J.Christmas/M.Atwood, mit frdl. Genehmigung Dark Horse
M.Atwood/J.Christmas, Dark Horse mit frdl. Genehmigung

Superheld aus schlechtem Gewissen

Die Schriftstellerin Margaret Atwood lebt ihre Liebe zu Katzen und Vögeln im Comic aus.

Von Petra Ahne

Margaret Atwood liebt Vögel und sie liebt Katzen, und viele Jahre lang konnte sie beides ganz gut trennen. Ihre Katzen legten ihr zwar immer wieder mal einen toten Vogel aufs Kopfkissen, nicht weiter schlimm, Katzen jagen eben Vögel. Dann begann Atwood, Schriftstellerin und Vogelbeobachterin seit ihrer Kindheit, sich näher mit der Frage zu beschäftigen, warum die Vogelbestände auch in Kanada, wo sie lebt, so dramatisch sinken. Und bekam ein schlechtes Gewissen. Neben Pestiziden und dem Verlust von Lebensraum sind nämlich freilaufende Hauskatzen schuld: Sie bringen jedes Jahr Millionen Vögel zur Strecke.

Margaret Atwood tat zwei Dinge: Sie sperrte ihre Katzen ein. Und sie erfand „Angel Catbird“, eine Comicfigur in bester Superhelden-Tradition, nur mit einem leichten Identitätsproblem: Wie geht man damit um, dass man halb Katze, halb Vogel ist? Folgt man dem Superhelden-Drang, Gutes zu tun und rettet die aus dem Nest gefallenen Vogeljungen? Oder verspeist man sie? Wünscht man sich von der Angebeteten süße Katzenbabys? Oder, äh, Eier?

Ihr comiclesendes Schriftsteller-Ich sei mit dem Vogelblut an ihren Händen in Berührung gekommen, schreibt Margaret Atwood im Vorwort zu ihrer ersten Graphic Novel, und herausgekommen sei „Angel Catbird“. Weil die 77-Jährige offenbar das Gefühl hat, dass es Erklärungsbedarf gibt, stellt sie die naheliegende Frage gleich selbst: Warum ruht sich eine alte Dame, die zudem eine preisgekrönte Romanautorin und Lyrikerin ist, nicht im Schaukelstuhl auf ihren Lorbeeren aus, sondern gibt sich mit einer fliegenden Katzen-Eule ab und einem riesigen Rattenmann, Angel Catbirds Gegenspieler? Ist das nicht komisch?


J.Christmas/M.Atwood, mit frdl. Genehmigung Dark Horse

Nicht, wenn man 1939 geboren ist, schreibt Atwood, und erzählt von ihrer Leidenschaft für Comics, die nach dem Krieg so in Mode kamen. Ihre frühen Helden hießen Batman, Captain Marvel, Superman und Wonder Woman.

Je mehr man sich in Jahren von seiner Kindheit entfernt, desto näher rückt sie oft in Erinnerung und Gefühlen. Margaret Atwood, in deren dystopischen Romanen sich die Menschheit schon mal selbst zur Strecke bringt, hat sich den Spaß gemacht, eine echte Superhelden-Saga zu erfinden – mit allen Konventionen aus dem Goldenen Zeitalter des Comics. Es gibt den sinistren Wissenschaftler mit Weltbeherrschungsfantasien: Dr. Muroid, der mithilfe eines Serums ihm untergebene Mensch-Ratten-Zwitter herstellen will. Es gibt die Titelfigur, die erst durch einen Unfall die superheldentaugliche Form annimmt – hier sind ein Auto, eine Katze, eine Eule, ebenjenes Serum und der Gentechniker Strig Feleedus beteiligt, der sich fortan bei Bedarf in ein muskulöses Wesen mit Katzengesicht, Krallen und mächtigen Flügeln verwandeln kann. Und es gibt den weiblichen Gegenpart, tagsüber Strigs Kollegin, nach Dienstschluss die verführerische Cat Leone, halb Frau, halb Katze.

Mit Johnnie Christmas hat Atwood einen Illustrator gefunden, der die Retro-Comicwelt lustvoll in Szene gesetzt hat. Die detailfreudigen Bilder machen Spaß, genau wie die Story. Noch besser wäre sie aber, wenn sie öfter aus der Konvention ausbräche, es noch ein paar mehr augenzwinkernde Verweise darauf gäbe, dass hier die Anfangszeit eines Genres gefeiert wird, das sich längst weiterentwickelt hat.

So besteht der Subtext weniger aus Ironie als aus Carters schlechtem Gewissen, das den Anstoß für das Comicprojekt gab. Ihre Mission, der Vogelschutz – Atwood ist unter anderem Vorsitzende des Birdlife International Rare Bird Club – , bekommt alle paar Seiten am unteren Bildrand ein paar Zeilen Platz. Da erfährt man dann manches über das Verhältnis von Katzen und Vögeln, und dass es unter www.catsandbirds.ca noch mehr Informationen gibt. Die Seite wird von der Initiative „Keep cats safe and save bird lives“ betrieben, die wiederum zu Kanadas größter Umweltschutzorganisation Nature Canada gehört. Einem Herzensanliegen im eigenen Buch Werbefläche zu reservieren, ist vielleicht nicht der eleganteste Weg, dieses unter die Leute zu bringen. Aber ein ziemlich unterhaltsamer.

Angel Catbird, Band 1 (im September 2016 erschienen), Band 2 (im Februar 2017 erschienen) und bald Band 3 (erscheint im September). Dark Horse Books, je 14,99 Euro. Noch nicht auf Deutsch erhältlich.