Jung sein in Libyen

Bettina Rühl

Ein Beitrag von Bettina Rühl aus dem Online-Magazin Afrika-Reporter. 

Marwan Eldaisey arbeitet ehrenamtlich für den libyschen Roten Halbmond. Der 31-jährige Libyer hilft Menschen zu retten und Leichen zu bergen. 

Ich habe ihn am Flughafen in der libyschen Küstenstadt Misrata kennengelernt. Er hat mich abgeholt, um für mich aus dem Arabischen ins Englische zu übersetzen und mich die 200 Kilometer in die Hauptstadt Tripolis zu bringen - wegen der eskalierenden Kämpfe in Libyen wurde kürzlich auch der zweite der beiden Flughäfen in der Hauptstadt geschlossen. Marwan fängt an, von sich und seinem Leben zu erzählen, kaum dass ich bei ihm im Auto sitze. Damit zieht mich der 31-Jährige sofort in seinen Bann, trotz aller Müdigkeit nach einer sehr langen Reise. Ich bitte ihn, mir am nächsten Tag noch mehr zu erzählen, und er willigt ein. 

Kurz nach dem Beginn der Revolution habe ich mich als Freiwilliger beim libyschen Roten Halbmond gemeldet. Das normale Leben stand sowieso still, und ich hatte mir immer schon gewünscht, anderen Menschen helfen zu können. Meinen eigentlichen Beruf hatte ich da schon aufgegeben - ich habe Pharmazie studiert und danach sogar einen Job gefunden, aber den habe ich nach einem Jahr aufgegeben. Ich habe gemerkt, dass das nichts für mich ist. Stattdessen habe ich angefangen, mit gebrauchten Autos zu handeln. Ich war froh, durch meine Arbeit beim Roten Halbmond wenigstens etwas Sinnvolles tun und anderen Menschen helfen zu können. Während der Revolution verteilten wir unter anderem Lebensmittel, und ich habe einigen Ausländern geholfen, die plötzlich in Libyen festsaßen. 

Außerdem wurde ich zum Rettungssanitäter ausgebildet. Und nicht nur das: Ich lernte, wie man Lebensmittellieferungen richtig lagert. Und wie man Leichen birgt. Dafür habe ich vom IKRK ein spezielles Training bekommen. Ich habe gelernt, wie ich mich dabei selbst schütze, wie ich die Leichen am besten anfasse und bewege, wie ich sie richtig in den Leichensack lege, wie ich sie nummerieren und beschriften muss. Wir schreiben die Nummer auf einen Anhänger, den wir an der Leiche befestigen, und bringen sie außerdem sichtbar außen am Leichensack an. Das macht es unserer Regierung später einfacher, die Toten zu registrieren. Denn wir übergeben alle Leichen der Regierung. Vom IKRK habe ich die Ausrüstung bekommen, die für diese Arbeit nötig ist, zum Beispiel besonders dicke Handschuhe und einen Schutzanzug. 

Ich habe 2016 anfangen, Leichen zu bergen. Damals kämpfte die GNA gegen den Islamischen Staat, der die Stadt Sirte im Zentrum Libyens kontrollierte. Wir halfen der Regierung, die Toten in der Stadt einzusammeln. Das ist mir anfangs schwer gefallen. Vor dem Krieg konnte ich noch nicht einmal Blut oder eine einfache Verletzung sehen, ohne dass mir übel wurde. Und nun musste ich Leichen anfassen und bergen!

Manche waren in einem Zustand, den man niemals im Leben sehen möchte. Nicht immer sind die Körper intakt, manche sind verbrannt. Manche sind schon seit zwei oder drei Wochen tot, und in diesem Zeitraum verändern sich die Leichen sehr. Sie in diesem Zustand anzufassen, fällt mir trotz der dicken Handschuhe immer noch schwer. Und dann der Geruch! Wir tragen zwar Geruchsmasken, aber die halten oft nicht alles ab. Dann streiche ich mir sehr starkes, arabisches Parfüm unter die Nase, aber nicht einmal das kann alles überdecken. Einen Raum, in dem seit zwei Wochen Tote liegen, kannst du eigentlich nicht mal für zehn Sekunden betreten. Und dann gibt es noch den Unterschied zwischen denen, die du an Land birgst, und denen, die im Wasser waren. Immer wieder werden die Leichen von Ertrunkenen an den Strand gespült. Wenn du die einsammeln musst, verändert das auf jeden Fall deine Psyche.


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