„Ich traute mich kaum, vor die Tür zu gehen“

Lino, 31, infizierte sich schon im Februar mit Corona. Er hatte hohes Fieber und schlimme Halluzinationen. Und auch jetzt, Monate später, ist es noch nicht vorbei

Ich vermute, dass ich mich bei der Hamburgischen Bürgerschaftswahl am 23. Februar angesteckt habe. Ich war Wahlhelfer und zählte gemeinsam mit vielen anderen Menschen die Stimmzettel der Briefwahlbezirke in der Alsterdorfer Sporthalle aus, zwei Tage lang. Schon am ersten Tag fühlte ich mich komisch. Am Ende des zweiten Tages fiel ich ins Bett, total erschlagen.

An die ersten Tage der Infektion kann ich mich kaum erinnern. Ich habe nur im Bett vor mich hinvegetiert, ich weiß noch nicht mal, wie ich auf Toilette gekommen bin. Ich hatte Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Ohrensausen, Husten, Atemnot und sehr hohes Fieber, 40 Grad. Im Fieberwahn erlebte ich völlig unwirkliche Sachen. Mal dachte ich, in meiner Wohnung wäre es neblig. Dann hatte ich das Gefühl, mit Leuten zu reden. Aber da war niemand. Ich dachte: Das liegt am Fieber. Inzwischen weiß ich, dass Halluzinationen eine mögliche Nebenwirkung sind – weil das Virus auch das Nervensystem befallen kann.

"Das Schlimmste für mich war der wellenförmige Verlauf"

Ende Februar, als ich krank war, wussten die Ärzte kaum etwas über das Virus und seine Folgen. Meine Hausärztin wollte mich nicht sehen. Sie sagte mir am Telefon nur, ich solle zuhause bleiben und mich verhalten wie bei einer Grippe. Ich wurde anfangs auch nicht getestet – kein Kontakt zu einem bestätigten Fall. Aber zwei Freunde arbeiten in medizinischen Berufen. Sie gaben mir Tipps. Und ich las viel: Parallel zu meiner Krankheit konnte ich mitverfolgen, was die Wissenschaftler herausfanden. Später kaufte ich im Internet zwei Antikörpertests – positiv.

Das Schlimmste für mich war der wellenförmige Verlauf. Obwohl es hieß, dass Infizierte nach 14 Tagen nicht mehr ansteckend seien, flammte die Krankheit immer wieder auf. Ich fühlte mich wie in einer Achterbahn. Täglich grüßte Corona. Immer wenn ich dachte, es ist besser, kamen die Symptome zurück. Nicht so schlimm wie am Anfang. Aber so deutlich, dass ich mich kaum traute, vor die Tür zu gehen. Ich hatte Angst, jemanden anzustecken. Ich wollte nicht riskieren, dass andere Menschen sterben. Aber nach ein paar Tagen musste ich raus, um mir was zu essen zu kaufen. Zum Glück hatte ich schon im Januar Atemmasken bestellt. Ich bin dann mit Maske einkaufen gegangen.

"Ich glaube, dass Corona bei manchen Infizierten ein Trauma verursacht hat"

Heute bin ich chronisch erschöpft. Ich arbeite die meiste Zeit von zuhause, aus dem Bett heraus. Das hört sich schöner an, als es ist. Meine Leistungsfähigkeit ist viel niedriger als vorher, meine Lungenfunktion stark beeinträchtigt, ich huste auch noch. Ich spüre, dass da noch irgendwas in mir lauert. Und ich mache mir Sorgen deswegen. Ich versuche halbwegs gesund zu leben. Aber wenn jetzt noch großer privater oder beruflicher Stress dazu käme, würde mein Immunsystem vermutlich kollabieren.  

Und noch etwas anderes macht mir Sorgen: Ich glaube, dass Corona bei manchen Infizierten ein Trauma verursacht hat. Weil wir die ganze Zeit allein zuhause in Quarantäne waren. Da kommt man ins Grübeln und entwickelt eine „Survivor‘s guilt“: Warum habe ich überlebt und andere nicht? Das merke ich auch bei mir. Wenn ich in der Zeitung lese, dass ein Familienvater gestorben ist, ist das ein ganz beklemmendes Gefühl.

Ich habe Psychologie im Nebenfach studiert und habe zum Glück Erfahrung im Umgang mit sowas. Ich weiß, wie ich mit diesem Gefühl umgehen muss. Ich sage mir zum Beispiel immer wieder ganz bewusst: „Ich habe Glück gehabt. Es ist nicht meine Schuld.“ Aber nicht alle Menschen schaffen es, gegen ihr Schuldgefühl anzusteuern. Ich befürchte, dass sich eine ganze Sammlung von körperlichen und psychischen Symptomen bei Betroffenen zeigen wird, deren schnelle und effiziente Therapie zur Herausforderung für das Gesundheitssystem werden wird – selbst wenn die Pandemie irgendwann überwunden ist.

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