„Krieg gegen den Terror“: Polizei in Kenia geht skrupellos gegen Muslime vor

In Kenia und Somalia verüben radikale Islamisten regelmäßig schwere Terroranschläge. Seit 2010 kamen dabei mindestens 4000 Menschen ums Leben, die meisten davon in Somalia, aber einige auch in Kenia und Uganda. Kenianische Muslime und Muslima fühlen sich deshalb längst unter Generalverdacht. Menschenrechtler kritisieren, dass im kenianischen Anti-Terrorkampf regelmäßig insbesondere die Rechte muslimischer Verdächtiger verletzt würden: Sie sprechen von Willkür, Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren und Verdächtigen, die spurlos verschwinden. 

Kibundani, ein Dorf an der kenianischen Küste. Beim Anblick ihrer Besucher lachen die Bewohner erleichtert: Es sind bloß eine Weiße und Kashi Jermaine von der kenianischen Menschenrechtsorganisation HUDA, den sie gut kennen. „Als wir das Auto hörten, sind wir sofort in Panik geraten“, erzählt einer der Dorfbewohner, „wir wollten schon fliehen“. Mit einem Auto kommt sonst eigentlich nur die Polizei in Dörfer wie Kibundani, und der Gedanke daran löst hier Todesangst aus. 

Die Brutalität der kenianischen Polizei ist in Kenia bekannt und gefürchtet. In Zeiten von Corona hat sie noch zugenommen. Mit oft tödlicher Gewalt setzt die Polizei Restriktionen durch, die der Eindämmung der Pandemie dienen sollen. Muslima und Muslime laufen nicht nur während der Corona-Pandemie Gefahr, Opfer willkürlicher Polizeigewalt zu werden. Wegen ihrer Religion fühlen sie sich unter Generalverdacht.

Suche nach Verdächtigem endet mit Toten

Ende Mai 2020 erschienen bewaffnete Beamte in Kibundani. Als sie wieder abfuhren, waren drei Menschen tot, darunter zwei Kinder im Alter von vier und sechs Jahren. Außerdem ein acht Monate alter Fötus, den eine Polizeikugel im Bauch seiner Mutter getroffen hatte. 

Kashi Jermaine führt zu dem Haus, in dem die Schüsse abgefeuert wurden. 20 bis 30 bewaffnete Polizisten hätten das Haus umstellt, erzählt Jermaine. Glaubt man der Darstellung der Polizei, dann suchte sie einen Terrorverdächtigen und ein Gewehr. Der Verdächtige habe eine Handgranate auf die Einsatzkräfte geworfen und seine Kinder als menschliche Schutzschilde missbraucht, deshalb seien sie versehentlich mit dem Gesuchten getötet worden, erklärten die Einsatzkräfte im Nachhinein.

Handgranate am Einsatzort

Ganz anders beschreibt Mohamed Ramadan das, was in der Nacht auf den 30. Mai in Kibundani geschah. Er ist der älteste Sohn des Opfers: Die Polizei habe ihre Haustür mit einer Handgranate gesprengt und im Haus wild herumgeschossen. Sein Vater sei währenddessen schon draußen gewesen. Dann habe die Polizei auch ihn festgenommen und nach draußen gebracht. Dabei kam Mohamed an seinem Vater vorbei, der auf dem Bauch am Boden lag, im Griff der Polizisten. Der Sohn musste sich auf dem Dorfplatz hinlegen, neben seinen Onkel. “Wir lagen da vielleicht fünf Minuten, dann hörten wir drei Gewehrschüsse, vielleicht auch vier. Ich wusste nicht, was passiert war, ob jemand erschossen worden war“, erzählt der 22-Jährige. 

Autopsie bringt Hinweise

Kashi Jermaine hat eine genauere Vorstellung von dem, was in jener Nacht geschah. Weil seine Menschenrechtsorganisation im Namen der Familie Aufklärung verlangte, durfte er bei der Autopsie der Leiche dabei sein und bekam anschließend den Autopsiebericht. „Sie haben Mohameds Vater exekutiert. Sie haben ihm befohlen sich hinzulegen und ihm in den Kopf geschossen, der Vater hatte drei Kugeln im Kopf.“

Die Brutalität der kenianischen Polizei ist seit Jahren bekannt und berüchtigt. Allein in diesem Jahr seien mindestens 127 Menschen von der Polizei getötet oder  entführt worden und nie wieder aufgetaucht, heißt es auf der Internetseite „Missing Voices“ . Diese Zahlen umfassen alle Opfer von Polizeigewalt, nicht nur die des kenianischen „Krieges gegen den Terror“.

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