Freiheitskampf 2.0

Vor 30 Jahren kam Nelson Mandela frei. Heute steckt seine südafrikanische Demokratie in der Krise.

Leonie March Künstlerisches Portrait Mandelas aus Glasscherben

Vor 30 Jahren schritt Nelson Mandela mit erhobener Faust durch das Gefängnistor bei Kapstadt. Fast ebenso lang hatte der berühmte Freiheitskämpfer hinter Gittern gesessen. Der 11. Februar 1990 markierte einen Wendepunkt in der Geschichte Südafrikas: das Ende der Apartheid, den Beginn der Demokratie. Doch heute steckt diese Demokratie in der Krise. Der ‚lange Weg zur Freiheit‘ war schwieriger als erwartet. Jetzt wird der Ruf nach einem ‚Freiheitskampf 2.0‘ laut.

Wenn ich nachmittags an Durbans Strandpromade sitze, dann sehe ich sie vor mir, die Regenbogennation. Südafrikaner aller Hautfarben, kultureller und religiöser Hintergründe kommen hier zusammen. Zum Schwimmen, Picknicken, Flanieren. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Strand vor 30 Jahren noch eine Monokultur war, reserviert für die weiße Minderheit. Ebenso wie das Wahlrecht, Bewegungsfreiheit und Karrierechancen, gute Schulen, verkehrsgünstige Wohnviertel, fruchtbares Ackerland – diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

All das scheint in diesen Momenten, wenn die Sonne hinter der Skyline der Stadt versinkt, wirklich vergangen. Schon ein paar Monate bevor Nelson Mandela 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde, hatte der letzte Präsident der Apartheid-Ära, F.W. de Klerk, angeordnet, die Strände für alle Bevölkerungsgruppen freizugeben.

Weisse Stellen, statt Whites Only

Als ich im Juli 1990 zum ersten Mal nach Durban reiste, machten jedoch nur wenige schwarze Südafrikaner von ihrem neuen Recht Gebrauch. Über den Eingängen des Postamts und anderer öffentlicher Gebäude waren die Schilder „Whites Only“ frisch abgeschraubt worden, nur die Umrisse waren noch sichtbar. Damals hoffte die Bevölkerungsmehrheit, dass andere Auswüchse des rassistischen Regimes im Alltag ebenso schnell verschwinden würden. Ich hoffte mit ihnen. Doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Ein Exponat im Mandela Museum zeigt den Alltag während der Apartheid
Alltag während der Apartheid
im Nelson Mandela Museum, Mthatha

Die Strukturen, in die die Apartheid Südafrika gezwungen hat, sind heute fast überall noch sicht- und spürbar. Man braucht an vielen Hauptverkehrsadern, Bahnstrecken und Flüssen nur nach rechts und links schauen: Auf der einen Seite wohlhabendere, ehemals weiße Vororte, in die mittlerweile auch dunkelhäutige Mittelschichtsfamilien eingezogen sind, auf der anderen Townships, in denen noch immer die Bevölkerungsgruppe dominiert, die damals hier nach rassistischen Kriterien – schwarz, farbig, asiatisch-indisch - meist zwangsangesiedelt wurde. Während die einen morgens ins Auto steigen und zur Arbeit fahren, müssen sich die anderen stundenlang in überfüllte Minibustaxis quetschen. Je nachdem, auf welcher Seite man geboren wird, hat man es weit oder nah zu guten Schulen, Krankenhäusern, Arbeitsplätzen, oder besser Einkommensmöglichkeiten, denn Jobs sind in Südafrika so rar wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.

Enorme Ungleichheit

Die offizielle Arbeitslosenquote liegt knapp unter 30 Prozent und umfasst nur jene, die auch aktiv auf der Suche sind. Mittlerweile beziehen mehr Südafrikaner Sozialleistungen als ein Gehalt; magere Summen, mit denen die Großfamilien gerade so überleben können. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist so groß wie in kaum einem anderen Land der Welt. Die enorme und unübersehbare Ungleichheit, verbunden mit der gewaltsamen Vergangenheit Südafrikas, gilt als eine der Hauptursachen der ausufernden Kriminalität. Deren Opfer sind übrigens, entgegen hartnäckiger Vorurteile, nicht in erster Linie weiße Südafrikaner. Aber mit Fakten erreicht man viele dieser Bürger momentan ohnehin nicht mehr.

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Afrika-Reporter