Zukunftsszenario Australien: Wenn die Klimakrise voll zuschlägt

Superreiche prassen in Powerdomes, während die Welt im Chaos versinkt und Strafen für die Schuldigen verlangt. Climate fiction von Christian Schwägerl

Tom Griger/Deposit Symbolbild eines Taifuns in Südostasien – im Szenario geht es um einen Politiker, der seiner Mitschuld an der Klimakatastrophe zu entfliehen versucht.

AnthropoScene: Journalistische Expeditionen in unsere neue Erdepoche

Die gewaltigen Brände in Australien rücken den Kontinent ins Zentrum der weltweiten Klimakrise. Die Zahl der Todesopfer und der niedergebrannten Häuser steigt und auch die Tier- und Pflanzenwelt ist teils existenziell gefährdet. Aber was, wenn das alles nur ein Vorgeschmack ist?

Bereits 2014 hat der Wissenschafts-, Umwelt- und Politikjournalist Christian Schwägerl für sein Buch „Die analoge Revolution" (Riemann-Verlag) ein Szenario geschrieben, das die Folgen der Klimakrise in Australien und weltweit mit den Mitteln der Fiktion beleuchtet. „Die analoge Revolution" bietet vier Szenarien, zwei sind negativ, zwei positiv angelegt.

„Taifun Thomas Tyrell" spielt in einer nicht so fernen Zukunft, in der sich die Reichen und Mächtigen in „Powerdomes" den Folgen der Klimakatastrophe entziehen, während der Rest der Welt im Chaos versinkt und nach Strafe für die Schuldigen verlangt.

Das Szenario stellt keine Prognose dar, sondern soll wie andere Szenarien der Debatte über wichtige Zukunftsfragen dienen. AnthropoScene-LeserInnen bekommen „Taifun Thomas Tyrell" aus aktuellem Anlass erstmals in minimal überarbeiteter Form online präsentiert.

***

Taifun Thomas Tyrell

»Wie ist dir deine letzte Stammzellinfusion bekommen?«

Die sanfte Stimme von Julia, seiner weißrussischen Assistentin, dieses Engels mit goldenen Locken, riss Thomas Tyrell aus dem Mittagsschlaf.

Das war ihr Ritual. Jeden Tag um drei Uhr nachmittags weckte sie ihn auf, streichelte zuerst seine Stirn, dann massierte sie ihn.

Heute war Tyrell aber nicht nach einer Massage. Ihn hatte ein Albtraum geplagt, wie so oft: Er saß in den weißen Ledersesseln seines Dienstjets, flog hoch über den Wolken zu einem G20-Gipfel. Es sollte gleich Essen geben. Doch als sich die Tür öffnete, aus der sonst seine Stewardessen kamen, fegte ein eiskalter Wind durch das Flugzeug, der ihn von seinem Sessel riss, hinaus ins Freie. Aus dem Lautsprecher erklang die Stimme von Julia: »Gute Reise, Liebling.«

Er wollte seiner Dienerin davon nicht erzählen. Tyrell schob die Seidenbettdecke beiseite, setzte sich senkrecht auf, betrachtete sein glattes, geschmeidiges Gesicht im Spiegel an der Wand und nahm einen Schluck von dem Ingwertee, den Julia ihm zubereitet hatte. Er stand auf und zog die schweren Brokatvorhänge auf, die seine Freundin Tina aus Versailles für ihn abgezweigt hatte, eine grün schimmernde Landschaft kam zum Vorschein, in der Pferde grasten und reinweiße Wolkenhaufen über den Himmel zogen. »Du mit deinen Pferden«, sagte Tyrell zu Julia, »können wir nicht etwas anderes sehen, die alte Wall Street oder so etwas?«

Julia gehorchte und wechselte das Programm. Es ging ihm gut, dachte Tyrell, er konnte zusammen mit seinen Freunden das Leben genießen, ihr Weinkeller war noch nicht einmal zu einem Viertel aufgebraucht, und es war ihm gelungen, diese grausame, hässliche Welt jenseits von Flinders Island zu vergessen. Das milde Klima im Powerdome, Julias liebevolle Pflege und vor allem dieses wunderbare Fluid, das Dr. Matipoliv aus ihren weißrussischen Eizellen gewann, ließen ihn das Leben auch mit 107 Jahren noch genießen. Vergangene Woche hatte der Arzt ihm seine vierteljährliche Dosis verabreicht, ein Pieksen, und er fühlte sich wieder etwas jünger. Er liebte den Gedanken, dass Julias unbändige Energie im Inneren seines Körpers wirkte. Wenn nicht dieser Albtraum wäre.

Tyrell ließ Michael Rogers holen, den Sicherheitschef von Flinders Island. Der hatte ihm am Vorabend von merkwürdigen Truppenbewegungen östlich der Insel erzählt, von seinem Verdacht, es könnte Pläne für eine Invasion geben. »Sie haben mir einen veritablen Albtraum beschert, Rogers, und ich sage es Ihnen zum letzten Mal, dass Sie mich mit solchen Spinnereien in Ruhe lassen sollen, zumindest so lange Sie mir garantieren können, dass unser Schild funktioniert.«

»Ja, Sir«, sagte Rogers in der merkwürdig hohen Tonlage, derentwegen er von seinen Jahrgangskameraden bei der NSA immer gehänselt worden war. Die Kameraden von einst, die sich über ihn lustig gemacht hatten, waren jetzt alle tot, gestorben im Chimerikanischen Krieg oder in der großen Dürre. Er aber hatte sich nicht nur von einem einfachen Drohnenflieger an die Spitze der NSA vorgearbeitet, er hatte auch die großen Angriffe auf die Datenzentren in Utah überlebt. Er lebte, die anderen waren tot, das zählte.

Jetzt war es seine Aufgabe, die 85 reichsten Menschen der Welt und ihren langjährigen Beschützer Thomas Tyrell vor dem Chaos zu bewahren, das in der Welt um sie herum tobte, keine schlechte Aufgabe im Pensionsalter. Ein riesiges Gebiet stand unter seinem Kommando. Zu Flinders Island, wo die 86 mit ihrem Personal im Powerdome lebten, gehörte als abhängige Kolonie Tasmanien, wo eine kleine Crew von Servicearbeitern die automatisierten Gewächshäuser und Tierfabriken am Laufen hielten und über ein ausgeklügeltes System von Förderbändern und Schleusen dafür sorgte, dass im Powerdome kein Wunsch unerfüllt blieb.

***

Werden die Reichen und Mächtigen vor der Klimakrise in abgeschirmte Siedlungen fliehen?
Werden die Reichen und Mächtigen vor der Klimakrise in abgeschirmte Siedlungen fliehen?
NelsonArt/Deposit

Was sonst im Inneren der Inseln vor sich ging, beschäftigte Rogers nur selten.

Sein Aktionsfeld waren die Küstenlinien, die es gegen Eindringlinge zu schützen galt, die 40 Meilen Meeresgebiet in alle Richtungen, in denen er seine Waffensysteme stationiert hatte – und der Rest der ins Chaos abgerutschten Welt, den er mit seinen Leuten im Blick behalten musste.

An den Küsten patrouillierten robotische Kaninchen, Hunde, Tiger und Stiere, Wesen aus elastischen Materialien, die ihren natürlichen Vorbildern täuschend ähnlich sahen und in ihrem Inneren das Neueste vereinten, was Genforscher, Materialingenieure, Neurobiologen und Waffentechniker vor Beginn des Chimerikanischen Kriegs aufzubieten hatten. Mit ihren alles durchdringenden Sinnen hatten sie schon Tausende bei dem Versuch aufgespürt, an Land zu gehen und in den Powerdome zu gelangen. Diese Roboter konnten ihre Farbe der Umgebung anpassen und sich selbstständig ernähren, von Pflanzen, fossilen Treibstoffen und auch von Tieren. Sie konnten sich selbst heilen, wenn sie beschädigt worden waren, sie konnten sich sogar fortpflanzen.

Einen kleinen Vorteil hatten die Versuche von Klimaflüchtlingen, auf Flinders Island zu gelangen: Sie lieferten Biotreibstoffe für das Abwehrsystem. Schließlich war in einer Welt knapper Ressourcen jedes Gramm Fett und Eiweiß wertvoll. Im Meer hatte Rogers alles verbaut, was er während des Chimerikanischen Kriegs auf Geheiß von Tyrell aus den Waffenbeständen der atlantischen Armeen abzweigen konnte. Sie waren nun allzeit verteidigungsbereit. Jeder Versuch, sie vom australischen Festland her unter Beschuss zu nehmen, war zum Scheitern verurteilt. Zumal es dort kaum noch Menschen gab, die überhaupt noch ein Gewehr hätten halten können.

Dreißig Jahre Dürre und Hitzestürme, dreißig Jahre Kampf um die tägliche Ration Brot und Wasser, das war auch für die Härtesten und Zähsten zu viel. Die australische Armee hatte sich längst aufgelöst, die einzige Überlebenschance für seine früheren Kameraden hatte darin bestanden, sich einer der Milizen anzuschließen, die regionale Bergbauoligarchen zu ihrem Schutz aufbauten. Er hatte zweifelsohne den Topjob gelandet.

Unter den fünfzig Powerdomes, die weltweit durch die Reste des früheren Internets verbunden waren, war seiner, soweit er das einschätzen konnte, mit Abstand am luxuriösesten ausgestattet und am besten bewaffnet. Viele der anderen Hightech-Bunker, in die sich die Reichen und Mächtigen von früher zurückgezogen hatten, waren bereits erobert worden, erst letzte Woche war einer in den Rocky Mountains gefallen. Auf Flinders Island hatte sich Rogers bisher rundum sicher gefühlt. Bis gestern hatte ihn nur der Verfolgungswahn seines Chefs belastet.

»Die 86 erwarten von Ihnen, dass Sie lautlos für die Sicherheit dieser Insel sorgen«, herrschte Tyrell ihn an. »Wir haben alle in unserer aktiven Zeit fürwahr genug Ärger gehabt, genug beschissene Nachrichten gehört und genug Angst davor durchlitten, wegen unserer Intelligenz, unserer Verdienste und unseres Reichtums entführt oder von Terroristen aufgeschlitzt zu werden.«

Rogers hatte seinem Chef am Vorabend von den merkwürdigen Mustern erzählt, die seine Rechner seit einigen Tagen in den elektronischen Überwachungssystemen registrierten. Über mögliche Ursachen hatte er nichts gesagt, er hatte keinen Schimmer. Es konnten atmosphärische Störungen sein, wie sie öfter auftauchten, seit es auf der Erde kein ruhiges Wetter, keinen Lauf der Jahreszeiten und kein gemäßigtes Klima mehr gab, nur noch superheiß oder superkalt, supernass oder supertrocken.

***

Lesen Sie weiter – mit Einzelzahlung oder RiffReporter-Flatrate. Einnahmen gehen direkt in neue Recherchen des Journalistenrteams von „AnthropoScene".

Wissenschaftler warnen vor massiven Dürren im Fall eines ungebremsten Klimawandels.
Wissenschaftler warnen vor massiven Dürren im Fall eines ungebremsten Klimawandels.
byheaven/Deposit
RiffReporter fördern

Tauchen Sie ein! Mit ihrem Kauf unterstützen Sie neue Recherchen der Autorinnen und Autoren zu Themen, die Sie interessieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Beitrag lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Beitragskauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Beitrag entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Australien trägt als einer der wichtigsten Kohleproduzenten und -exporteure massiv zum Anstieg der CO2-Emissionen bei. Im Bild: Eine Kohlegrube in Südaustralien.
Australien trägt als einer der wichtigsten Kohleproduzenten und -exporteure massiv zum Anstieg der CO2-Emissionen bei. Im Bild: Eine Kohlegrube in Südaustralien.
Ladiras/Deposit
Wenn die Klimakrise zuschlägt, werden sich die verschwenderischen Handlungen der Vergangenheit im Wetter niederschlagen.
Wenn die Klimakrise zuschlägt, werden sich die verschwenderischen Handlungen der Vergangenheit im Wetter niederschlagen.
mhcollection/Deposit
Rückseite des Gemäldes „Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch.
Rückseite des Gemäldes „Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch.
Prado/Wikipedia
  1. Anthropozän
  2. Natur
  3. Selbstversuch

Feldreport 10: Birken, Stille, Knall

Fieldwriter Gerhard Richter tippt in einer erschütterten Landschaft und spürt das Echo des Krieges.

  1. Anthropozän
  2. Natur
  3. Selbstversuch

Feldreport 9: Werde Erde

Fieldwriter Gerhard Richter sitzt auf einem Grab, aber sein Körper sträubt sich. Warum will er nicht zu Erde werden?

  1. Anthropozän
  2. Gemeinwohl-Ökonomie

Der Traum von einer ethischen Marktwirtschaft, die unseren Planeten erhält

Aktivisten der Gemeinwohl-Ökonomie diskutierten an der Hochschule Bremen mit Wissenschaftlern über ihre Idee für eine bessere Zukunft – die ihrer Meinung nach eine Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus ist.

Von einem sorgsamen Umgang mit der Erde sind wir noch weit entfernt – auch in der Landwirtschaft.
  1. Anthropozän
  2. Natur
  3. Selbstversuch

Feldreport 8: Mittwoch auf einsamer Insel

Ein extremer Standort fördert gewagte Gedanken. Fieldwriter Gerhard Richter besiedelt eine Verkehrsinsel und fordert eine Bremspflicht für Insekten.

  1. Anthropozän
  2. Bücher

Zukunft der Erde: Wir sitzen am längsten Hebel, den Menschen je in der Hand hatten

Zwei neue Bücher zum Anthropozän erkunden unsere erdgeschichtliche Verantwortung für Klima und Natur

Technosphere
  1. Anthropozän
  2. Natur
  3. Selbstversuch

Feldreport 7: Zwischen Weiherkette und Stromwasser

Fieldwriter Gerhard Richter taucht ein in die Flußlandschaft seiner Kindheit und entdeckt zwischen Iller und Illerkanal einen ganz neuen Bach.

  1. Anthropozän
  2. Natur
  3. Selbstversuch

Feldreport 6: Schüsse im Knechtwuchs

Todeszone Weinberg. Field Writer Gerhard Richter will beschreiben wie französische Weinstöcke wachsen und wird zum Zufallsziel von Sonntagsjägern.

  1. Anthropozän
  2. Natur
  3. Selbstversuch

Feldreport 5: Gegen den Baum

Ein moderner Wald ist keine Heimat mehr, jedenfalls nicht für Fieldwriter Gerhard Richter. Halt und Geborgenheit findet er stattdessen im Kletterbaum der Kindheit und in einem Gedicht.

  1. Anthropozän
  2. Humboldt
  3. Klimakrise
  4. Schwägerl

Notausgang Humboldt

Der Universalwissenschaftler weist den Weg zu einer dringend nötigen kulturellen Weiterentwicklung: Es geht um das Zusammenleben in einem „Weltorganismus".

Symbol Notausgang
  1. Anthropozän
  2. Garten
  3. Kunst

Entführte Pflanzen flüstern aus ihrem Gefängnis: „Warum bin ich hier?"

In Berlin widmen sich mehrere aktuelle Ausstellungen dem Verhältnis von Mensch und Erde. Wir haben sie uns angeschaut.

Yayoi Kusama: With all my love for the tulips, I pray forever, Gropius-Bau Berlin.
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
AnthropoScene