Die Afrika-Checker und das Coronavirus in Kenia.

Oder: Was haben Orangenschalen mit dem Virus zu tun?

Ein Beitrag von Bettina Rühl aus dem Online-Magazin Afrika-Reporter. 

Falschnachrichten zum Corona-Virus haben Konjunktur. In Kenia und in anderen afrikanischen Ländern werden vermeintliche Heilmittel, Verschwörungstheorien zur Entstehung der Erkrankung und Lügen über die Gegenmaßnahmen geteilt. Die Organisation „AfricaCheck“ rückt den Halbwahrheiten und Lügen zu Leibe. Sie hat vier Büros in Afrika und überprüft Behauptungen und Informationen zu anderen Themen schon seit 2012. Wer hinter den Falschmeldungen zum Corona-Virus steht, warum der Kampf dagegen so wichtig ist und was man bei der Richtigstellung der „Fake News“ beachten muss, erzählt Africa-Checker Vincent Ng’ethe. 

Ein Porträt von Vincent Ng'the, dem stellvertretenden Direktor der Organisation "Africacheck" in Kenia.
Vincent Ng'the ist stellvertretender Direktor der Organisation "Africacheck" in Kenia
Africacheck

Afrika-Reporter: Wie groß ist in Kenia das Problem mit „Fake News“ im Zusammenhang mit dem Corona-Virus? 

Vincent Ng’ethe:  Das Problem ist riesig. Die vielen Falschinformationen sind gefährlich, weil sie Menschen daran hindern, die Maßnahmen zu befolgen, die nötig wären um zu verhindern, dass sich das neuartige Corona-Virus weiter verbreitet.  Also Vorsichtsmaßnahmen wie den Abstand zu wahren, häufiges Händewaschen, Berührungen im Gesicht zu vermeiden und möglichst zu Hause zu bleiben. Wenn niemand gegen die vielen Falschinformationen vorgeht, wird sich die Krankheit weiter verbreiten. 

Wer schafft und verbreitet denn diese falschen Informationen? 

Es gibt viele Menschen, die daran ein Interesse haben. Zum Beispiel Leute die versuchen, mit angeblichen Heilbehandlungen Geld zu verdienen. Davon gibt es etliche, nicht nur im Zusammenhang mit Corona. Schon vor Corona gab es zum Beispiel Kuren, die angeblich Krebs heilen konnten. Solche Scharlatane verbreiten im Internet auch jede Menge Lügen zu Therapien für Corona. Sie wollen damit möglichst viele Leute auf ihre Internetseiten locken und sich einen Stamm an Followern aufbauen. Sie hoffen auf eine große Online-Gefolgschaft und darauf, dass sie dadurch zu einer Marke werden können. 

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Andere verfolgen eine bestimmte politische Agenda. Diese Leute nutzen die Ängste in der Bevölkerung aus und behaupten zum Beispiel: “Die Regierung tut nicht das Richtige, um diese Krise in den Griff zu kriegen. Wir könnten deine Interessen auch in einer Krise wie dieser viel besser vertreten. Es gibt also eher finanzielle und eher politische Gründe für die Verbreitung solcher Informationen. 

Was sind das denn für Gruppen, die politische Ziele verfolgen?

Einige von ihnen ähneln beispielsweise der Bewegung der Impfgegner in Europa, die unter anderem in Italien stark ist. Andere Leute wollen eine religiöse Gefolgschaft aufbauen. Uns sind schon einige Falschinformationen untergekommen, die diesen Hintergrund hatten. Extrem interessant fand ich zum Beispiel eine Internetseite aus Nigeria. Dort wurden Betende gezeigt und dazu behauptet, das seien Menschen in Italien, die Gott um Vergebung für ihre Sünden bäten. 

No, video of vigil in Peru before coronavirus – not Italians praying for forgiveness

Als wir das Video überprüft haben stellten wir fest, dass es sich bei der Gebetszene um eine Nachtwache in Lima handelte, der Hauptstadt von Peru. Die Betenden hatten sich dort am 6. und 7. Dezember versammelt, also noch bevor China den ersten neuartigen Corona-Fall gemeldet hat, und bevor die Gesundheitskrise in China angefangen hat. Anderswo wurde behauptet, der Tod von Menschen durch das Corona-Virus sei ein Zeichen dafür, dass Gott mit ihren Handlungen unzufrieden gewesen sei. Der Tod sei Gottes Urteil. Als wir das Foto zu dieser Behauptung überprüften stellten wir fest, dass es von einer Kunstveranstaltung in Frankfurt aus dem Jahr 2014 stammte. Ein anderes Foto war 2018 während eines mutmaßlichen Ebola-Ausbruchs in Uganda entstanden. Es gibt viele ähnliche Beispiele dafür, dass Fake News einen religiösen Hintergrund haben. Oder dass Leute eine globale politische Gefolgschaft aufbauen wollen. 

Was ist die seltsamste Behauptung, die Ihnen schon untergekommen ist? 

In vielen afrikanischen Ländern werden Videos geteilt, in denen eine Methode beschrieben wird, durch die man sich angeblich vor dem Corona-Virus schützen kann: Man müsse die Schale einer Orange auskochen und den Dampf inhalieren. Solche „Anbieter“ geben sich in der Regel Mühe, niemanden abzuschrecken. Es heißt also zum Beispiel, wenn man keine Orange zur Hand habe, könne man auch eine Zitrone oder Knoblauch nehmen. Aber wenn man der Anweisung folgt, wird man sich nur die Nase verbrennen, das ist alles. 

Uns fiel auch auf, wie viele auffällige Falschbehauptungen mit dem Foto des bekannten CNN-Journalisten Wolf Blitzer verbreitet wurden. 


Covid-19 spreads more quickly in the dark? Another false claim in overused CNN screenshot

Unter dem Foto heißt es: “Alkohol schützt vor dem Corona-Virus”, oder “Sex schützt vor dem Corona-Virus”. Die Leute, die das verbreiten, wollen sich ganz offensichtlich die Glaubwürdigkeit dieses renommierten Journalisten zunutze machen. 

Wie überprüfen Sie denn, ob eine Behauptung wahr ist oder nicht? 

Wenn man eine Information liest ist es ganz wichtig, ein paar Sekunden lang inne zu halten und sich zu fragen, was man empfindet. Macht die Information Angst? Macht sie wütend? Wenn sie solche Gefühle auslöst, ist das schon ein Hinweis darauf, dass man bei dem Wahrheitsgehalt vorsichtig sein muss. Es ist nämlich eine häufige Taktik, mit einer Meldung möglichst viele Gefühle auszulösen, damit man sie weiterverbreitet. Im zweiten Schritt fragen wir uns, ob die Quelle der Behauptung bekannt ist. Wenn alle, die wir sagen: ich habe das nur weitergeleitet, ist der Gehalt schon fragwürdig. Drittens ist es wichtig zu wissen, woher wir glaubwürdige Informationen kriegen können. Im Fall von Corona ist die Weltgesundheitsorganisation eine gute Quelle. Oder Regierungsinstitutionen, Wissenschaftler, Forscher - alle diejenigen, die sich in Bezug auf das Thema, um das es geht, schon einen Namen gemacht haben. 

Andererseits ist bei politischen Quellen Vorsicht geboten. Wir haben in den vergangenen Wochen gesehen, dass es viel Druck von politischen Führern gab zu behaupten, dass das Malaria-Mittel Chloroquin gegen Covid-19 wirke. Wir wissen, dass daraufhin in Nigeria Menschen an einer Überdosis Chloroquin gestorben sind. In den USA ist jemand gestorben, weil er eine Chloroquin-haltige Flüssigkeit getrunken hat, die aber dazu gedacht war, um einen Fischtank zu reinigen. 

Hot baths, hot hand dryers and other heat will NOT kill coronavirus

Wie verbreiten Sie denn Ihre Korrekturen der Fake-News? Sie veröffentlichen Ihre Ergebnisse auf Ihrer Internetseite, aber bei einer akuten Krise wie der jetzigen erreichen Sie darüber ja vielleicht nicht genug Menschen?

Wir achten darauf, wie die Falschinformation verbreitet wurde und nutzen den gleichen Kanal. Wenn also etwas in den sozialen Medien geteilt wurde, müssen wir unsere Antwort daran anpassen und auch dort teilen. Wir verbreiten unsere Ergebnisse also über Twitter und Facebook. Wir müssen beachten, dass die Aufmerksamkeitsspanne heute kürzer ist. Wir müssen unsere Antwort also knapp halten, zum Beispiel ein kurzes Video verbreiten. Wer mehr wissen möchte, geht daraufhin womöglich auf unsere Internetseite, wo wir mehr Hintergrund anbieten. Wenn wir bei der Gestaltung unserer Botschaft nicht aufpassen, wiederholen wir schlimmstenfalls die falsche Information, und die Korrektur geht unter. Der Grund dafür ist, dass die Korrektur einen weniger anspringt, weniger Gefühle auslöst. 

Wird die Verbreitung von Falschinformationen in Kenia oder anderswo strafrechtlich verfolgt?

In Kenia wurden einige Menschen verhaftet, weil sie falsche Informationen über das Corona-Virus verbreitet haben. Aber es ist nicht unproblematisch, wenn Regierungen mit so etwas anfangen. Solche Maßnahmen enden vielleicht bei Angriffen auf die Pressefreiheit. Das Beste Schutzschild gegen „fake news“ ist eine starke Presselandschaft, die Fehlinformationen nachgehen und sie aufdecken kann.

Das war ein Artikel des Online-Magazins „Afrika-​​Reporter“ - eine Übersicht unserer Beiträge finden Sie hier. Wir freuen uns über Ihre Unterstützung für unsere Recherchen, über Leser und Abonnent*innen. Herzlichen Dank! 

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