Fischer als Bürgerwissenschaftler

Im peruanischen Regenwald registrieren Indigene ihren Fang und liefern damit Daten, um die Wanderbewegungen der Amazonas-Fische zu erkennen. Kann das funktionieren?

Eine Reportage von Hildegard Willer

Hildegard Willer Zwei Fischer auf einem Boot holen ein Netz ein.

Auch der Fluss Azupizu mitten im peruanischen Zentralen Regenwald hat seine Loreley. Sie heißt Pascuala, und die Legende will, dass ein Fischer auf einem Stein eine sich kämmende Frau erkannte. Da sie seiner geliebten, im Fluss ertrunkenen Gattin Pascuala zum Verwechseln ähnlich sah, näherte er sich der Figur. Der Fischer verschwand und ward nie mehr gesehen.

Puerto Pascuala heißt deswegen das Ashaninka-Dorf am Fluss Azupizu, einem Zufluss des Río Pichis. Die Fischer*innen machen bis heute einen weiten Weg um die berüchtigte Stelle. Wenn man auf einer Landkarte mit dem Finger auf Perus Mitte zeigen würde, dann würde man ungefähr in Puerto Pascuala herauskommen. Nämlich im Departament Pasco, Provinz Oxapampa, Distrikt Puerto Bermúdez.

Kaum ein*e Peruaner*in kennt diese Orte in Zentralperu, obwohl Puerto Bermúdez in einer abenteuerlichen 16-stündigen Busfahrt von der Hauptstadt Lima zu erreichen ist. Um von Puerto Bermúdez nach Puerto Pascuala zu gelangen, muss man nochmals zwei Stunden mit dem Boot weiterfahren.

An jenem Sonntag ist der Pichis-Fluss gut befahren. Aus allen Dörfern kommen die Familien vom oder fahren zum Markt nach Puerto Bermúdez. Vor dem Regen schützen sich die meisten mit Plastikplanen, die sie sich über den Kopf stülpen. Und immer wieder treffen wir auf dem Fluss Fischer, die ihre Netze auswerfen oder einbringen.

Kakao, Annatto und Koka

In Puerto Pascuala wohnt Osvaldo Campos. Der 45-Jährige vom Volk der Asháninka trägt eine Schildmütze, eine beige Trapper-Weste mit der Aufschrift „Komitee zum Schutz der Fischerei auf dem Pichis-Fluss“ und ein breites Lachen auf dem wettergegerbten Gesicht. Sein Haus ist wie im Regenwald üblich aus Holz, und der zentrale überdachte Wohn- und Essraum ist nach zwei Seiten offen. Neben einem großen Holztisch und zwei Hängematten steht an der einzigen Holzwand ein Flachbildschirm und ein Lautsprecher. Darunter hat sich eine brütende Henne verirrt.

In Puerto Pascuala wohnen rund 90 Menschen, 26 Familien. Sie bilden eine „comunidad nativa“, gehören dem Volk der Asháninka an. Alle bebauen ein Stück Land, in Puerto Pascuala vor allem Kakao und Annattosamen, die unter anderem den Farbstoff für Lippenstifte liefern. Was hier – wie in der ganzen Gegend – womöglich auch angebaut wird (und worüber niemand offen spricht), ist Koka für die illegale Kokainherstellung. Kakao- und Annatto-Anbau wird dagegen von der staatlichen Anti-Koka-Behörde Devida gefördert.


Mann, etwa 50 Jahre alt, indigen, mit weißer Schildmütze, lacht in die Kamera.
Osvaldo Campos, Fischer vom Volk der Ashaninka.
Hildegard Willer

Wenn die Arbeit auf dem Feld zu Ende ist, gehen viele Bewohner*innen von Puerto Pascuala auf Fischfang. Einige mehr denn andere. „Ich gehe fast jeden Abend um 17 Uhr und komme erst um 3 Uhr früh zurück“, sagt Osvaldo Campos. Seinen Fang teilt er anschließend mit anderen Dorfbewohner*innen.

In den Flüssen des Regenwaldes leben vor allem Wanderfische, die zur Art der Welse gehören (bagres), und Schuppenfische. Einige von ihnen durchwandern in ihrem Leben das gesamte Amazonas-Becken von den Zuflüssen zum Amazonas in den Anden bis zu seiner Mündung in den Atlantik. Zum Laichen schwimmen sie in der Trockenzeit gegen die Strömung, wieder Richtung Anden.

Magische Flussausbuchtungen in Gefahr

Am besten fängt man die Fische in den sogenannten pozas, vertieften Flussausbuchtungen. Jede poza hat ihre encantada, ihre verwunschene Tiefe. In der Mythologie der Amazonas-Bewohner*innen sind sie heilige Stätten. Denn dort wohnt die Anaconda, die Urmutter allen Lebens. „Ich habe die Anaconda selber gesehen, sie existiert“, sagt Osvaldo Campos. „Wenn die Anaconda die poza verlässt, dann trocknet diese aus.“

Besonders gefährdet sind die pozas, wenn die Flussufervegetation gerodet wird, um beispielsweise Felder anzulegen. „Bis 2011 hat sich niemand darum gekümmert“, sagt Osvaldo Campos. Es waren immer weniger Fische im Fluss. Bis die Region das Fischen mit Dynamit verbot, und das Produktions- und Fischereiministerium Produce mit Hilfe der Nichtregierungsorganisation Instituto del Bien Común (IBC) im Jahr 2013 die Fischereischutz-Komitees ins Leben gerufen hat. Mit ihnen baute es auch die Ufervegetation wieder auf.

Aber die Rodung der Ufer war nicht das einzige Risiko für die Fische.

Mit Dynamit auf Fischfang

Als William Vela die toten Fische auf dem Fluss schwimmen sah, wusste er, dass wieder Wilderer gekommen waren und mit Dynamit bis zu 50 Fische auf einmal getötet haben. Bis zum Verbot und der Einrichtung der Fischereischutz-Komitees kam dies häufig vor.

Das Dynamit tötet aber nicht nur die Fische, sondern lässt auch die Fischgründe zusammenbrechen. Und wenn nicht mit Dynamit, dann wurden das Gift Barbasco oder größere Netze als üblich eingesetzt, welche bis zum Flussgrund reichten. Die Konsequenzen ließen nicht auf sich warten.

„Es waren immer weniger Fische in unseren Gewässern“, erzählt der 39-jährige William Vela. Er wohnt mit seiner Frau und seinen fünf Kindern im Dorf Santa Isidora, direkt am Fluss Azupizu. Seit kurzem ist William Vela auch Großvater. Auf einer Matratze im offenen Hauptgebäude liegt die kleine Enkelin Angelie an der Brust der ältesten Tochter. Fischen ist Teil seines Lebens, seit er als kleiner Junge mit der Reuse Fische für seine Großmutter gefangen hat. „Sie mochte keinen Reis, aß nur Fisch und Maniok“, erinnert sich William Vela.

Die Fischer*innen wollen ihre Lebensgrundlage schützen

Auch William Vela ist aktiv im Fischereischutz-Komitee seines Dorfes. Seine Hauptaufgabe ist es, wildernde Fischer zu vertreiben beziehungsweise zu melden. Dabei musste er bisweilen zu einer List greifen. „Einmal sagte ich, dass eine Regenmess-Latte des Wetterdienstes eine Kamera habe, die die Wilderer filme. Die Wilderer haben daraufhin das Weite gesucht."

Seit wenigen Jahren zeigt die Arbeit der Fischereischutz-Komitees Früchte: Die Fischpopulation nimmt wieder zu.

Ein indigener Mann in weissem T-Shirt sitzt auf einer Holzbank und tipp etwas in ein Handy.
William Vela registriert seinen Fischfang
Hildegard Willer

William Vela ist sowohl Feldbauer als auch Jäger und Fischer. „Wenn ich genug habe von Mais und Maniok, dann gehe ich in den Wald jagen oder eben fischen“, sagt der Mann mit dem Schnurrbärtchen und lacht. Alle ein bis zwei Wochen würde er nachts zum Fischen rausfahren.

Mit einer App sammeln sie Daten

Wenn er dann zurückkommt mit seinem Fang, holt er ein dickes Buch von der Holzempore, auf der sich das Familienleben abspielt. Gewissenhaft registriert er dort die Fischart, Größe, Gewicht und wo er ihn gefunden hat. Dann holt er ein Handy hervor und ruft die App Ictio auf und gibt die Daten dort nochmal ein.

Wie Osvaldo Campos macht William Vela mit bei einem Projekt, welches das Instituto del Bien Común unter Leitung der Wildlife Conservation Society durchführt: 209 Fischer im gesamten Amazonas-Becken geben dabei die Daten der von ihnen gefangenen Fische in die App ein. Internet gibt es in Santa Isidora nicht. Erst im Büro des Instituto del Bien Común in Puerto Bermúdez können die Daten übertragen werden. "Bürgerwissenschaft für den Amazonas" nennt sich das Projekt. „Ich möchte, dass unsere Fische geschützt werden, deswegen mache ich mit“, sagt William Vela.

Fischen ist mühsam, Hühner kaufen einfach

Auch Redina Lopes im Dorf Santa Marta ist Teil des Projektes und tippt ins Handy ein, welchen Fisch sie gefangen hat, wie groß und wie schwer er war. „Seit fünf Jahren mache ich im Komitee mit“, sagt die 32-jährige Mutter von drei Kindern. Wie auch ihr Mann Ezequiel hat sie als Kind Fischen gelernt, Ezequiel sogar noch mit einer Harpune. „Alle Familien im Dorf machen im Fischereischutz-Komitee mit“, sagt Redina Lopes. Zweimal hätten sie Fischwilderer vertrieben. Seither würden sich diese nicht mehr blicken lassen.

Seit einer halben Stunde schon puhlt Lopes Steinchen, Äste, Laub und sonstiges Gezweig aus den Maschen ihres Fischernetzes, die sich dort beim letzten Fang verfangen haben. Eine langwierige Arbeit. Gut eine Stunde brauche sie, sagt Redina Lopes, um ein Netz nach dem Fischen so zu säubern, dass sie es wieder verwenden könne.

Die Fischerin steht in Gummistiefeln am matschigen Ufer des Amazonas und hält ihr Netz hoch, in dem kleine Holzstücke hängen. Ihr Mann hilft ihr und hält das andere Ende.
Fischerin Redina Lopes und ihr Mann Ezequiel säubern ihr Netz nach einem Fang.
Hildegard Willer

Dies ist mit ein Grund, warum die Menschen am Azupizu heute zwar wieder mehr Fisch haben, aber nicht unbedingt mehr Fischen gehen. „Die Menschen an den Flüssen essen heute mehr Hühner, weil sie mehr Ackerbau betreiben, aber auch einfach, weil das Fischen sehr viel mühsamer ist“, sagt Eduardo Castro vom Instituto del Bien Común, der für das Projekt ProPachitea zuständig ist.

Um einen Fisch zu essen, muss jemand des Nachts hinausfahren, stundenlang auf dem Fluss bleiben und hernach noch die Netze säubern. Ein Huhn zu züchten ist dagegen sehr viel weniger aufwändig. Und noch rentabler ist es, Koka anzubauen und mit dem Erlös ein Huhn zu kaufen.

Mariana Varese meint dagegen, dass es von der Region abhängt, wieviel Fisch die Menschen noch essen. Sie betreut bei der Wildlife Conservation Society das Gesamtprojekt „Bürgerwissenschaft für den Amazonas“. Wie so oft in Peru liegen wenige verlässliche Daten vor. In der Amazonas-Region Loreto zum Beispiel würde jede Person pro Jahr 33,3 Kilo Fisch essen, sagt Varese.

Bürgerwissenschaft – kann das auch am Amazonas funktionieren?

Als das Vogelkundler-Laboratorium der Cornell-Universität in den USA vor 17 Jahren ein Programm zur Erfassung von Vogeldaten entwickelte, wussten sie nicht, wie beliebt die App eBird bald werden würde. Mit der Entwicklung des Smartphones wurde das Programm in 27 Sprachen übersetzt. Heute wird es weltweit von Hobby-Ornitholog*innen benutzt, um die Daten beobachteter Vögel einzugeben. In Cornell werden die Daten dann ausgewertet und über die Cloud wieder an die Community zurückgegeben. Über 40 Millionen solcher Einträge (checklistsvermeldet eBird weltweit bis heute.

EBird ist ein Flaggschiff der neuen Bewegung der Citizen Science oder Bürgerwissenschaft, bei der Laien ehrenamtlich Daten für die Wissenschaft sammeln. Die App war das Vorbild für die Wildlife Conservation Society – eine Ausgründung des Zoos von New York –, als sie das Projekt „Bürgerwissenschaft für den Amazonas“ ins Leben riefen. In Anlehnung an eBird entwickelte das Cornell Lab of Ornithology eine App für Fischer*innen: Ictio.

Eine Birding-App ist Vorbild

Damit sollen nun Fischer*innen im gesamten Amazonas-Becken von Peru bis Brasilien Daten erfassen über die Fische, die sie fangen. Das Projekt soll Aufschluss geben über die Art, Menge und die Migrationsbewegungen von 21 Fischarten im Amazonas. Die gesammelten Daten werden wie bei eBird in Cornell ausgewertet und frei verfügbar nachher ins Internet gestellt. Im zentralperuanischen Regenwald ist das Instituto del Bien Común (IBC) der lokale Partner.

Aber funktioniert das im Amazonas-Gebiet? Aufgefallen ist, dass die befragten Fischer*innen nicht recht wussten, wofür sie die Daten sammeln. Edgardo Castro vom IBC bestätigt diesen Eindruck. „Die Fischer*innen haben keinen direkten Nutzen von ihrer Datensammlung", sagt Castro. "Aber sie tragen bei zu frei verfügbaren Daten, die später beispielsweise für neue Richtlinien in der regionalen Fischereipolitik benutzt werden können."

Eine Frage, die immer wieder auftaucht: Sollten die Fischer*innen für ihre Arbeit als Wissenschafts-Assistent*innen bezahlt werden? Diese Forderung äußern Fischer*innen häufig, sagt Mariana Varese von der Wildlife Conservation Society. In der Probephase sei klar, dass alle ehrenamtlich mitmachten. Aber für ein mögliches Folgeprojekt müsste dies neu diskutiert werden. „Wir haben die App aber auch so einfach gehalten, dass es wirklich nicht viel Aufwand ist, die Daten einzugeben“, verteidigt Varese ihr Projekt.

Bürgerwissenschaft ohne gleichberechtigte Bürger*innen?

Bisher scheint sich keine*r der Beteiligten Gedanken gemacht zu haben, ob eine Bürgerwissenschaft nach westlichem Vorbild auf die komplexe peruanische Gesellschaft übertragbar ist. Denn der Begriff Bürgerwissenschaft setzt ja voraus, dass es Bürger*innen mit gleichen Rechten und Pflichten gibt.

Dass dies in Peru immer noch nicht der Fall ist, hat der Bericht der Wahrheitskommission 2003 ganz offiziell bestätigt. Auf dem Papier mögen zwar alle Peruaner*innen gleich sein, aber in Wirklichkeit gibt es Peruaner*innen erster und zweiter Klasse. Die indigenen Bewohner*innen und Fischer*innen des Amazonas-Beckens gehören dabei ganz klar zu den Bürger*innen zweiter Klasse: Sie kommen kaum in den Genuss funktionierender staatlicher Einrichtungen, haben keine Erwerbsmöglichkeiten, und wenn sie in die Stadt gehen, werden sie wegen ihrer Hautfarbe oder Sprache diskriminiert.

Können sich diese Menschen mehr als Bürger*innen fühlen, wenn sie ehrenamtlich Daten für westliche, nicht einmal peruanische Universitäten sammeln? Oder fördern sie damit nur ein postkoloniales Muster, das die von nordamerikanischen und europäischen Universitäten dominierte Wissenschaft bis heute prägt? Und wäre es angesichts der bestehenden wirtschaftlichen Prekarität nicht notwendiger, die indigenen Hilfswissenschaftler*innen für ihre Tätigkeit zu bezahlen?

Mariana Varese nickt nachdenklich. Die Fragen hat sie sich auch schon gestellt. Aber im Kreis der Naturwissenschaftler*innen steht das Hinterfragen der eigenen Rahmenbedingungen im Lichte des Postkolonialismus ganz am Anfang.

Diese Reportage erschien zuerst auf www.infostelle-peru.de.

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