50 Begegnungen mit dem Virus

Die #50survivors erzählen, wie sie auf das Virus trafen, - und was andere daraus lernen können

Ein Beitrag des Projekts #50survivors

Alles beginnt in dem einen Moment, in dem das Virus den Weg zum Menschen findet. Zeit genug hat, den Körper zu befallen. Für manche zieht der Augenblick ganz unauffällig vorbei, sie nehmen ihn nicht bewusst wahr. Andere sind sich sehr sicher, diesen Moment zu kennen.

Im Projekt #50survivors begleiten wir über einige Wochen 50 Menschen, die Covid-19 überstanden haben. Mit Hilfe unserer Dialogsoftware haben wir sie zum Auftakt gefragt, ob sie sich an den Augenblick der Ansteckung erinnern können. Ob sie ahnen, wann sie auf das Virus trafen. Schon nach Sekunden kommen die ersten Antworten zurück, zum Beispiel:

In Ischgl // Lasse, aus Braunschweig
Bei der Hamburger Bürgerschaftswahl, ich war Wahlhelfer und habe mit vielen (>1000) Leuten zwei Tage in der Alsterdorfer Sporthalle mit der Auszählung der Briefwahl verbracht. // Lino, aus Berlin
Okay... Ja ich weiß es. Ich habe mich bei einer Patientin die es hatte, aber noch keine Symptome aufwies, angesteckt. Ich bin in der Pflege tätig. // Ramona, aus Willstätt

Es wird deutlich: Viele der #50survivors wissen sehr genau, wo und wie sie sich angesteckt haben. Ihnen ist klar, wann ihr Leben diese Wende nahm. Wann sie von den Gesunden in der Pandemie zu den Infizierten wechselten. Kaum einer, den es nicht kümmert, wann alles begann.

Ich vermute, dass ich mich in der Straßenbahn angesteckt habe. Mein täglicher Arbeitsweg beläuft sich auf 14 Km - eine Tour. Zu Hause steige ich in den Bus ein. Um 6 Uhr morgens ist ein Mindestabstand von 1,5 m problemlos möglich. Ich fahre bis zum Hauptbahnhof und steige dort auf die Straßenbahn um. Im Zuge der Schulschließungen hat der Verkehrsverbund die Taktung auf Ferienmodus gestellt. Das bedeutet, dass die Straßenbahn nicht alle 6 Minuten fährt, sondern alle 20 Minuten. In dieser Zeit füllt sich der Bahnsteig, den Mindestabstand in der Straßenbahn einzuhalten war nicht möglich. // Sonja, aus Ehrenkirchen
Am Mittwoch, 11. März, hatten wir in unserem Dorfgemeinschaftshaus eine Sitzung des Bau-Wege-Umweltausschusses, dem ich angehöre. Im DGH waren etwa 15 Personen an diesem Abend. Dort wurde ich gemeinsam mit einigen anderen Ausschussmitgliedern mutmaßlich von unserem damaligen 2. stellvertretenden Bürgermeister infiziert. Wir haben uns damals zur Begrüßung schon nicht mehr die Hände gegeben. Aber zweieinhalb Stunden gemeinsam in einem Raum zu sitzen und miteinander zu sprechen hat offensichtlich für eine Ansteckung ausgereicht. Fast eine Woche später, am Dienstag, den 17. März, wurde die Coronainfektion des 2. stellvertretenden Bürgermeisters bekannt und alle Anwesenden und ihre im Haus lebenden Familienangehörigen wurden gesundheitsamtlich in häusliche Quarantäne geschickt. Ein Test bei mir fiel positiv aus. Wenige Tage später starb unser 2. stellvertretender Bürgermeister – 70 Jahre alt und krebskrank – an der Coronainfektion. // Matthias, aus Stolpe

Viele Teilnehmende des Dialog-Projekts sagen, sie hätten sich bei der Arbeit angesteckt. Als überall das gesellschaftliche Leben ruhte, Läden, Restaurants und Kneipen zu waren, wurde mancherorts weiter gearbeitet, vor allem in Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen. Das Virus konnte sich weiter ausbreiten. Auf die Frage, wo sie sich angesteckt habe, antwortet eine Krankenschwester aus Nordrhein-Westfalen:

Bei einem Patienten! Er war Covid positiv und hat mir, während mir vor lauter Schwitzen (weil ich in einem Plastiksack steckte) der mangelnde Gesichtsschutz von Mund und Nase rutschte, ins Gesicht gehustet! // Maren, aus Finnentrop

Den meisten der #50survivors scheint die Gefahr, sich anstecken zu können, sehr bewusst gewesen zu sein. Und doch konnten sie es nicht verhindern. Wie im Fall von Sandra aus dem Landkreis Fürth oder von Josef aus Erkelenz:

Am Anfang der Coronazeit, haben wir uns (mein Mann, meine 3 Kinder und ich) dazu entschlossen uns „abzukapseln“ und erstmal zu schauen, was da auf uns zukommt. Wir haben uns nicht mehr mit den Großeltern oder Freunden getroffen. Durch meine Verwandtschaft in Italien und auch den Nachrichten, wusste ich, wie gefährlich der Virus sein kann und wir wollten keinen gefährden. Am Freitag, den 27.03. rief mich mein Bruder an und hat mein Mann gebeten zu kommen, da mein Vater gestürzt sei und er ihn allein nicht mehr hochbekomme. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, was mein Papa hatte. Wir dachten, er hat einen „Männerschnupfen“. Mein Mann hat meinem Papa natürlich geholfen. Am Sonntag, den 29.03, rief dann meine Mama an und meinte, sie haben jetzt die Sanitäter bestellt, meinem Papa geht es zunehmend schlechter, er kann mittlerweile nicht mal mehr aus dem Bett aufstehen. Ich war hin und her gerissen, was ich machen sollte, weil eigentlich war ja da schon das Kontaktverbot. Aber ich hatte eine Vorahnung oder besser gesagt, eine schlimme Befürchtung und deshalb bin ich hingefahren. Ich hatte solche Angst meinen Papa nie wieder zu sehen. Trotzdem war ich eigentlich vorsichtig, ich habe Handschuhe und einen einfachen Mundschutz getragen. Als ich meinen Papa dann da so liegen sah, war es für mich ganz schlimm und dann habe ich mich nochmal zu ihm in den Arm gekuschelt. Zwei Tage später hatte sich meine Befürchtung bestätigt, mein Papa hatte Corona. Wiederum 2 Tage später hatte ich mein positives Ergebnis und habe dann erst meinen kleinsten mit 1,5 Jahren angesteckt, anschließend meinen Mann und meine große Tochter (7), nur der Mittlere (6) blieb verschont, obwohl wir in der Zeit viel gekuschelt haben. // Sandra, aus Puschendorf im Landkreis Fürth
Ich hatte meine Kontakte auf ein Minimum reduziert, deswegen war ich schon überrascht, als ich den positiven Bescheid bekam. Lediglich einmal war ich "leichtsinnig" und bin nochmal im Fitnessstudio gewesen, nachdem ich wegen Corona längere Zeit nicht mehr hingegangen war. Kann gut sein, dass ich mich dort angesteckt habe – ist aber nur eine Vermutung. // Josef aus Erkelenz

Hat das Virus einen erst einmal befallen, kann man selbst zur Gefahr für andere werden. Für die #50survivors hat das vor allem Zweierlei bedeutet: Viele waren so schnell isoliert, dass sie kaum einen Gedanken an die Ansteckung anderer aufbringen mussten. Für andere wurde der Gedanke, Menschen in Gefahr zu bringen, zur Last:

Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht. In Ischgl haben wir uns alle (6 Frauen) irgendwo oder aneinander angesteckt, aber nach der Rückkehr habe ich sicher niemanden infiziert. Weder meinen Mann, noch meine Mitarbeiter. Ich habe alle testen lassen. // Tina, aus Hannover
Ich weiß nicht, ob ich andere angesteckt habe, auszuschließen ist es nicht, aufgrund unseres Aufenthaltes in einem Hotel. Gedanken darüber mache ich mir für diese Situation nicht. Allerdings schon eher darüber, dass wir nach unserer Rückkehr aus dem Skigebiet und bis zum Ergebnis des Tests mit Leuten (Handwerker in unserer Wohnung) geringen Kontakt hatten. Es stellte sich im Nachhinein heraus, dass sie nicht von uns angesteckt wurden… aber da hatte ich kurz Bedenken. // Dana, aus Köln
Ich habe mich tatsächlich zu Hause angesteckt. Mein Freund und ich hatten am Abend des 12.03. Besuch von drei Freunden. Zur Begrüßung und zur Verabschiedung haben wir uns umarmt. Den ganzen Abend haben wir gemeinsam an einem großen Tisch gesessen. Einer meiner Freunde hatte ganz leichte Erkältungssymptome. Noch ahnte ich nicht, dass es Corona sein könnte. Einige Tage später wurde er positiv auf Covid 19 getestet. Somit war ich alarmiert. Wiederum ein paar Tage später bemerkte ich leichte Symptome bei mir. Am 27.03. wurde ich positiv auf Covid 19 getestet. Alle Freunde an diesem Abend haben sich infiziert. Somit wurden durch den Freund 4 weitere Personen angesteckt. Im Nachhinein habe ich oft überlegt, ob dies hätte vermieden werden können, indem wir auf eine Umarmung verzichtet hätten. Die Auswirkungen und die darauf folgende Dynamik, inklusive der Schwere der Infektion bei manchen Menschen, war zu dieser Zeit noch überhaupt nicht allgegenwärtig. Meines Wissens habe ich keine weitere Person angesteckt. // Laura, aus Hamburg


Was tun wir?

Im Dialog-Projekt #50survivors stellen wir 50 Covid19-Überlebenden über Wochen hinweg Fragen, jede Woche zu einem bestimmten Thema. Zu Beginn haben wir nach der Ansteckung gefragt, fortsetzen werden wir mit Fragen wie “Was hat sich seit der Erkrankung verändert?” oder “Welche Menschen wissen von der Erkrankung?”.

Wie genau die Ansteckung erfolgen kann, wie man sich selbst am besten schützt und welche Gefahr man als Infizierter für andere ist: All das erklären versierte WissenschaftsjournalistInnen HIER ausführlich bei Riffreporter. Und warum manche Corona-Infizierte eine große Zahl von Menschen anstecken, wird HIER fundiert erläutert.

Sie haben Fragen, Ideen oder sind selbst betroffen von Covid-19? Dann schreiben Sie uns gern an [email protected] HIER finden Sie ausführlichere Informationen zu unserem Projekt, in dem wir über einige Wochen das Leben von 50 Menschen mitverfolgen, die an Covid-19 erkrankt waren. Die Texte der Teilnehmenden korrigieren wir orthografisch und behalten uns vor, sie stellenweise zu kürzen. Doch in ihre Art des Erzählens greifen wir nicht ein. Alle eigenen Beiträge haben wir sorgfältig auf ihre Präzision, Relevanz und Richtigkeit geprüft. Sie ersetzen aber nicht eine ärztliche Einschätzung und Beratung.

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#50survivors