Was machen eigentlich… die ersten tunesischen Fußballhelden der Bundesliga?

Auch wenn Marouen Guezmir, Zoubaier Baya, Mehdi Ben Slimane und Adel Sellimi längst getrennte Wege gegangen sind, bleiben Fußball, Freiburg und Tunesien im kollektiven Gedächtnis auch heute noch eng verbunden, und zwar auf beiden Seiten des Mittelmeers. 

Ein Beitrag von Sarah Mersch aus dem Online-Magazin Afrika-Reporter.

“Guten Tag, die Papiere bitte.” Der tunesische Verkehrspolizist mustert skeptisch meine Fahrzeugpapiere, den Führerschein und meine Aufenthaltsgenehmigung. „Ach, Sie sind Deutsche. Bayern München?“ Als ich verneine und auf „meine“ Mannschaft, den SC Freiburg verweise, hellt sich sein Gesicht auf. Nach kurzer Fachsimpelei über die vier tunesischen Spieler, die dort einst für Furore gesorgt haben, wünscht er mir gute Fahrt.

Verkehrskontrollen gehen in Tunesien nicht immer so reibungslos über die Bühne. Aber inzwischen überraschen mich solche Reaktionen nicht mehr, wenn irgendwo das Wort Freiburg fällt. Denn Marouen Guezmir, Zoubaier Baya, Mehdi Ben Slimane und Adel Sellimi waren in Tunesien Stars. In den knapp zehn Jahren, die ich inzwischen hier lebe, habe ich mich immer wieder gefragt, was aus den vier Spielern geworden ist, die in den 1990er Jahren beim SC für Furore gesorgt haben, damals, als ich noch dort wohnte und dank Dauerkarte die vier regelmäßig auf dem Rasen sah.

Genaugenommen waren Guezmir, Baya, Ben Slimane und Sellimi gar nicht die ersten tunesischen Spieler in der ersten Bundesliga – das war Nizar Trabelsi, der 1989/90 bei Fortuna Düsseldorf unter Vertrag stand. Nach einigen Jahren bei Vereinen in den niedrigeren Klassen und Suchtproblemen beendet er seine Karriere und rückt erst 2001 wieder ins Licht der Öffentlichkeit, weil er für Al Qaida einen Anschlag auf eine belgische Militärbasis geplant hatte und dafür zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Die Freiburger Tunesier waren hingegen die ersten, die sich in der höchsten Spielklasse durchsetzen konnten und maßgeblich zu den Erfolgen des kleinen Vereins aus dem Breisgau beigetragen haben. Aber was war aus den Vieren geworden, gut zwanzig Jahre später? 

Zoubaier Baya und Adel Sellimi waren mir in den tunesischen Medien immer mal wieder untergekommen, weil sie als Kommentatoren oder Trainer bei dem einen oder anderen arabischen Sender oder Verein aktiv waren. Von Mehdi Ben Slimane und Marouen Guezmir zunächst keine Spur. Doch da Tunis zwar drei Millionen Einwohner hat, aber gefühlt genauso klein ist wie Freiburg, gibt es natürlich immer jemanden, der jemanden kennt, der vielleicht eine Idee hat, wo man anfangen könnte zu suchen. Und so bringen mich einige Fragen und Google schließlich auf die Spur des Quartetts. 

Ortstermin Fußballschule

Nach einem kurzen Telefonat empfängt mich Marouen Guezmir in seiner Fußballschule in einem schicken Geschäftsviertel der Hauptstadt. Während im Hintergrund auf vier Kunstrasenplätzen gleichzeitig Kinder und Jugendliche trainieren, erzählt er mir beim Kaffee begeistert, was ihn damals nach Freiburg verschlagen hat. Wie er als Kind auf der Straße gekickt hat und dann als Riesentalent gehandelt wurde, wie der 22-jährige Mittelfeldspieler 1996 eigentlich bei Eintracht Frankfurt probetrainieren sollte und sich dann durch eine Verkettung glücklicher Umstände und Personen, die jemanden kennen, der jemanden kennt, auf einmal im Zug nach Freiburg wiederfand, wo er nach ein paar Tagen Testlauf prompt unter Vertrag genommen wurde.

Doch das Glück hielt nicht lange an. Verletzungspech, der Abstieg des SC Freiburgs in die 2. Liga und Spannungen mit der Führungsriege des Vereins führten dazu, dass Guezmir die meiste Zeit auf der Bank zubrachte. Aber verbittert hat ihn das nicht, im Gegenteil. Wenn er von der Qualität des Rasens und den Trainingsläufen an der Dreisam, des Gemeinschaftsgefühls der Mannschaft und der quasi bedingungslosen Unterstützung der Fans spricht, dann leuchten seine Augen. Sein Vater besucht die Stadt noch regelmäßig, die Trikots aus der Freiburger Zeit hängen zu Hause eingerahmt an der Wand, und Marouen würde dort gerne in Südbaden seinen Trainerschein machen.

Obwohl der Verein gerade abgestiegen war und damals in Tunesien weitgehend unbekannt, gelingt es Trainer Volker Finke, 1997 zwei weitere tunesische Nationalspieler zu verpflichten: Zoubaier Baya und Mehdi Ben Slimane. Baya, der extrovertierte, eloquente Medienprofi, der für einen Sportsender am arabischen Golf arbeitet, antwortet mir binnen Stunden auf Twitter. Auch auf Instagram lächelt er regelmäßig in die Kamera. Als er das nächste Mal in Tunesien auf Familienbesuch ist, fahre ich in seine Heimatstadt Sousse. Eigentlich hätte er gar keine Zeit, aber zu einem Gespräch über Freiburg hat er sich dann doch eingelassen. Aus der angepeilten halben Stunde Kurzinterview werden schnell 90 Minuten. Denn Baya ist stolz darauf, was er in Freiburg geschafft hat. Mit ihm als ersten arabischen Kapitän der Liga hat sich der Underdog Freiburg 2001 zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte für den UEFA-Cup qualifiziert. Doch Baya selbst war zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr dabei, denn er ließ sich von Christoph Daum breitschlagen, zur neuen Saison zu Besiktas Istanbul zu wechseln. Eine Entscheidung des Kopfes gegen sein Bauchgefühl, die er bis heute bereue.  

Mehdi Ben Slimane ist offenbar immer noch so medienscheu wie damals, als er von Olympique Marseille in den Breisgau wechselte. Nach seiner Zeit in Freiburg und dem frühen Karriereende mit nur 28 Jahren verliert sich die Spur des Dribbelkönigs schnell. Auch Google und die sozialen Netzwerke helfen mir bei der Suche kaum weiter. Als letztes vermeldet 2010 ein französisches Onlinemagazine, er trainiere die Junioren des AS Marsa, seines Heimatvereins. Zoubaier Baya gibt mir eine alte tunesische Handynummer von Mehdi Ben Slimane, doch das Telefon ist ausgeschaltet. Marouen Guezmir hat schließlich den entscheidenden Hinweis: ein Café, in einem Vorort von Tunis, ein einfaches Arbeiterviertel, wo der Stürmer aufgewachsen ist. Das Café sei direkt an der Hauptstraße, neben einer Tankstelle. Es sei kein Name dran, aber man könne es nicht verfehlen. Dort solle ich nach Abdallah fragen, Mehdis Bruder. 

Ein Café als Altersvorsorge

Als ich im Fastenmonat Ramadan eines Abends dort vorbei gehe ist der Bruder unterwegs. Ich hinterlasse meine Visitenkarte und einen Zettel, auf dem ich erkläre, dass ich Journalistin bin, ursprünglich aus Freiburg komme und an einer Geschichte über die vier ersten tunesischen Spieler der Bundesliga arbeite. Offenbar ist mein Anliegen kurios genug. Noch am selben Abend ruft der Bruder zurück. Mehdi Ben Slimane sei in Frankreich. Nach Tunesien komme er nur selten, aber ich könne ja mit ihm telefonieren. Wenige Minuten später habe ich seine französische Nummer.

Er sei immer noch im Fußballgeschäft tätig, aber halte sich von den Medien fern, erzählt er mir am nächsten Tag lachend am Telefon. Zu einem Interview muss ich ihn dann aber gar nicht groß überreden, denn auch er erzählt über eine wackelige Messengerverbindung mit Begeisterung und ein bisschen Nostalgie in der Stimme von seiner Zeit in Freiburg. Nach dem Ende der Profikarriere hat er eine Trainerausbildung gemacht und sich 2011 endgültig mit seiner Familie in Frankreich niedergelassen. Als zweites Standbein hat er außerdem noch sein Café in dem Viertel von Tunis, in dem er aufgewachsen ist, und um das sich jetzt sein Bruder kümmert. Ein Café, das war früher die klassische Altersversorgung, die tunesische Vereine oder der Verband verdienten Spielern zur Verfügung stellten. Eine sichere Bank für die Zeit nach dem Karriereende, denn Tunesien ohne seine Unmengen an Cafés ist nur schwer vorstellbar.

Nur wenige Meter die Straße runter steht das Café von Adel Sellimi, dem vierten im Bunde und einem der besten Torjäger in der Geschichte des tunesischen Fußballs, den ich immer noch zu treffen versuche. Vergebens, trotz Nachrichten und Visitenkarten im Café, Anrufen und Nachrichten. Nach Trainerstationen in Tunesien und am Golf ist er Ende 2018 wieder nach Tunesien zurückgekehrt, wo er zuletzt als möglicher neuer Co-Trainer der Nationalmannschaft gehandelt wurde. Vielleicht wage ich ja einen neuen Anlauf.

In Freiburg sind die vier übrigens auch nach wie vor noch präsent: man muss nur Tunesien sagen und dann ist das Gespräch auch meistens sehr schnell beim Fußball. Und mein Trikot von Zoubaier Baya hängt dort auch immer noch im Schrank.  

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