Alexander von Humboldt – ein früher Vordenker des Anthropozäns

Ein Gespräch mit der Biografin und Bestsellerautorin Andrea Wulf

Saskia Manners, mit frdl. Genehmigung C.Bertelsmann Verlag Andrew Wulf, auf Treppenabsatz sitzend.

AnthropozänReporter – Expeditionen in unsere neue Erdepoche

Donald Trump hat den „Globalismus“ zum Feind erklärt. Andrea Wulf, Autorin des Bestsellers über Alexander von Humboldt, „Humboldt - Die Erfindung der Natur”, zur Bedeutung des Naturforschers für unsere Zeit. Das Interview stammt aus dem Dezember 2016, bleibt aber hochaktuell.

Ihr Buch über Humboldt ist ein Bestseller, Sie bekommen einen renommierten Preis nach dem anderen. Warum ist das Interesse an Humboldt mehr als 150 Jahre nach seinem Tod wieder so groß?

Viele Menschen, die sich für Umweltschutz interessieren, glauben, dass alles mit Rachel Carsons Buch „Stummer Frühling“ in den 1960er Jahren begonnen hat. Wenn sie jetzt durch mein Buch oder bei meinen Vorträgen erfahren, dass Humboldt der vergessene Gründervater des modernen Umweltschutzes ist, sind viele überrascht. Sie können es gar nicht glauben, wie klar Humboldt schon vor 200 Jahren die Dinge gesehen hat, etwa als er über bemannte Raumfahrt schrieb und warnte, die Menschen würden ihre dunklen Seiten, ihre Arroganz und ihre Raffgier mit auf andere Planeten nehmen und diese womöglich ebenso verwüsten wie die Erde.

Was beeindruckt Sie an Humboldt?

Dass er keine scharfe Trennlinie zwischen der Wissenschaft und den Künsten gezogen hat. Ja, er war regelrecht besessen von wissenschaftlichen Messungen, aber zugleich philosophierte er darüber, dass unsere Vorstellungskraft und auch Emotionen wichtig sind, um sich mit der Natur zu verbinden. Bei aktuellen Umweltdebatten geht es hauptsächlich um trockene Statistiken, darum, ob die globale Durchschnittstemperatur nun um 1,5 Grad oder 2 Grad Celsius steigen darf oder wie viele Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen dürfen. Zu solchen Zahlen haben Menschen keine echte Verbindung, ja sie schaffen sogar eine merkwürdige Distanz zu dem, was passiert. Humboldt bringt in seiner Arbeit eine Begeisterung für Naturwunder zum Ausdruck, er empfindet Freude an der Natur. Und wir wissen doch, dass wir nur das wirklich beschützen können, was wir lieben. Er war natürlich kein Romantiker, der schwärmerisch durch die Wälder läuft. Er war ein Hardcore-Wissenschaftler, aber einer, der die Welt der Künste immer in sich trug.

Warum spricht Sie das so an?

Weil ich überzeugt bin, dass wir Wissenschaft nicht länger so engstirnig wie heute betreiben können. In der Schule bekam ich immer gesagt, dass ich echt gut in Sprachen und Kunst sei, aber schlecht in wissenschaftlichen Fächern. Und jetzt? Ich habe den Buchpreis der Royal Society gewonnen, einer der ehrwürdigen wissenschaftlichen Gesellschaften der Welt. Es gibt Tage, an denen ich einen speziellen Lehrer anrufen und ihn fragen möchte, wie das denn bitte sein könne. Der Prozess des Schreibens hat mir nochmal gezeigt, dass es zur Wissenschaft nicht nur einen Weg gibt. Das sah auch Humboldt so. Man schaue sich nur an, wie er mit Grafiken und Illustrationen umging, die zu seiner Zeit neu waren. Ihm gelang es, in einem einzigen Bild eine ganze Landschaft wissenschaftlich zu beschreiben, er hat über die Isothermen Wetterdaten zu einer visuellen Geschichte in den Landkarten verwandelt und dabei die Klimazonen entdeckt. Das sagt mir, dass Zugänge zur Wissenschaft sehr vielfältig sein können.

Eine historische Karte
Zusammen mit seinem Gefährten Bonpland schuf Humboldt ein Ordnungssystem für Landschaften und Vegetation
Zentralbibliothek Zürich

Trump: Der Anti-Humboldt

Wie reagieren Naturwissenschaftler, wenn Sie die emotionale Seite von Humboldts Forschung so betonen?

Ein Quantenforscher sagte mir kürzlich, dass er jede Menge Imagination für seine Forschung brauche und deshalb sehr mit Humboldt sympathisiere. Ich glaube, die Gründe, warum Humboldt von vielen vergessen wurde sind dieselben, wegen denen er jetzt wieder so aktuell ist.

An Humboldts 100. Geburtstag strömten allein in Berlin 80 000 Menschen zu einer Feierlichkeit, und auch in anderen Städten rund um die Welt gab es Festveranstaltungen. Aber dann geriet Humboldt in Vergessenheit, ganz im Gegensatz zu Newton oder Einstein. Warum?

Er gehört in den Tempel der Wissenschaft, direkt neben Einstein, Newton, Darwin, aber nur in Lateinamerika geriet Humboldt nie in Vergessenheit. Dort gilt er wegen seiner engen Freundschaft mit Simón Bolivar als eine Art Revolutionär und Befreier. In Europa lag es wohl daran, dass Humboldt nicht mit einer einzelnen Entdeckung wie der Relativitätstheorie assoziiert werden kann. Er entwickelte eine ganzheitliche Sicht der Welt, die Idee eines Lebensnetzes, das jeden mit allem verbindet. Er war einer der letzten Universalgelehrten. Nach ihm nahm die Spezialisierung so stark zu, dass kein einzelner Forscher mehr den Überblick behalten konnte – und flugs haben Spezialisten auf ihn herab geblickt. Wenn man zum Beispiel am Anfang des 20. Jahrhunderts sagte, dass Wissenschaftler ihre Gefühle einsetzen sollten, um die Natur zu verstehen, hätte das als komplett unannehmbar gegolten, als irrational. Nicht zu vergessen: Humboldt war Deutscher, und auch das war Anfang des 20. Jahrhunderts für die angelsächsische Welt ein Problem.

Die Welt erlebt derzeit eine Welle von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Brexit-Referendum und der Wahlsieg des Klimawandelleugners Donald Trump sind symptomatisch. Wie wirkt das auf Sie?

Mir geht es deshalb gerade richtig schlecht. Ich bin wegen Trump regelrecht deprimiert und mir tut es leid, dass die nächste Generation so ein fürchterliches Durcheinander hinterlassen bekommt. Mit fällt es schwer, überhaupt nur zu verstehen, was da passiert und es fühlt sich unwirklich an, dass Trump im Januar Präsident der Vereinigten Staaten wird. Er und seine Unterstützer teilen die Welt auf und wollen sich isolieren. Aber wir sind alle verbunden, wie Humboldt gezeigt hat, ob wir es wollen oder nicht.

Humboldt sprach vom „Weltorganismus“, während Trump den „Globalismus“ zum Feind erklärt hat. Ist er eine Art Anti-Humboldt?

Es gibt auf jeden Fall nichts, in was Trump Humboldt auch nur entfernt ähnlich wäre. Er und seine Anhänger sehen alles aus der amerikanischen Perspektive, das ist der Schlitz, durch den sie die Welt betrachten. Humboldts Perspektive ist das Gegenteil, sie ähnelt der von Astronauten. Als er auf den Chimborazo stieg, der damals als der höchste Berg der Welt galt, spürte er die Verbundenheit von allem und er hat nie aufgehört, in diesem Geist zu arbeiten. Trump und seine Leute stehen nicht auf einem Berg, sie bauen Mauern um sich herum.

Was können wir heute von Humboldt lernen?

Er war jemand, für den nationale Grenzen wenig Bedeutung hatten. Er lebt in Frankreich, als das Land mit Preußen Krieg führte. Er ignorierte religiöse und nationale Grenzen. Und er starb als armer Mann, weil er sein ganzes Geld für Expeditionen und Bücher ausgegeben hat und dafür, notleidende junge Wissenschaftler zu unterstützen. Leider würde nichts davon Trump sonderlich beeindrucken…

Eine Briefmarke mit dem Konterfei von Alexander von Humboldt
Eine kubanische Gedenkmarke zum zweithundersten Geburtstag Humboldts aus dem Jahr 1969 zeigt den Gelehrten in Gesellschaft eines Kondors.
Victor Kiev / Shutterstock

Vordenker des Anthropozäns

Das klingt alles, als wäre er ein perfekter Mensch gewesen.

Ganz und gar nicht, er hatte auch viele Schwächen. Zum Beispiel heißt es, dass er unfassbar scharf über andere lästern konnte. Manche Menschen hatten Angst davor, Partys vor ihm zu verlassen, weil sie dachten, dann würde er über sie herziehen. Außerdem hörte er sich selbst gerne reden. Er konnte einen Raum betreten und drei Stunden nonstop über seine neuesten Erkenntnisse referieren. Er wurde mit dem Alter auch immer unzugänglicher. Vor seiner Südamerikareise lebte er seine Gefühle aus, später verbarg er sie. Das macht es aus heutiger Sicht schwer, seine Persönlichkeit zu verstehen.

Wäre er Ihnen sympathisch, wenn Sie ihn heute treffen würden?

Da bin ich gar nicht so sicher. Ich bewundere ihn natürlich. Aber ich kann Menschen nicht leiden, die heimlich schlecht über andere reden und die bei Parties monologisieren.

Humboldt trat gegen Sklavenhaltung ein, unterstützte die Französische Revolution und besuchte sogar das Weiße Haus. Hatte er politischen Einfluß?

Ja, das hatte er. Er überzeugte den preußischen König davon, ein Gesetz zu unterschreiben, das jedem Sklaven, der preußischen Boden betritt, die Freiheit garantierte. Seine Kritik an der spanischen Kolonialpolitik und seine Freundschaft mit Bolivar entfalteten Wirkung. Zudem änderte er das Bild von Südamerika, das viele europäische Intellektuelle, etwas Buffon, damals für einen degenerierten Kontinent hielten. Humboldts Schilderungen räumten damit auf. Er wurde aber nie ein Aktivist, er war eher ein Anhänger von Wandel als von Revolution.

Kann man Humboldt als einen Vordenker der Anthropozän-Idee ansehen?

Natürlich benutzte er den Begriff nicht, aber er ist auf jeden Fall einer der Vorväter dieses Denkens. Allein dass er schon 1832 darlegte, wie Menschen durch Entwaldung, die Trockenlegung von Feuchtgebieten und durch Industrieabgase das Klima verändern, läßt ihn als echten Pionier erscheinen. Er verstand zwar die genauen chemischen Zusammenhänge noch nicht, aber er sah voraus, was heute real passiert. Er hätte den Menschen allerdings nicht für einen so bedeutenden geologischen Faktor gehalten, wie das in der Anthropozän-Idee zum Ausdruck kommt. Das war zu seiner Zeit noch nicht so klar.

Berliner Stadtschloss während der Renovierung
Jahrelange wurde über das Berliner Stadtschloss und das Humboldt-Forum gestritten, nun bringt der Brite Neil MacGregor Ruhe ins Projekt.
Shutterstock

Der 250. Geburtstag als große Chance

Kann man eigentlich sagen, dass Humboldt homosexuell war?

Ich denke schon, ja. Ich mache daraus im Buch kein riesiges Ding – für mich als Historikerin ist das ein schwieriges Thema, weil es meines Wissens keinen Brief gibt, in dem er das klar benennt. Aber es gibt Briefe an Männer, in denen er seine Zuneigung auf sehr intensive Weise zum Ausdruck bringt, die nach unsterblicher Liebe klingen. Er hatte sehr innige Beziehungen zu Männern und obwohl er einer der bekanntesten Wissenschaftler seiner Zeit war, gibt es keine einzige Frau, die behauptet, sie hätte eine Affäre mit ihm gehabt. Wilhelm und Caroline haben ihm öfters die Bitte ausgeschlagen, dass ein Freund von ihm mit in ihrem Haus übernachten darf. Das sind Indizien. Ob er Homosexualität körperlich ausgelebt hat, wissen wir nicht. Manchmal denke ich, er hat seinen Körper auch deshalb so extrem gefordert wie mit der Chimborazo-Tour, um ein Ventil zu finden. Aber das sind wirklich nur Vermutungen, ich weiß es nicht genau.

Ihre Recherche hat Sie rund um die Welt geführt. Wie sieht es denn mit Humboldts Heimatstadt Berlin aus, geht sie gut mit seinem Erbe um?

Bevor Neil MacGregor Leiter des Humboldt-Forums wurde, hätte ich gesagt, dass viel zu wenig geschieht. Mir begegnen in Berlin noch immer Menschen, die nicht wirklich zwischen Wilhelm und Alexander unterscheiden oder Alexander nur für einen Naturkundler halten. Obendrein hatte das Schlossprojekt einen schrecklichen Start. Man hat den Namen Humboldt da einfach obendrauf gepfropft und gedacht es würde reichen, wenn man ein paar Sammlungen in einem Gebäude zusammenführt. Doch Neil MacGregor ist ein Genie, einer der besten Historiker unserer Zeit und einer der erstaunlichsten Museumsmenschen. Bei ihm ist das Ganze in guten Händen.

Welche Erwartungen haben Sie an das Humboldt-Forum?

Es muss wirklich interdisziplinär und ganzheitlich werden, und das nicht nur an der Oberfläche. In den Ausstellungen sollten zum Beispiel Botanik, Philosophie und Poesie zusammenfließen. Das Forum sollte ein Ort der Debatte und des Erkundens sein, nicht einer des Kulturkonsums. Und der Eintritt sollte frei sein, denn das hätte Humboldt so gewollt. Sein 250. Geburtstag im Jahr 2019 ist eine große Chance, all das zum Leben zu erwecken.

Wenn Sie Alexander von Humboldt eine Frage stellen dürften, wie würde sie lauten?

Er war ein Genie. Deshalb würde ich ihn fragen, wie wir mit dem Klimawandel umgehen sollen.


Andrea Wulfs Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ ist 2016 im Verlag C.Bertelsmann erschienen und kostet 24,99 Euro.

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