„Es ist mühsam und frustrierend“

Yvonne*, 50, und ihre Tochter Nicole*, 9, leiden seit Monaten unter den Spätfolgen der Corona-Infektion. Immer wieder kommen neue Symptome dazu

Durch Corona haben meine Tochter Nicole und ich das Vertrauen in die Menschheit verloren. Wir wurden beide Mitte März positiv getestet, seitdem kämpfen wir uns durchs Leben, ständig kommen die Symptome zurück – und neue dazu. Jedes Mal muss ich betteln, um einen Arzttermin zu bekommen. Und wenn wir dann endlich mal beim Arzt sitzen, heißt es nur, unsere Symptome hätten nichts mit Corona zu tun.

Ärztliche Hilfe? Dürfen wir nicht erwarten! Ganz am Anfang, als es Nicole besonders schlecht ging, kam ein Arzt zu uns nach Hause. Das war das erste und einzige Mal. Er kam nur bis zur Haustür und sah aus wie ein Alien in seinem Schutzanzug. Mitleidig schaute er Nicole an. Sie war schwach, blass, hatte tiefe Augenringe, sie sah aus wie der Tod, wie eine Drogensüchtige.

"Dieses Gefühl der Hilflosigkeit erlebe ich nahezu täglich"

Der Arzt horchte sie ab und sagte dann sowas wie: „Die Lunge scheint frei zu sein, aber Ihre Tochter sieht aus, als ob sie Sauerstoff brauchen würde.“ Trotzdem wollte er sie nicht mitnehmen. Man würde sie im Krankenhaus wieder nach Hause schicken, sagte er, weil sie noch allein atmen könne. Ich werde nie vergessen, wie er mich dabei ansah! Eine Mischung aus „Tut mir leid“ und „Ich weiß nicht, was ich machen soll“. Ich war entsetzt. Ein erlebter, gefühlter Albtraum. Selbst jetzt, wenn ich mich nur daran erinnere, muss ich wieder weinen.

Dieses Gefühl der Hilflosigkeit erlebe ich nahezu täglich. Ich verzweifle daran, dass ich meiner Tochter nicht helfen kann, dass ich die Krankheit einfach laufen lassen muss. Es fällt mir auch schwer, ihr noch Mut zu machen, ihr zu sagen: „Gib nicht auf, du schaffst das.“ Wie soll sie das glauben, wenn die Ärzte die Symptome permanent abtun?

Immer wieder leidet Nicole unter Hautausschlägen, roten, dunklen Flecken, Blasen wie bei Windpocken, Entzündungen an Füßen und Händen. Sowas hatte sie vor der Covid-19-Infektion nie! Dazu kommen der immer wiederkehrende Husten und dieses Stechen in der Luftröhre und in der Lunge. An manchen Tagen hat Nicole Angst zu sterben, weil sie so schlecht Luft bekommt. Aber einen Lungenfunktionstest oder ein Röntgenbild der Lunge lehnen die Ärzte ab – sie bekommt ja noch genug Luft, sagen sie.

"Das Virus hat eine alte Frau aus mir gemacht"

Für uns ist das eine schlimme Zeit. Auch ich kämpfe noch immer mit Schwindelanfällen, Gelenkschmerzen, Herzrasen, Schnappatmung, Geschmacksveränderungen und einem allgemeinen Schwächegefühl. An manchen Tagen bin ich so müde und kaputt, dass ich den Alltag kaum bewältigen kann. Das Virus hat eine alte Frau aus mir gemacht.

Dabei brauche ich all meine Kraft, um für meine Tochter da zu sein. Ich sage Nicole immer wieder, dass sie nicht aufgeben soll, auch wenn es manchmal schwer ist. Ich versuche, sie zu beruhigen und streichle ihr über den Rücken. Ich atme gemeinsam mit ihr, sage ihr immer wieder: Wir schaffen das. Wir geben nicht auf. Wir lassen das Virus nicht über unser Leben entscheiden. Dabei hilft uns unser Glaube. Wir beten viel zusammen. Wir bitten unsere Ahnen im Himmel um Hilfe, unsere Omas und Opas. Das gibt meiner Tochter Kraft und Hoffnung.

Das, was aktuell passiert, diese Hilflosigkeit, diese Unsicherheit, dieses Leugnen der Politiker und Ärzte, das alles erinnert mich an Kriegs-Erzählungen meines Opas. Ich bin froh über einen Satz, den er zu mir sagte, als ich Kind war: „Mädchen, achte auf die Zeichen und du kannst richtig reagieren und dich auf etwas vorbereiten. Benutze deinen Kopf und deinen Bauch.“ Dieser Satz macht mir Mut. Er erinnert mich daran, dass ich es schaffen kann, meine Tochter zu beschützen. 

* Namen geändert

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