Simbabwes Tarnfarben

Der Maler Gresham Nyaude

Leonie March Gresham Nyaude vor einem unvollendeten Werk

Ein Jahr nach der "historischen" Wahl ist die Hoffnung auf einen Neuanfang in Simbabwe erloschen. Nach dem Sturz Mugabes hat sich die Krise im Land nicht entschärft. Die Regierung herrscht weiterhin mit harter Hand, der Einfluss des Militärs bleibt groß. Nicht nur deshalb setzt Maler Gresham Nyaude auf Tarnfarben.

Ein Beitrag von Leonie March aus dem Online-Magazin Afrika-Reporter.

Gresham Nyaude legt seinen Pinsel beiseite, tritt einen Schritt zurück und begutachtet sein neues Werk. Zwei Figuren sind darauf zu sehen, eine trägt einen Tarnanzug. Tarnfarben und –muster sind ein Markenzeichen seiner Bilder. „Ich habe von Beginn an mit dem Motiv der Camouflage gearbeitet“, erzählt der Maler. Denn seine Heimat Simbabwe sei schon lange ein Militärstaat. Zunächst unter dem Langzeit-Autokraten Robert Mugabe und nun unter seinem Nachfolger Emmerson Mnangagwa, einem langjährigen Wegbegleiter Mugabes. Kritiker sehen in ihm einen Drahtzieher der "Gukurahundi"-Massaker an den Ndbele in den 80er Jahren. Schätzungen zufolge wurden damals über 20.000 Menschen getötet, viele mehr wurden gefoltert, vergewaltigt und vertrieben. Mnangagwa soll als damaliger Minister für Staatssicherheit und Leiter des Geheimdienstes für diese Gräueltaten mit verantwortlich gewesen sein. Er selbst bestreitet das. Zwar hat er eine Öffnung der Massengräber und eine Exhumierung angeordnet, eine umfassende Aufklärung erwarten Opferverbände von ihm und seiner Regierung jedoch nicht.

"Camouflage steht für Macht und Protest"

Am Kabinettstisch sitzen hochrangige Ex-Militärs. Die Armee habe großen Einfluss und Macht, sagt Gresham Nyaude, die Uniformen der Soldaten seien ein Symbol dafür. „Das hat schon der Militärputsch gezeigt, der offiziell nicht so bezeichnet werden durfte. Außerdem ist es für Zivilisten illegal, Tarnfarben zu tragen. Insofern steht die Camouflage für Macht und Protest.“ Der 30-Jährige hat miterlebt, wie seine Landsleute im November 2017 auf die Straße gegangen sind, um den Rücktritt Robert Mugabes zu fordern. Mit der Rückendeckung des Militärs. Damals war erstmals seit Jahrzehnten Hoffnung aufgekeimt. Doch mittlerweile wurde sie wieder erstickt. Bereits kurz nach den Wahlen im Juli 2018 hatten Soldaten auf Demonstranten geschossen. Nachdem der neue Präsident Emmerson Mnangagwa im Januar darauf eine Verdoppelung der Benzinpreise angekündigt hatte, gab es wieder Proteste – auch sie wurden gewaltsam niedergeschlagen. Es gab Tote, Verletzte, Vergewaltigungen.

Gresham Nyaude und ein befreundeter Künstler diskutieren über ein neues Werk
Gresham Nyaude und ein befreundeter Künstler
Leonie March

Gresham Nyaude malt Horror und Leid, Unterdrückung und Armut. Aber die Symbolik seiner Tarnfarben ist noch vielschichtiger. „In der Kultur der Shona ist es nicht üblich, Emotionen zu zeigen“, erklärt er. Die Shona sind die größte Volksgruppe in Simbabwe. Sie würden zum Beispiel verbergen, wenn sie jemanden nicht mögen. Alles andere gelte als unhöflich. Diese Etikette gehe so weit, dass es für viele seiner Landsleute unmöglich gewesen sei, direkte Kritik an Mugabe zu üben, während dieser noch an der Macht war. „Er war eine Art Vaterfigur und die wird laut unserer Kultur nicht in Frage gestellt. Die Kritik wird also getarnt, zum Beispiel durch Sprichwörter.“

Warum Zähne "Idioten" sind

Der Maler deutet mit dem Finger auf die gebleckten Zähne seiner Figur. Auch sie sind ein wiederkehrendes Motiv in seinen Werken. „Eines unserer Sprichwörter lautet sinngemäß übersetzt, dass Zähne Idioten sind, weil sie auch ihre Feinde anlächeln.“ Kulturell verberge man hinter dem Lächeln also seine wahren Gefühle. In der Symbolik der Tarnung kommt all das zusammen: Sie kann Kritik tarnen, aber auch als Waffe eingesetzt werden. Und es gebe noch eine dritte Ebene, fügt Gresham Nyaude hinzu: „Im Jugendslang wird dieses Sprichwort abgewandelt. ‚Mazino‘ – die Zähne – stehen dafür, dass die Zeiten hart sind. Man wird in gewisser Weise von ihnen zermahlen.“

Blick auf die Innenstadt von Harare
Blick auf die Innenstadt von Harare
Leonie March

Gresham Nyaude muss von seinem Atelier nur auf die Straße gehen, um die harte Realität Simbabwes ungefiltert zu sehen. Trotz seines Erfolgs als Künstler lebt und arbeitet er noch immer in Mbare, einem Armenviertel von Harare, in dem er  aufgewachsen ist. In die Innenstadt mit ihren Hochhäusern oder die Vororte zog es ihn nie. „Wenn ich weggezogen wäre, dann hätte sich das wie ein Verrat an meinen eigenen Leuten angefühlt. Hier bin ich schließlich zu dem geworden, der ich bin“, betont er. Für einige Kinder in der Nachbarschaft sei er ein Vorbild und verkörpere die Hoffnung, dass auch sie es einmal, trotz schwieriger Verhältnisse, beruflich zu etwas bringen könnten. Diese Hoffnung sei wichtiger denn je.

Kein besseres Leben nach dem Sturz Mugabes

Denn den Menschen in Mbare mangelt es an allem: Lebensmittel sind rar und teuer. Die Inflation steigt wieder massiv, seit die Regierung im Juni über Nacht Fremdwährungen, wie den US-Dollar, als lokale Zahlungsmittel verboten hat. Es ist ein Versuch, den Simbabwe-Dollar wieder einzuführen - die Landeswährung, die vor zehn Jahren wegen der Hyperinflation abgeschafft worden war. Doch das Vertrauen in die lokale Währung, die derzeit nur innerhalb von Simbabwe gültig ist, ist ebenso gering, wie das in die Regierung. Seit einer erneuten Erhöhung der Benzinpreise können sich viele Simbabwer nicht einmal mehr die Fahrt mit einem Minibustaxi leisten. Wer nach dem Sturz Mugabes auf ein besseres Leben gehofft hatte, wurde enttäuscht.

Wahlplakat, Simbabwe 2018
Wahlplakat, Simbabwe 2018
Leonie March

„Wir sollten uns die Frage stellen, was sich wirklich verändert hat“, fordert der Maler. Ihm selbst habe die Politik noch nie geholfen. „Stattdessen hat sie uns belogen. Meine Aufgabe als Künstler ist es, diese Lügen zu enttarnen und die Politiker herauszufordern.“ Aber momentan sieht er kein Licht am Ende des Tunnels. Im Wahlkampf habe die Regierungspartei ZANU-PF zwar wieder einmal Vieles versprochen, aber: „Hier in Mbare haben wir bis heute keine Jobs, keinen Strom, kein Wasser, aber dafür Fälle von Cholera, über die niemand berichtet.“

Zu der bitteren Armut kommt die Angst vor Soldaten und Polizei. Ein Junge aus der Nachbarschaft wurde bei den Benzinpreis-Protesten im Januar durch einen Bauchschuss getötet, Männer brutal zusammengeschlagen, Frauen vergewaltigt. Der simbabwische Menschenrechtsrat sprach von systematischer Folter. Präsident Mnangagwa hat die Gewalt zwar als inakzeptabel bezeichnet, allerdings machte er dafür nicht nur die Sicherheitskräfte, sondern auch die Demonstranten und Kräfte aus dem Ausland verantwortlich. Er versprach, die Taten aufzuklären. Bislang allerdings wurden nur Oppositionelle und Aktivisten verhaftet.

Maler Gresham Nyaude in seinem Atelier
Maler Gresham Nyaude in seinem Atelier
Leonie March

Gresham Nyaude geht von der Straße zurück an die Arbeit. Hinter seinem Haus hat er sich ein kleines Freiluft-Atelier eingerichtet. Unter einem dünnen Plexiglasdach stehen seine großformatigen Gemälde, die er unter anderem bereits in Johannesburg, Paris und New York ausgestellt hat. Zu seiner Symbolsprache, gehören neben Tarnmustern und gebleckten Zähnen auch Schachfiguren. An jeder Ecke in Mbare werde Dame gespielt, erzählt er. Wer stattdessen Schach spiele, gelte unter den Nachbarn als besonders clever. Es ist also eine künstlerisch-humorvolle Anspielung, aber es geht auch um die cleveren Schachzüge der Mächtigen.

"Der neue König setzt auf die alten Schachzüge"

„Die Bauern symbolisieren die Masse der Bevölkerung. Sie müssen ständig Opfer bringen oder werden geopfert, damit andere ihre Ziele erreichen können.“ Die Dame habe für ihn lange stellvertretend für die ehemalige Präsidentengattin Grace Mugabe gestanden, die hinter den Kulissen die Fäden gezogen habe. „Schach bleibt für mich eine wichtige Metapher für Machtstrukturen, die missbraucht werden und deren Opfer die Bauern sind.“ Sorgsam malt der Künstler die schwarz-weißen Kästchen des Schachbretts aus. Offenbar, sagt Gresham Nyaude bevor er sich wieder in die Arbeit vertieft, setze der neue König auf die alten Schachzüge. Der erhoffte Wandel in Simbabwe lässt noch immer auf sich warten.

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