Mehr als eine Kerbe

Wie das Coronavirus das Leben all jener verändert, die ihm wirklich trotzen mussten - manchmal an der Grenze zum Tod

Über Wochen hinweg haben wir uns in unserer Dialog-Recherche mit 50 Menschen ausgetauscht, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten – und zu einem großen Teil auch die Erkrankung Covid-19 durchlitten haben. Über die lange Zeit hinweg wurde deutlich: Kaum einen der Teilnehmenden lässt das Virus gänzlich unverändert zurück, es ist ein Einschnitt im Leben, mal klein und vielleicht bald wieder vergessen, oft aber auch tief und anhaltend. Das, so scheint es, ist die Tücke des Virus: Es kann sich in völlig unterschiedlichen Formen in unser aller Leben schleichen. Und lässt jeden auf andere Weise zurück. 

Manche hält das Virus ganz körperlich gefangen, die Betroffenen leiden an vielfältigen Spätfolgen, obwohl sie offiziell schon als genesen gelten. Ein Phänomen, das längst noch nicht ausreichend bekannt, erforscht und verstanden ist. Andere spüren bei sich Veränderungen, die über die körperliche Gesundheit hinausweisen. So berichtet etwa Sara, dass das Virus zu einem bewussteren Lebenswandel geführt hat, in dem die Gesundheit viel mehr im Vordergrund steht als früher:

Sara, derzeit in London // “Ich gehe viel bewusster mit meiner Energie und meiner Gesundheit um. Sage oft Nein, wenn ich müde bin oder sehe, dass ich bereits einiges geplant habe. Auch nehme ich mir im Alltag mehr Auszeiten, schalte kurz ab oder mache sogar, wenn möglich, ein Nickerchen. Ich kann immer noch nicht voll Sport treiben und muss oft aufgrund fehlender Energie auch Hausarbeiten verschieben. Ich ernähre mich noch gesünder als ohnehin schon, achte auf ausgewogene frische Speisen, meide Fertigprodukte und habe seit Februar keinen Alkohol mehr getrunken und meinen Kaffee-Konsum auf eine Tasse pro Tag reduziert. Ich nehme mehr Vitamine/Nahrungsergänzung zu mir. Da ich durch Corona ziemlich unreine Haut bekommen habe, nehme ich mir nun morgens und Abends viel mehr Zeit für meine Gesichtspflege."

Corona als Life-Changer. Für Sara scheint Corona ein nachhaltiger Wendepunkt der Lebensführung gewesen zu sein. Auch für den Grafik-Designer Thomas ist wenig wie zuvor: 

Thomas, aus Hamburg // “Mein Alltag hat sich schon recht stark verändert. Manche Dinge sind Kleinigkeiten, etwa dass ich darauf achte, außer Handy, Schlüssel und Geldbörse beim Verlassen der Wohnung auch immer eine Maske dabeizuhaben. Oder dass ich in meinem Rucksack stets eine Packung Desinfektionstücher mitnehme. Andere Dinge sind gravierender, zunächst hat meine kleine Firma (ich bin zusammen mit 2 Partnern selbstständig) »nur« Home-Office gemacht und ich habe daher seit Mitte März kaum die Büroräume aufgesucht, außer wenn Kundenbesuch angekündigt war oder wir ein internes Meeting abhalten wollten, das nicht für eine Videokonferenz geeignet war. Glücklicherweise unterstützt mich mein Mann, wo immer er kann (weit mehr als nur materiell) und das hilft mir sehr."

Allzu lange hält das Gefühl, das Leben habe eine Wende genommen, nicht bei allen an. Anorte aus Leipzig etwa ist schnell in den Alltag zurückgekehrt. Und doch ist etwas anders als zuvor – der Blick der Anderen. Erfährt jemand von ihrer Erkrankung, so ist die Reaktion oft ähnlich, berichtet sie: Die Menschen sind entsetzt, weisen sie auf Studien hin, die von “krassen Spätfolgen und Hirnschäden” berichten, “völlig hysterisch und besorgt um mich”.

Anorte, aus Leipzig // “Dann führe ich wie immer das ganz normale Gespräch weiter und versuche zu beruhigen. Es kann noch gar keine Langzeitstudien geben und alle Forschungsergebnisse fußen auf relativ wenig Datenlage von relativ wenig Personen und somit mache ich mir keine Sorgen derzeit. Es ist irgendwie schön zu sehen, dass die Menschen um mich rum so besorgt sind. Gleichzeitig merke ich eben aber auch, wie groß die Unsicherheit und das Unwissen auch ist. Corona ist so ein riesiges Damoklesschwert was über allem schwebt und sobald es runter fällt, köpft es auch sofort. Das ist ja aber gar nicht so. Ich versuche tatsächlich eher ein bisschen meine Erfahrungen zu teilen, die da eben in meinem und in dem Fall von meinen 16 Freunden, nicht so schlimm waren. Das soll auf keinen Fall verharmlosen, aber nicht jeder mit Corona stirbt. Und ich habe oft das Gefühl, dass die Leute das denken."

Manches Mal erleben die Betroffenen auch, dass die Menschen die Genesenen weiterhin für ansteckend halten. “Ob das ein bewusstes oder unbewusstes Verhalten ist”, fragt sich eine der #50survivors, wenn sie dies an ihren Mitmenschen beobachtet. Die Bewegung ist manchmal unscheinbar, fast unmerklich. Genau wie eine kleine Veränderung, die Jette* (Name geändert) erlebt, eine Museumsmitarbeiterin aus Stuttgart. Sie wusste lange nicht, dass sie sich infiziert hatte; das erbrachte erst ein Antikörpertest:

Jette, aus Stuttgart // “Ich habe vorher überhaupt gar keinen Tee getrunken, mochte ihn nicht. Generell fand ich warme Getränke nicht sonderlich attraktiv. Durch den Husten und den Schmerzen in der Lunge habe ich zu Corona-Zeiten angefangen furchtbaren Thymian- und Salbei-Tee zu trinken und mich fast ein bisschen daran gewöhnt. Geholfen haben die beiden schon. Jetzt mag ich zwar immer noch keinen schwarzen Tee aber immerhin Chai Latte Choco-Tee und so mildes Zeug.”

Die Zeit der Erkrankung wird den #50survivors und all den anderen Menschen in Deutschland, die mit dem Coronavirus kämpften, wohl immer in Erinnerung bleiben. Und wer weiß, wenn sie alt sind, werden sie ihren Enkeln oder anderen Jüngeren davon berichten. Vielleicht so, wie diese Drei es vermuten:

Uwe, aus Braunschweig // "Dass es akute lebensbedrohliche biologische Gefahren sowohl für die Menschheit als auch für das eigene Leben und die Familie gibt, die nicht beherrschbar sind und dass diese Gefahren durch die Gier des Menschen befördert werden. Mit den Glocken zu Ostern, die ich im Krankenhaus hörte, ist mir ein zweites Leben geschenkt worden. Ich war dem Tod von der Schippe gesprungen. Das wird nie mehr vergessen."
Anke, aus Homburg // “Ich werde meinen Enkeln ganz sicher erzählen, wie schnell sich plötzlich während dieser Zeit unsere Fauna und Flora ihren Lebensraum (wenn auch nur kurzzeitig) wieder zurückholte (z.B. die Delphine in der Bucht von Venedig etc.) Ich werde diese Zeit mit einem demütigen und auch einem lachenden Auge in Erinnerung behalten."
Lasse, aus Braunschweig // "Weißt Du, Dein Opa saß mal drei Wochen allein in seiner Wohnung. Er war krank, hatte keine Lust zu kochen, weil er nichts schmeckte, er konnte so viel fernsehen, wie er wollte - aber selbst das war irgendwann langweilig, kannst Du das verstehen? - und nach drei Wochen ging er das erste Mal nach draußen. Es regnete, der Himmel war dunkel. Er stellte sich in den Schauer, die Tropfen fielen auf ihn herab, sie durchnässten seine Kleidung, und er ging erst rein, als ihm kalt war. Er duschte. Und als er den Bademantel anzog, dachte er: Jetzt geht das Leben weiter.“

Wer Lasses ganze Geschichte lesen möchte, findet sie HIER. Für die #50survivors geht das Leben weiter. Die Infektion ist für sie eine Kerbe, für manche nicht mehr als eine Schramme, für andere tief. Eine Partnerschaft, ein Kind, ein Jobwechsel, ein Unfall, die Flucht in ein anderes Land: Eine Biographie lässt sich meist an wenigen Punkten festmachen.

Die Corona-Infektion ist für viele in Deutschland zu einer solchen Wendemarke im Leben geworden. Ein Ereignis, das dazu führt, dass sich Menschen wie Sara mehr Zeit für sich nehmen. Ein Ereignis, von dem viele wie Anke und Lasse ihren Enkeln erzählen werden. Ein Ereignis, das den Blick auf das Miteinander verändert hat. 

Friedrich Dönhoff fragte seine Großtante Marion Gräfin Dönhoff kurz vor Ihrem Tod: “Bist du denn zufrieden mit dem, was dir in deinem Leben zugefallen ist?” Die Antwort der im Nachkriegsdeutschland bedeutenden Journalistin kann auch heute für Corona gelten - und für viele, die wie die #50survivors dem Virus getrotzt haben:

„Doch, ich bin eigentlich zufrieden. Obgleich ziemlich viel Trauriges dabei war, muß ich sagen”, sagte sie im Gespräch mit ihrem Großneffen. “Aber ich glaube, wenn mir das so zugemutet worden ist, dann musste es so sein. Dann musste ich das durchleben, um irgendetwas daraus zu lernen. Das ist mir ganz klar.”

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