"Und jetzt ist er tot"

Die #50survivors erzählen, was sie belastet - und was sie empört

Fast zehn Monate lang begleitet uns das Coronavirus nun bereits. Zehn Monate, in denen es unser aller Leben verändert hat. Überall auf der Welt müssen die Menschen lernen damit zu leben, mit dem Virus, mit den Konsequenzen, mit der neuen “Normalität”. Masken tragen, Abstand halten, Hände waschen, Gruppen vermeiden - all das ist inzwischen Alltag geworden.

Doch mit den Maßnahmen wurden und werden auch andere Stimmen laut. Menschen, die nach Schuldigen für die Corona-Pandemie suchen. “China ist Schuld”, sagte der US-Präsident Donald Trump im April. „Rumänen und Bulgaren“ hätten die Viren mitgebracht aus ihrer Heimat, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zwei Monate später, sie hätten den Corona-Ausbruch im Tönnies-Schlachtbetrieb ausgelöst. Der Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann wettert gegen Bill Gates, die „Pharma-Mafia“ und die Bundesregierung.

Egal, wer wen beschuldigt, immer geht es dabei um eines: um Sündenböcke für die Krise und neue Ausbrüche. Auch die #50survivors beschäftigen sich mit der Schuldfrage. Doch obwohl alle von ihnen infiziert waren, einige von ihnen so schwer, dass sie sich mühsam ins Leben zurückkämpfen müssen, ist die Schuldfrage für sie nicht eindeutig:

Thomas, aus Hamburg // Nein, ich gebe niemandem die Schuld an meiner Corona-Erkrankung. Mein Mann und ich waren nahezu zeitgleich erkrankt, so dass sich nie klären lassen wird, wer »angefangen hat« und die weiteren denkbaren Möglichkeiten einer Ansteckung hängen an Orten/Situationen wie dem Fahren im ÖPNV oder der Einkehr in einen Pub, die man unmöglich auf einzelne Personen zurückführen kann. Es ist einfach passiert.
Peggy, aus Appenweier // Die Schuld an der Erkrankung gebe ich niemandem. Es war eine Verkettung ungünstiger Ereignisse. Okay, da ich in einem Pflegeheim arbeite, denke ich, dass mit den Schutzmaßnahmen einfach zu spät begonnen wurde. Aber trotzdem möchte ich keinen Schuldigen suchen, weil eigentlich alle von der Situation überrollt wurden.
Matthias, aus Stolpe // Nein, ich gebe niemandem die Schuld an meiner Erkrankung. Derjenige, der mich mutmaßlich angesteckt hat, wusste zu dem Zeitpunkt nichts von seiner Infektion. Und jetzt ist er tot.

"Habe ich zu wenig aufgepasst?"

Auch wenn die Mehrheit der #50survivors niemandem die Schuld für ihre Erkrankung zuweisen will - mit dem eigenen Schuldgefühl sieht es oftmals anders aus. Frank etwa macht sich Vorwürfe, weil er das Virus mit nach Hause brachte und seine Mutter und sein Vater krank wurden - so schwer, dass sein Vater fast starb. So wie er geben sich viele der 50 Survivors die Schuld, andere Menschen angesteckt zu haben:

Silas, aus Durmersheim // Nein, ich gebe niemandem die Schuld. Vielmehr gebe ich mir selbst die Schuld, da ich die ersten Anzeichen nicht wirklich ernst genommen habe, und noch einen Freund angesteckt habe.
Michael, aus Roßdorf // Ich hätte nicht Skifahren müssen. Auch wenn Tirol zu der Zeit noch nicht Risikogebiet war, waren bereits Fälle aus Südtirol bekannt. Aber hätte, wäre, wenn. Was soll’s? Das ist so, als wenn man sich fragt, ob man einen Autounfall hätte vermeiden können, indem man nicht ins Auto steigt. Bringt nix.
Birgit aus Würnitz, Österreich // Ich habe mir lange die Schuld daran gegeben meine Mutter getötet zu haben. Ich habe sie angesteckt. Wegen mir ist sie gestorben. Mittlerweile denke ich so nicht mehr. Der Gedanke war nicht richtig. Niemand kann etwas dafür, wenn er ohne Symptome Menschen ansteckt.

Manche Survivors hadern auch mit sich, sie fragen sich: Habe ich genug aufgepasst? So wie Jennifer:

Jennifer, aus Nußbach bei Oberkirch // Hin und wieder waren die Gedanken da: Habe ich wirklich auf alles geachtet? Habe ich zu wenig aufgepasst? Mich zu wenig geschützt? Aber das verfliegt schnell wieder, da ich weiß, dass dieses Virus so hochgradig und schnell übertragbar ist, dass man das zum Teil gar nicht in der Hand hat.

Und wieder andere geben dem Virus selbst die Schuld:

Tina, aus Hannover // Ein Virus unterliegt keiner Schuldfrage. Der macht was er will.

Die Warnungen kamen zu spät

Geht es um die allgemeine Risikoeinschätzung zu Beginn der Corona-Krise, haben einige der Survivors eine klare Haltung. Für Lasse und einige andere, die aus einem Ski-Gebiet zurückkamen, steht fest, dass die Behörden die Gefahr durch das Virus unterschätzt und zu spät reagiert haben:

Lasse, aus Braunschweig // Ich gebe keinem die Schuld. Aber dass die Corona-Situation in Ischgl wahrscheinlich den Offiziellen weit vor öffentlichen Bekanntwerden bewusst war und vertuscht wurde, ist ein starkes Stück. Ich bin gespannt auf die juristische Aufarbeitung.
Yvonne*, aus Österreich // Wenn ich zurückblicke, wie spärlich die Informationen von der Regierung und dem Gesundheitswesen liefen bzw. wie es bis Ende Februar bzw. Anfang März verharmlost, negiert wurde - trotz der Infos und Warnungen, die aus zum Beispiel in Deutschland und Italien in den Medien kamen - sage ich, dass das Gesundheitswesen und die Regierung Schuld sind. Wir waren trotz Warnung der WHO Ende Dezember/Anfang Januar gesundheitstechnisch und schutztechnisch (Mund-Nasen-Masken, Desinfektionsmittel, Handschuhe, etc.) nicht annähernd vorbereitet. Ischgl hätte nicht passieren dürfen. (*Name geändert)
Thomas, aus Homburg // Ich gebe der Gemeinde Ischgl die Schuld, die nicht rechtzeitig auf die Warnungen von bestimmten Behörden reagiert hat, beziehungsweise die Urlauber nicht sachgemäß informiert hat. Ich selbst habe noch am 9. März in Ischgl im Reiseverkehrsbüro angerufen und bekam als Antwort, es sei alles im grünen Bereich. Daraufhin sind wir einen Tag später auch nach Ischgl gefahren. Aber siehe da: Schon am 11. März wurden alle Après-Ski-Lokale geschlossen und ab dem 13. März wurde der Ort Ischgl sogar unter Quarantäne gestellt. Wir konnten gerade noch den Ort verlassen, mit dem Ergebnis, dass mein Kollege und ich uns mit dem Virus infiziert hatten und - wie sich später herausstellte - viele andere Urlauber auch. Aus diesem Grund haben sich mein Kollege und ich uns dem Verbraucherschutzverein angeschlossen, wie bis aktuell ca. 6000 andere Personen auch, und haben eine Klage gegen Ischgl bei der Staatsanwaltschaft Tirol eingereicht.
Simon*, aus Iffezheim // Die Schuld gebe ich niemandem, da die genaue Ursache nicht final geklärt werden konnte! Am ehesten noch dem Versagen unserer Regierung! So sind noch nach Bekanntgabe aus China keinerlei Vorkehrungen getroffen worden. (*Name geändert)
Claudia, aus Friedberg // Ich denke, es wurde zu viel Zeit damit verschwendet, Covid19 abzutun und zu erklären, man hätte alles unter Kontrolle. Covid19 grassiert erwiesenermaßen schon sehr viel länger als Januar/Februar. Man hätte die Sache anfangs ernster nehmen sollen und auch jetzt Lockerungen bezüglich Urlaubsreisen überdenken sollen.

Doch nicht alle #50survivors sehen das so. Einige von ihnen sind sehr zufrieden, wie Behörden und Politiker auf den Ausbruch des Coronavirus reagiert haben. Sie sagen, dass sie froh sind, in Deutschland zu leben, in einem Land, in dem das Gesundheitssystem funktioniert und das von einer Regierung geführt wird, die angemessen und vorsichtig auf die anfangs unbekannte Gefahr reagiert hat:

Tina, aus Hannover // Ich denke, dass wir sehr, sehr viel richtig gemacht haben. Wir hatten wenig Informationen und haben umsichtig gehandelt. Ich halte das Krisenmanagement unserer Regierung für eines der besten weltweit. Die Zahlen geben uns an der Stelle ja auch recht. Ich bin zufrieden und froh, von einer unaufgeregten Physikerin regiert zu werden. Das meine ich auch parteipolitisch unabhängig. Sondern ich denke, dass sie eine der besten Krisenmanagerinnen ist, die man sich wünschen kann. Zumindest ist es das, was auch das Ausland über uns sagt.
Josef, aus Erkelenz // Ich glaube, dass unsere Regierung wie alle anderen von der Corona-Pandemie überrascht und kalt erwischt wurden. Aufgrund der Unwissenheit, wie man dem Virus "richtig" begegnet, wurden strenge Regeln erlassen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und unser Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Es gibt ja die Diskussion, ob unsere Regierung nicht zu überhastet und zu restriktiv gehandelt hat. Ich finde, die Vorsicht in hohem Maße walten zu lassen, um Menschenleben zu retten und deren Gesundheit möglichst zu erhalten, war absolut richtig. Außerdem war die Kommunikation der Regierung resp. der Bundeskanzlerin vorbildlich. Ich bin sehr froh, in dieser schwierigen Zeit eine solche Regierung zu haben.
Matthias, aus Stolpe // Ich fand es großartig, was die Regierungen im Bund und in den Ländern in dieser Zeit geleistet haben. Auch war ich froh, dass ich in einem Land lebe, in dem das Gesundheitssystem funktioniert. Klar gibt es auch Kritik. So ist natürlich die Kultur und die Situation Kulturschaffender lange Zeit hintenüber gefallen. Aber insgesamt finde ich, dass überall ein guter Job gemacht wurde, damit der ganze Laden am Laufen gehalten wird. 

Die Grundrechte schienen plötzlich zweitrangig

Andere Survivors machen zumindest Einschränkungen. Sie finden die Reaktionen und die Maßnahmen der Regierung zwar grundsätzlich angemessen. Doch sie bemängeln, dass nicht alles gut lief: die Versorgung mit Schutzkleidung zum Beispiel, das uneinheitliche Vorgehen der einzelnen Bundesländer sei nicht nachvollziehbar gewesen, die Schutzmaßnahmen seien teilweise zu früh gelockert worden:

Karin, aus Bad Peterstal bei Oberkirch // Grundsätzlich denke ich schon, dass die Maßnahmen notwendig und richtig waren. Wenn sie auch massiv in die Grundrechte eingegriffen haben und gerade die älteren Menschen unter den Kontaktverlusten im Pflegeheim ganz massiv gelitten haben. Insgesamt denke ich aber schon, dass besonnen und vorsichtig auf das Geschehen reagiert wurde. Was meines Erachtens überhaupt nicht gut gelaufen ist, war die Versorgung mit Schutzausrüstung. Hier wurde seitens der Landesregierung ständig nur versprochen - und nichts ist passiert. Das geht gar nicht! Die Einrichtungen wurden einfach im Stich gelassen und wurden hingehalten! Wir mussten schauen, wie wir an Material kommen und wären ohne die Hilfe vor-Ort aufgeschmissen gewesen! Selbst in den Kliniken war zu wenig da! Manches wurde zu Wucherpreisen angeboten - hier wäre auch die Regierung gefragt gewesen, so etwas zu unterbinden. Und noch heute ist die Beschaffung von verschiedenen Materialien schwierig und die Preise sind mitunter auf das Vierfache angestiegen.
Frank, aus Nürnberg // Ich denke, unsere Bundesregierung hat im Großen und Ganzen (sehr) gute Arbeit geleistet. Man muss immer in Betracht ziehen, dass es bisher keine vergleichbare Situation bzw. Schutzpläne oder Vergleichszahlen gab. Man musste Strategien erst neu entwickeln. Da macht man natürlich zu Beginn Fehler und muss nachbessern. Alles in allem sind wir sehr gut durch die letzten Monate gekommen! Was mich genervt hat, waren die Lockerungsdiskussionen der einzelnen Bundesländer. Als die Ministerpräsidenten merkten, dass die Bevölkerung "unruhig" wurde, haben viele aus politischen Gründen viel zu schnell Lockerungen gewährt (Laschet & Co.), die meines Erachtens sehr gefährlich waren. Lobend muss ich Herrn Söder erwähnen, der einen super Job für Bayern und ganz Deutschland geleistet hat. Besonnen und reflektiert. Auch wenn es manchmal hart war, war seine Politik und die Vorgehensweise richtig. 👍
Reiner*, aus Berlin // Zu Beginn der Pandemie - auch angesichts der Bilder aus Italien und Spanien - sehr angemessen. Dann störte mich zunehmend, dass jedes Bundesland sein eigenes Ding machte und man nicht wusste, ob man sich gerade legal oder illegal verhält. Inzwischen stört mich, dass damit nur noch Politik gemacht wird und es nicht mehr um die Menschen geht. Und es stört mich, dass einige Maßnahmen weiter absolutistisch aufrechterhalten werden, auch wenn wir längst mehr wissenschaftliche Erkenntnisse haben und strengere Maßnahmen allenfalls für direkte Hotspots gelten könnten. Trotzdem gelten viele Einschränkungen weiter. Damit zahlt die Gesellschaft einen hohen Preis dafür, dass Politiker sich als Krisenmanager mit offenen Taschen aufspielen. Das wird uns alle für lange Zeit teuer kommen. Sehr bitter. (*Name geändert)

So sehr die Meinungen auseinander gehen, so einig sind sich die #50survivors jedoch in einem Punkt: Schuld laden all jene auf sich, die Abstandsregeln nicht einhalten, Masken verweigern, schon jetzt eine Impfung ablehnen. Die #50survivors haben zu spüren bekommen, dass das Virus kein Hirngespinst ist, sondern das eigene Leben verändert oder bedroht hat. Und niemand hat die Freiheit, das anderen anzutun, wenn es vermeidbar ist.

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