Gras und die Charta der Vielfalt

Auch die kleine Ulmer Beratungsfirma von Jens Nitsche hat daran teilgenommen. Er und sein Mitgründer stehen kurz vor der abschließenden Zertifizierung. Rund 80 Stunden und fast 2000 Euro hat Nitsches Unternehmen dafür aufgebracht, den Prüfprozess zu durchlaufen. Den relativ geringen Aufwand erklärt Nitsche damit, dass die Firma unter anderem bereits klimaneutral zertifiziert sei und eine Beratungsfirma eben keine lange Lieferkette habe, die es zu überprüfen gilt.

Der umfassende Überblick mittels der Matrix helfe ihm, die Firma weiterzuentwickeln, begründet Nitsche die Investition. Er und sein Mitgründer nutzen jetzt beispielsweise eine BahnCard 50 statt eines Dienstwagens, drucken auf Graspapier und wollen die Charta der Vielfalt bewusst leben und Vorurteile abbauen, wenn sie mit Partnern zusammenarbeiten.

Wie die Gemeinwohl-Matrix entstanden ist

Doch wer bestimmt dabei, was Gemeinwohl überhaupt ist? Einer, der sich schon lange mit dem Thema beschäftigt, ist Gerd Hofielen. Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen eines Arbeitskreises der GWÖ-Bewegung hat der Geschäftsführer der gemeinnützigen Beratungs- und Forschungsfirma Humanistic Management Practices die grün-blaue Matrix entwickelt – und arbeitet fortlaufend Feedback ein.

Die Kriterien, anhand derer man seinen Beitrag für das Gemeinwohl bestimmt, seien der Verfassung entnommen, erklärt er. Dabei bezieht er sich vor allem auf Artikel 20a im Grundgesetz: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere.“ Und auf Artikel 14: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Doch abschließend geklärt ist nicht, welche Kriterien auf der Matrix stehen – und welchen Zielen die Wirtschaft in diesem Sinne dienen sollte. Am liebsten wäre Hofielen, dass Bürgerinnen und Bürger künftig auf Konventen darüber diskutieren und entscheiden. Denn unsere Wirtschaftsordnung sei nicht auf demokratischer Basis entstanden, ist seine Überzeugung.

Gerd Hofielen betritt die Hochschule Bremen auf dem Weg zur Gemeinwohl-Ökonomie-Konferenz. Er hat die Gemeinwohl-Matrix mitentwickelt.
Gerd Hofielen hat die Gemeinwohl-Matrix mitentwickelt. Sie basiert unter anderem auf Artikel 14 des Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
Christine Faget

Der große GWÖ-Traum ist, dass die Zahl, die mit Hilfe der blau-grünen Matrix berechnet wird, ganz konkrete Konsequenzen hat. Nämlich dann, wenn sie beeinflusst, wer eine öffentliche Ausschreibung gewinnt oder wie viele Steuern ein Unternehmen zahlen muss. Dann könnte ein Apfel, der ökologisch und vom Bauern nebenan gezüchtet wurde, wieder mit Äpfeln konkurrieren, die in Spanien mit Pestiziden besprüht und deshalb billiger sind, so vereinfacht gesagt die Idee, die die Wirtschaftsordnung tatsächlich verändern könnte, wenn sie in Recht und Gesetz gegossen wäre.

Unsichtbare Kosten an Mensch und Umwelt

Auch aus diesem Grund drehen sich die Diskussionen auf der Konferenz immer wieder um ein zentrales Problem: Wie kann man Nachhaltigkeit und soziale Standards messen, und zwar besser als nur mittels subjektiver Bewertungen? „Ich persönlich habe starke Zweifel, dass wir jemals in Zahlen erfassen können, worum es bei Nachhaltigkeit geht“, sagte beispielsweise Hendrik Lambrecht, Professor für Industrial Ecology und Quantitative Methoden an der Hochschule Pforzheim.

Daniel Dahm ist Unternehmer, Wissenschaftler und Berater beim World Future Council und bezeichnet die Gemeinwohl-Bewegung gerne als „Avantgarde“. Jedoch sagt auch er, dass es fast unmöglich sei zu messen, wie groß und teuer zum Beispiel Umweltschäden wirklich sind. Damit meint er das, was in der Volkswirtschaft als „Externalitäten“ bezeichnet wird – also Kosten, die an der Umwelt oder den Mitmenschen entstehen, ohne sich jedoch im Produktpreis zu spiegeln.

Die bisherige Praxis, Umweltschäden in Bilanzen außer Acht zu lassen, führe zum „Peak Everything“ – zur Zuspitzung vieler Verbrauchs- und Abfallwerte nicht nur bei fossiler Energie und CO2-Ausstoß – warnte er bei der Konferenz. „Es gibt planetare Grenzen, aber alle reden nur über den Klimawandel.“ Die Änderungen in der Ökonomie müssten grundlegender sein, forderte er. Umweltschäden und Schäden am Gemeinwohl müssten sich etwa in der Buchhaltung und in den Bilanzen von Unternehmen wiederfinden.

Viel Kritik, ein paar Erkenntnisse

Zu diesem Thema brachte Dahm eine Fishbowl-Diskussion in Gang – ein Format, bei dem in einem Stuhlkreis immer die Teilnehmer ins Zentrum rücken, die mitdiskutieren wollen. Der Osnabrücker VWL-Professor Johannes Hirata brachte dabei den Einwand vor, man überschätze das Potenzial von Bilanzierungen und Externalisierungen, solange es nicht gerecht zugehe. Wenn die Idee am Ende nur einer kleinen Gruppe zu Gute komme, funktioniere es nicht.

Die Gemeinwohl-Idee hat noch viel Verbesserungspotenzial, das merkte man bei der Diskussion sehr schnell. Wie sich Greenwashing verhindern lasse, will beispielsweise eine Teilnehmerin wissen – also der Versuch, Verbraucher zu täuschen. Warum man noch ein weiteres Konzept brauche, wo doch schon viele ähnliche Ideen in Umlauf sind, sagte ein anderer Teilnehmer. Ein weiterer Kritikpunkt: Die Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz erfordere viel bürokratischen Aufwand. Auch die zentrale Frage, wie man Gemeinwohl objektiv messen kann, bleibt weiterhin offen. „Wir müssen uns damit abfinden, dass es eine Bewertung bleibt“, sagte ein Teilnehmer.

Am Ende der Gemeinwohl-Ökonomie-Konferenz ziehen die Teilnehmenden im Saal der Hochschule Bremen Fazit.
Noch gibt es an dem Modell der Gemeinwohl-Ökonomie viele Kritikpunkte und offene Fragen.
Christine Faget

Wachsen wie Löwenzahn

Nach drei Tagen voller Vorträge und Diskussionen herrschte auf der einen Seite Aufbruchsstimmung, auf der anderen aber auch die Erkenntnis, dass die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie noch weit entfernt davon ist, mehrheitsfähig zu sein. Sie ist ein Nischenthema und, wie es ein Teilnehmer auf den Punkt brachte, eine sehr intellektuell geführte Diskussion.

Ein entscheidendes Ergebnis gibt es dennoch: Die Gemeinwohl-Ökonomie an sich ist keine Wissenschaft, so das Fazit. Sie als Forschungsobjekt untersuchen und lehren, das könne man aber sehr wohl. Den Gemeinwohl-Aktivisten blieb am Ende der Konferenz die Hoffnung, die ihr Logo symbolisiert. Zwei Löwenzahn-Sämchen sind darauf zu sehen – die Gemeinwohl-Idee solle in den Köpfen sprießen wie der Löwenzahn im Kopfsteinpflaster.

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In diesen Artikel habe ich vier Arbeitstage investiert. Wenn Sie Ihre Wertschätzung dafür ausdrücken möchten, unterstützen Sie uns gerne mit einem der Knöpfe rechts unten und lesen Sie im Riff-​Projekt „AnthropoScene“ mehr darüber, wie wir Menschen die Erde verändern.

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