Perspektivlosigkeit, Repression, Gefängnisse als Brutstätten

Warum so viele Terroristen und IS-Kämpfer aus Tunesien kommen

Sarah Mersch Polizei-Fahrzeug, von dem zwei schwerbewaffnete Polizisten runterschauen.

„Weiß man schon etwas über den Attentäter?“ - „Hoffentlich war das kein Tunesier.“ So oder ähnlich fallen oft die ersten Reaktionen in Tunesien aus, wenn irgendwo auf der Welt ein Anschlag verübt wurde – wie zuletzt etwa in Nizza und Wien. Wie geht es zusammen, dass das Land einerseits 2011 einen Diktator gestürzt und demokratische Reformen begonnen hat, andererseits vergleichsweise viele Djihadisten aus dem kleinen Land kommen? Ein Blick in die Geschichte hilft, das Phänomen zu verstehen.

Besonders nach dem Anschlag von Anis Amri auf dem Berliner Weihnachtsmarkt und von Mohamed Lahouaiej Bouhlel auf der Promenade des Anglais in Nizza 2016 rückten tunesische Terroristen auch in Europa mehr in den Blick der Öffentlichkeit. Auch in ihrer Heimat verübten sie 2015 drei große Anschläge – auf das Bardo-Museum in Tunis, ein Hotel in Sousse und gegen einen Bus der tunesischen Präsidentengarde. Gleichzeitig stellten Tunesier*innen die größte Gruppe sogenannter foreign fighters in Syrien und Irak. Der jüngste Angriff in einer Kirche in Nizza, dessen mutmaßlicher Täter ebenfalls Tunesier ist, ist also für viele Tunesier keineswegs eine Überraschung, sondern nur ein weiterer Anschlag, der von der Mehrheit der Bevölkerung mit Scham, Wut und Unverständnis aufgenommen wird.

Immer wieder kamen bei den Anschlägen auch Tunesier selbst ums Leben, nicht nur im eigenen Land, sondern zum Beispiel auch im Januar 2015 in Paris bei der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt, zwei Tage nach dem Charlie Hebdo-Anschlag.

Europa als Terror-Umschlagplatz

Auch wenn die Beteiligung tunesischer Kämpfer erst im letzten Jahrzehnt ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist und systematischer untersucht wurde, reichen die Ursprünge des Phänomens viel weiter zurück - und sind gleichzeitig schon lange eng mit Europa verwunden.

The vast majority of Tunisian jihadis before the revolution used Europe either as a base or as a hub for a number of foreign fighting endeavors.

„Die breite Mehrheit tunesischer Djihadisten vor der Revolution nutzte Europa entweder als Basis oder als Umschlagplatz für ausländische Kampfhandlungen“, schreibt Aaron Zelin in „Your sons are at your service“, der kürzlich erschienenen und bis heute wohl umfangreichsten Studie zu tunesischen Djihadisten. Bereits in den 1980er und 1990er Jahren, unter der autoritären Herrschaft von Habib Bourguiba und Zine El Abidine Ben Ali, war Religionsausübung nur in einem sehr klar begrenzten, vom Staat reglementierten und unter Ben Ali ostentativ zur Schau gestellten Rahmen möglich. Gleichzeitig wurden islamistische Bewegungen in Tunesien massiv unterdrückt, allen voran die damals noch deutlich radikaleren Vorläufer der heutigen muslimisch-konservativen Ennahdha-Partei. Mehrere Schlüsselfiguren der tunesischen Djihadisten-Szene nach 2011, wie zum Beispiel der Kopf der Ansar Al-Sharia, Saifallah Ben Hassine (Abu Iyadh), waren seit den 1980er Jahren im Ausland aktiv, angefangen mit Afghanistan im Kampf gegen die Sowjetunion, in Bosnien und später im Irak. Auch in Europa hatten sich bereits zu dieser Zeit Netzwerke herausgebildet, nicht zuletzt im italienischen Mailand, wo sich mutmaßlich aus Anis Amri Jahrzehnte später radikalisiert hatte.

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