Eingeschränkte Freiräume

Tunesiens queere Community in der Corona-Krise

Sarah Mersch Ali Bousselmi von der tunesischen LGBTQI-Organisation steht, Maske im Gesicht, vor einer Regenbogenflagge

Obwohl die Corona-Krise in Tunesien vergleichsweise wenig Opfer gefordert hat, stellt sie für vulnerable Gruppen trotzdem eine Bedrohung dar. Queere Gruppierungen berichten über massive Auswirkungen auf das Wohlergehen und die Sicherheit von sexuellen Minderheiten.

„Wir wollten gerade unsere Pressekonferenz zum ‚Queer Film Festival‘ starten, da hat die Regierung in aller Eile ebenfalls eine wegen Corona einberufen.“ Ali Bousselmi, Mitgründer und Exekutivdirektor des LGBTQI-Vereins, lacht heute fast über das Timing. Aus dem Festival Ende März wurde nichts, denn die tunesische Regierung gab an diesem Tag bekannt, dass die Grenzen geschlossen werden, verhängte kurz darauf strikte Ausgangsbeschränkungen. „Wir haben dann bei Mawjoudin ebenfalls eine Notfallsitzung einberufen, um zu überlegen, wie wir weitermachen,“ berichtet Bousselmi.

Eigentlich wollte Mawjoudin (arabisch für „Wir existieren“) das Festival dieses Jahr zum dritten Mal veranstalten. Alles war vorbereitet und minutiös geplant. „Es hat weh getan, das so kurzfristig absagen zu müssen.“ In den letzten Jahren waren der Verein und das Festival gewachsen und hatten sich immer mehr in die Öffentlichkeit getraut. Nachdem die erste Edition noch an einem geheimen Ort stattgefunden hatte und nur Mitglieder und Freunde teilnehmen durften, sollten dieses Jahr gleich vier Veranstaltungsorte bespielt werden.

„Wir haben uns dagegen entschieden, es online abzuhalten, denn wir sehen uns so selten“, berichtet Weema Askeri, Vorstandsmitglied der African Queer Youth Initiative

und bei Mawjoudin Koordinator*in für Projekte für queere Geflüchtete und für das Festival. Mit „wir“ meint die 28-jährige nicht-binäre Person das Netzwerk von Organisationen und Individuen aus dem globalen Süden, die sich normalerweise dort treffen. Das Event lebe vom Austausch der Besuchenden, das ließe sich online nicht so einfach reproduzieren, sagt die quirlige Person, die oft mitten im Satz zwischen Englisch, Französisch und Arabisch hin- und herwechselt. „Es ist einer der wenigen safe spaces, den wir haben“.

Wie frei oder unfrei queere Tunesier*innen leben können, ist individuell sehr unterschiedlich und hängt auch vom familiären Umfeld, sozialen Milieu und der Region ab. Während viele vor allem jüngere Leute in den urbanen Zentren an der Küste wie Tunis oder Sousse mehr oder weniger öffentlich ihre sexuelle Orientierung leben können, müssen sich andere, die im Landesinneren wohnen, oft verstecken.

Denn auch wenn in Tunesien inzwischen öffentlich über die Belange queerer Personen diskutiert wird und mehrere Vereine offiziell anerkannt sind, die sich für die Rechte von Homosexuellen und für individuelle Freiheiten einsetzen, ist der Alltag von LGBTQI-Personen oft von Diskriminierungen und Belästigungen geprägt. Auch rechtlich hat sich seit dem politischen Umbruch 2011 quasi nichts getan: Homosexualität ist verboten und wird mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft.

Öffentliche Debatte: ja, rechtliche Anerkennung: nein

RiffReporter fördern

Tauchen Sie ein! Mit ihrem Kauf unterstützen Sie neue Recherchen der Autorinnen und Autoren zu Themen, die Sie interessieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Beitrag lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Beitragskauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Beitrag entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Afrika-Reporter