Fallende Erdölpreise, steigende Armut

Wie die Corona-Pandemie den Reformkurs in Angola erschwert

Tomás Teixeira ein Angolaner namens Caius César auf einem Markt in Luanda, er trägt eine Gesichtsmaske

Angola ist nach Nigeria der zweitgrößte Erdöl-Produzent Afrikas. In der Vergangenheit sprudelte mit den Rohölquellen auch das Geld. In den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts wuchs die angolanische Wirtschaft um fast neun Prozent. Erdöl macht ganze 95 Prozent der Exporterlöse aus.

Doch die Boom-Zeiten sind schon länger vorbei und nun hat die Corona-Pandemie das Land in eine ernste Krise gestürzt: Die Rohöl-Nachfrage ist gefallen, die OPEC hat Produktionskürzungen beschlossen, der Ölpreis ist teilweise stark eingebrochen und bleibt auf niedrigem Niveau. Das hat weitreichende Folgen für Wirtschaft, Politik und Bevölkerung.

Nach fast drei Jahrzehnten endete 2002 der Bürgerkrieg in Angola. Doch der Präsident aus Kriegszeiten blieb: Insgesamt 38 Jahre lang hat José Eduardo dos Santos autokratisch regiert. Während er und seine Familie steinreich wurden, blieb die Bevölkerung bitterarm.

Zu lange hat sich die angolanische Regierung auf ihrem Ölreichtum ausgeruht und Investitionen in die Zukunft versäumt. Doch das soll sich ändern: Seit Herbst 2017 ist Präsident João Lourenço im Amt. Er hat nicht nur Korruption und Vetternwirtschaft den Kampf angesagt, er will auch dringend notwendige wirtschaftliche und soziale Reformen auf den Weg bringen.

Jakkie Cilliers hat sich mit der Frage beschäftigt, wie Angolas Zukunft aussehen könnte, wie dem Land der Weg aus der Armut und der Abhängigkeit vom Rohöl gelingen könnte. Cilliers ist der Gründer des panafrikanischen Think Tanks ‚Institute for Security Studies‘, derzeitiger Leiter der Abteilung „African Futures & Innovation“ und Co-Autor der im März erschienenen Studie „Angolan Futures 2050 – Beyond Oil“.

Angola ist komplett von Rohöl-Exporten abhängig

Kurz nachdem ihre Studie erschienen ist, Herr Cilliers, hat die Corona-Pandemie auch die Länder des Südlichen Afrika erfasst, darunter Angola. Die Infektionsraten sind dort im internationalen Vergleich gering, trotzdem wurden der Ausnahmezustand ausgerufen und Ausgangsbeschränkungen verhängt. Allein das hat natürlich wirtschaftliche Konsequenzen. Im Fall Angolas sind gleichzeitig die Einnahmen aus den Rohöl-Exporten eingebrochen. Wie ernst ist die Lage im Land?

„Die Konsequenzen für Angola sind aus meiner Sicht extrem ernst. Das Land kämpft schon seit einigen Jahren mit einbrechenden Ölpreisen. Und es ist komplett von den Rohöl-Exporten abhängig. Sinkende Einnahmen wirken sich also direkt negativ auf den Staatshaushalt und damit die Lebensumstände der Bevölkerung aus.

Die aktuelle Krise wird dazu führen, dass Angola es in den nächsten Jahren noch schwerer haben wird. Nicht nur, was weiter wachsende Armut, sondern auch die soziale Stabilität angeht. Wir rechnen mit erheblichen Turbulenzen. Auch Lebensmittel-Aufstände sind im Verlauf des Jahres möglich.“

Remote file

Das Problem der Abhängigkeit vom Öl ist ja bekannt. Schätzungen zufolge könnten die Ölreserven Angolas schon im Jahr 2030 ausgeschöpft sein. Deshalb wird auch schon lange über eine Diversifizierung der Wirtschaft geredet – aber was hat sich tatsächlich in dieser Hinsicht getan?

„Bislang nur sehr wenig. Dabei sind die Vorteile von Investitionen in die Landwirtschaft offensichtlich. Angola hat enorm große Flächen fruchtbarer Böden, früher machte die Landwirtschaft auch einen großen Teil der Wirtschaft aus. Heute könnte sie für viele Angolaner eine Existenzgrundlage sein, die Ernährungslage verbessern und soziale Ungleichheit reduzieren. Einfach wird eine Wiederbelebung der Landwirtschaft jedoch nicht.

Außerdem ist der Aufbau einer verarbeitenden Industrie dringend erforderlich. Dann müsste man einfache Dinge, wie Trinkwasser in Flaschen oder Zahnstocher nicht mehr importieren. Auch die Abhängigkeit von teuren Importen wird jetzt in der Corona-Krise besonders deutlich. Trotz seines Ölreichtums importiert Angola sogar Kraftstoffe, weil es keine Raffinerie im Land gibt.

Angola hat beträchtliches Potenzial, aber um es auszuschöpfen muss es vielerorts erstmal die Grundlagen schaffen, so wie beispielsweise die Stromversorgung. Und wieder ist die Abhängigkeit vom Öl ein Problem, denn sie bedeutet auch, dass die lokale Währung überbewertet ist. Das erschwert Investitionen in Produktionsbetriebe und Landwirtschaft. Aber es führt kein Weg daran vorbei: Angola muss seine Bevölkerung ernähren können und es muss einfache Produkte selbst herstellen.“

Angola hat hohe Schulden bei China

Der Druck, die Wirtschaft zu diversifizieren ist also groß – aber liegen diese Pläne nun angesichts der Corona-Pandemie erstmal auf Eis?

„Leider ja. Angola muss seine begrenzten finanziellen Mittel, so wie die meisten afrikanischen Länder, nun erstmal für die Bewältigung der aktuellen Krise einsetzen. Das heißt, dass Kapital, das zum Beispiel ursprünglich für Infrastrukturprojekte gedacht war, umgelenkt wird. Das ist zwar unvermeidlich, hat aber mittelfristig negative Konsequenzen.

Die angolanische Regierung unter Angolas Präsident João Lourenço versucht ja seit einiger Zeit, die jahrzehntelang gewachsene Misswirtschaft und Korruption zu beenden. Aber die Covid-Krise hat Angola sehr hart getroffen, das Land hat hohe Schulden, vor allem bei China, die durch Erdöl abgesichert sind. Das ist keine gute Situation.“

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